Vea Kaiser: „Ich habe mir gar nicht so große Gedanken gemacht“ 1

Wien (APA) - In Vea Kaisers neuer Schreibstube nahe des Karmelitermarkts stehen die alten Griechen neben dem Ratgeber „Die vollkommene Ehe“,...

Wien (APA) - In Vea Kaisers neuer Schreibstube nahe des Karmelitermarkts stehen die alten Griechen neben dem Ratgeber „Die vollkommene Ehe“, Balkan-Reiseführer neben Zeitgeschichtsbänden und einer Tito-Biografie: Recherche-Reste für den dritten Roman der 30-Jährigen. „Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger“ erscheint am Donnerstag. Von ihren ersten beiden Büchern wurden 230.000 Stück verkauft.

APA: Frau Kaiser, Ihr neues Buch ist wieder ein turbulenter Familienroman. Wie weit haben Sie dabei aus der eigenen oder Ihrer angeheirateten Familie geschöpft?

Vea Kaiser: Tatsächlich findet sich ein bisschen etwas aus der eigenen Familiengeschichte. Meine Familie stammt aus Niederösterreich. Die Nachkriegszeit und die russischen Besatzungssoldaten haben mich in den Geschichten meiner Großeltern mein Leben lang begleitet. Für mich war schon lange klar, dass ich mich mit dieser Zeit intensiver beschäftigen möchte, weil sie gerade im Osten Österreichs so extreme Erinnerungen hinterlassen hat.

APA: Und die große Bedeutung des Essens für die Familie Prischinger, von der sie erzählen?

Kaiser: Es ist ja total interessant, dass süditalienische und niederösterreichische Großfamilien relativ ähnlich funktionieren. Meine Verwandtschaft und die Verwandtschaft meines Mannes haben keine gemeinsame Sprache, verstehen sich aber blendend. Da wirken noch ein bisschen archaischere Strukturen - vom Respekt vor den Älteren bis zum unbändigen Essen als soziales Bindeglied, aber auch als Zeichen für einen gewissen Wohlstand. Von den Leuten in meinem Alter hat ja niemand mehr einen normalen Speiseplan. Ich habe vor einiger Zeit ein Abendessen gegeben, es waren ungefähr zwölf Gäste, und ich musste sieben verschiedene Diäten berücksichtigen. In der Generation meiner Großeltern ist das völlig unverständlich. Für die ist es luxuriös, überhaupt Essen zu haben.

APA: Die Familie Prischinger ist recht unübersichtlich. Ich habe mich sehr nach einem beigefügten Stammbaum gesehnt, ähnlich dem gezeichneten Ortsplan von St. Peter am Anger in „Blasmusikpop“.

Kaiser: Das hat mir der Verlag ausgeredet. Ich hätte auch gerne eine Balkan-Karte drinnen gehabt, da ich festgestellt habe, dass viele Leute Schwierigkeiten haben, die Länder dort auseinanderzuhalten.

APA: Im Roman wechseln Rückblenden in die Geschichte der Familie mit einem turbulenten Roadmovie von Wien nach Montenegro. Eine gezielte Verwirr-Strategie?

Kaiser: Ich war beim Schreiben so damit beschäftigt, dass die Geschichte irgendwie gut lesbar ist, dass ich mir gar nicht so große Gedanken gemacht habe, was ich jetzt damit will. Zumal ich nach drei Büchern festgestellt habe: Das funktioniert sowieso nicht, weil man ja als Autor ein Buch ganz anders wahrnimmt als die anderen Leser. Ich habe schon festgestellt, dass es Leser gibt, die meine Bücher viel gründlicher lesen als ich selbst. Das ist ja ein Mythos, dass der Autor die objektive Deutungshoheit hat. Diese Kapitel-Verschränkungen haben sich erst beim Schreiben ergeben. Seit ich Bücher schreibe, nehme ich mir ja vor, nicht mehr als 300 Seiten zu schreiben...

APA: ... und sind schon wieder gescheitert...

Kaiser: Ja. Aber mein Erstroman hatte 500 Seiten, der zweite 460, jetzt sind es 425 - ich bin urstolz, ich finde, ich mache Fortschritte. Am Anfang wollte ich wirklich nur eine kleine Geschichte schreiben. Am Anfang war‘s eine junge Frau mit drei Tanten oder Omas, jedenfalls drei älteren Damen, die mit einer Leiche den Balkan entlang fahren. Wohin, das war nicht ganz klar, mir ging‘s nur um diese Reise und diese Figurenkonstellation.

APA: Es gibt ja den einen oder anderen Film mit einem ähnlichen Thema, und Sie selbst haben am Ende von „Rückwärtswalzer“ eine mögliche Verfilmung des Buches gleich mit eingearbeitet. Wie geht‘s denn der angekündigten „Blasmusikpop“-Verfilmung?

Kaiser: Ich weiß es nicht. Mit mir redet ja keiner. Ich bin immer diejenige, die alles als Letzte erfährt. Da bin ich aber auch nicht traurig darüber. Beim ersten Buch wollte ich alles mitverfolgen, überall dabei sein, an allem Anteil haben. Dann habe ich gemerkt: Ich bin da leider nicht der Typ dazu, weil ich nicht teamfähig bin und den Leuten dreinrede, wo ich mich nicht auskenne. Was soll ich meinem spanischen Verlag erklären, wie das Cover aussehen soll? Jetzt sag‘ ich immer: Wenn jemand was von mir wissen will, kann er sich melden.

APA: Die Chance ergreife ich gerne: Was sind denn die „Manen“ im Untertitel Ihres Buches?

Kaiser: Die Manen sind in der römischen Mythologie die Geister der Toten. Das ist ein Wort, das es nicht im Singular gibt und vom altlateinischen „manus“ für „gut“ kommt. Es ist eigentlich ein kleiner Euphemismus, denn in der römischen Mythologie sind die Manen nicht unbedingt was Gutes. Wenn man sie richtig versöhnt, wenn man sie gut behandelt, sind sie einem wohlgesonnen, dann können sie auch einem erscheinen oder vor Unheil beschützen. Aber wenn man sie nicht gut behandelt, wenn man sie nicht versöhnt, wenn man ihnen nicht opfert, dann können sie furchtbare Dinge bewirken und einen heimsuchen. Die Römer hatten große Sorge, ob sie ihre Toten gut behandeln.