Vea Kaiser 2 - „Traue niemals einem Schriftsteller!“
Wien (APA) - APA: Wie viel Raum nimmt eigentlich die Altphilologin in Ihnen noch ein?...
Wien (APA) - APA: Wie viel Raum nimmt eigentlich die Altphilologin in Ihnen noch ein?
Kaiser: Ich habe eigentlich felsenfest vorgehabt, das wird jetzt einmal ein Buch, in dem es nicht um Altphilologie geht, sondern um die Geschichte Österreichs, um die Nachkriegszeit und ein bisschen um den Balkan, das ist ja irgendwie ein Kulturraum. Ich merke ja immer wieder, dass ich in Kroatien besser funktioniere als in Norddeutschland. Aber Fragen wie „Was passiert nach dem Tod?“, „Wie geht man mit dem Tod um?“ stellen wir uns ja immer wieder. Die Römer haben ihren Toten sehr viel Zeit und Raum gegeben. Ich habe das Gefühl, wir leben in einer Zeit, in der Tod ein Tabuthema ist. Er passt gar nicht zu unserem Jugendkult, zum Schönheitswahn. Die Frage, wie man trauert, ist eine Frage, der sich leider jeder Mensch immer wieder stellen muss. Das war ein bisschen auch der Auslöser für diesen Roman: Ich habe 2016 binnen drei Wochen drei sehr, sehr enge Menschen verloren. Mich hat‘s wirklich aus der Bahn geworfen. Ich habe dann gemerkt, mir hilft es am besten, Erinnerungen zuzulassen. Ich habe dann eine Kolumne geschrieben mit Erinnerungen an meine verstorbene Großmutter, die eine dieser drei Verstorbenen war, die ich damals beklagt habe. Da meldete sich ein alter Freund bei mir, dessen Mutter kürzlich gestorben war und der mit mir über diese Trauer gesprochen hat. Mit ihm bin ich jetzt ein halbes Jahr verheiratet.
APA: Dann schreiben Sie in Ihrer Kolumne „Fabelhafte Welt“ doch nicht über eine Kunstfigur, sondern geben tatsächlich etwas von sich preis?
Kaiser: Das ist eine gute Frage. Es ist sicherlich so, dass es für meine Generation ein weniger großer Schritt ist, etwas preiszugeben, als für frühere. Um ehrlich zu sein, ertappe ich mich selber dabei, dass ich manchmal Schwierigkeiten habe, bei der Wahrheit zu bleiben. Und grundsätzlich bin ich der Meinung: Wir Schriftsteller werden doch fürs Lügen bezahlt. Traue niemals einem Schriftsteller! Auch dann nicht, wenn sie Kolumnen schreiben.
APA: Menschen bei bisher über 41 angekündigten Leseterminen vertrauen aber darauf, dass Sie auch wirklich kommen und aus „Rückwärtswalzer“ lesen werden.
Kaiser: Tatsächlich werden es sogar an die 100 werden bis Jahresende. Es ist so ein Privileg, all‘ diesen Leuten mein Buch vorstellen zu dürfen und ihnen vor allem die ganzen Geschichten zu erzählen, die ich nicht ins Buch hineingeschrieben habe. Aber ich merke, dass ich nicht mehr die Energie von früher habe. Mit 23 beim „Blasmusikpop“ habe ich nur drei Stunden Schlaf gebraucht, das geht leider nicht mehr so. Nach „Makarionissi“ hatte ich das, was man beinahe einen Nervenzusammenbruch nennen könnte, weil ich mich einfach zu sehr überarbeitet habe. Ich habe das Buch fertig geschrieben, bin auf Lesereise mit 150 Terminen gegangen und habe sofort wieder einen neuen Roman angefangen - mit dem Ergebnis, dass ich ein halbes Jahr ziemlich beieinander war. Daher habe ich mir vorgenommen, mit dem vierten Roman zu warten, bis der „Rückwärtswalzer“ quasi abgehakt ist. Dabei macht es mich wahnsinnig, gerade kein Buch zu haben, an dem ich schreiben kann. Also stürze ich mich manisch auf anderes, gehe vier Mal die Woche laufen und zwei Mal zum Yoga...
