Harter Brexit, harte Folgen auch für Tiroler Wirtschaft

Exporte, Zölle, Arbeitsgenehmigungen und Co.: Der geplante EU-Austritt Großbritanniens trifft auch Tirols Unternehmen an mehreren Fronten. Für manche ist der Brexit mit viel Unsicherheit und Aufwand verbunden.

Großbritannien droht sich ohne Austrittsabkommen aus der EU-Gemeinschaft zu verabschieden. Unternehmen versuchen sich darauf einzustellen.
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Innsbruck –Noch ist offen, ob Großbritannien wie geplant am 29. März aus der EU austritt und unter welchen Umständen das erfolgt. Hinter den Kulissen wird kräftig gerungen, auch eine Verschiebung des Brexits ist denkbar. Derzeit ist jedenfalls unklar, ob es zu einem „harten“ Brexit ohne EU-Abkommen kommt oder sich die Briten mithilfe eines Abkommens relativ von Europa trennen. Diese Unsicherheit trifft auch Unternehmen an mehreren Fronten. Der Holzkonzern Egger aus St. Johann beispielsweise betreibt ein Werk im englischen Hexham und eines im schottischen Auchinleck. Ein Brexit – „hart“ oder „weich“ – werde den Warenstrom beeinflussen, erklärt Egger-Sprecher Thomas Leissing. „Zwar produzieren wir dort für den britischen Markt, doch wir haben Materialien, die wir vom Kontinent anliefen müssen, etwa Kantenschichtstoff für die Möbelfertigung“, erklärt der Manager. „Ohne ein Abkommen werden wir solche Materialien dann verzollen müssen.“ Internen Berechnungen zufolge würde ein harter Brexit die Einfuhr dieser Zusatzwaren nach England um 7 % verteuern. „Auch Rohstoffe wie Leim oder Methanol müssten importiert und verzollt werden“, ergänzt Leissing. Angesichts der Brexit-Unsicherheit würden daher bereits die Lager auf der Insel gefüllt. „Jeder füllt die Lager auf, auch aus Sorge davor, dass die Rohstoffe ausgehen, wenn Lkw nach einem Brexit ewig an der Grenze warten müssen“, so Leissing.

Stichwort Grenze: Hier sei Großbritannien säumig, die nötige Infrastruktur aufzubauen. „Man benötigt etwa Parkplätze, IT-Systeme, Beamte – im französischen Calais wird das gebaut, die Engländer aber machen das nicht“, weiß Leissing zu berichten. Auch die Egger-Werke in England müssten sich für die Zoll-Thematik umstellen. „Wir übernehmen die ganze Verzollung, bräuchten aber dafür auch Ansprechpartner in England.“

Ungelöst sei in England bislang auch das Thema Arbeitsgenehmigung. „Wir haben österreichische Mitarbeiter in England. Die sind natürlich nervös“, schildert Leissing. Sie seien schließlich auf die Insel gegangen, um dort zu bleiben. „Großbritannien müsste erst ein Gesetz verabschieden, damit diejenigen EU-Bürger, die bereits in England arbeiten, auch nach dem Brexit bleiben dürfen.“ In diesem Zusammenhang sei auch die Frage der Arbeitserlaubnis etwa für Montagearbeiter offen, wenn diese nach dem Brexit zum Beispiel für ein halbes Jahr nach England müssen.

Der Brexit werde EU-Firmen jedenfalls langfristig betreffen. „In der EU gelten großteils gesetzlich gleiche Normen. Jede Gesetzesentwicklung in England wird sich künftig nicht nach der EU richten – von der Arbeitsplatzsicherheit über den Formaldehydanteil in Baustoffen bis zu Bauordnungen für Holzbauten: Vielleicht müssen wir für den UK-Markt eigene Platten produzieren, wer weiß?“, so Leissing.

Auch für den Tiroler Tourismus werfe ein „harter“ Brexit wesentliche Fragen auf, sagt Touristiker