APA: Aber eine Idee für das nächste Buch haben Sie schon?
Kaiser: Natürlich. Ich habe eher das Problem, dass ich so viele Ideen in mir habe, dass ich jetzt schon weiß: So lange werde ich nicht leben. Nach drei Romanen habe ich plötzlich entdeckt, wie groß die Welt der Literatur ist. Ich könnte einen Krimi schreiben, ich habe eine super Idee für ein Kinderbuch oder einen Jugend-Fortsetzungsroman. Theaterstücke habe ich sowieso zwei fertige im Kopf. Ich träume davon, einmal ein Sachbuch zu schreiben: „Das kleine Graecum - Vea Kaiser erklärt die griechische Antike auf 700 Seiten“, das ist so ein Traumprojekt von mir. Gleichzeitig würde ich wahnsinnig gerne ein Sozialprojekt machen, zur Lese- und Schreibförderung von Jugendlichen.
APA: Also kommt jetzt ein Genre-Wechsel?
Kaiser: Nein. Der vierte Roman ist wieder ein Familienroman. Da geht‘s aber dieses Mal um drei Geschwister in ihren 30ern. Die leben in sehr verschiedenen, aber sehr klassischen 2018er-Welten und werden sehr durcheinandergebracht, weil ihre Eltern in Pension gehen und ihnen eröffnen, dass sie jetzt endlich ihr inneres Ich verwirklichen und als Druiden leben wollen.
APA: Da werden sich die Freunde von „Asterix und Obelix“ freuen!
Kaiser: Wissen Sie überhaupt, dass Druiden echt ein Ding sind im Waldviertel? Man kann heutzutage auch druidisch heiraten. Bei diesen alternativen Heiratszeremonien sind Druiden als Zeremonienmeister sehr beliebt. Und wir brauchen gar nicht reden von diesem ganzen Hexenkram, von Drogen, Seancen, von Kräuterseminaren, von alternativer Heilkunde... Man schaue sich nur die Rückkehr der Masern an oder von Keuchhusten. Plötzlich hängen auch sehr gebildete Menschen den obskursten esoterischen Theorien an. Und es wird im neuen Buch auch um die Frage gehen, welche Pflichten erwachsene Eltern in der Pension gegenüber ihren erwachsenen Kindern haben. Viele Menschen wollen sich heute in der Pension oder am Ende des Berufslebens nochmals komplett neu verwirklichen. Die weigern sich, als brave Vorzeigeopas und brave Vorzeigeomas auf die Enkerl aufzupassen, weil sie selbst noch Pläne haben. Die gehen dann auf Weltreise - oder werden Druiden. Ich finde das spannend.
(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)
ZUR PERSON: Mit ihrem in einem fiktiven Dorf im österreichischen Alpenvorland spielenden Debütroman „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ ging 2012 am Literaturhimmel der Stern der 1988 geborenen Niederösterreicherin Vea Kaiser glanzvoll auf. Die Leser rissen sich um ihr Buch, die Journalisten um die Jungautorin: Gezählte 263 Interviews habe sie gegeben, erzählte sie später. Ihr Altgriechisch-, Latein- und Germanistik-Studium bekam durch diesen Erfolg ernsthafte Konkurrenz. Ihr ebenfalls erfolgreicher Zweitling „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ (2015) spielte in Griechenland. „Rückwärtswalzer“ führt nun von Niederösterreich nach Wien-Liesing und von dort nach Montenegro.
(S E R V I C E - Vea Kaiser: „Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger“, Kiepenheuer&Witsch, 432 Seiten, 22,70 Euro. Buchpräsentation am 11. März, 20 Uhr, im Rabenhof Theater, Wien 3, Rabengasse 3)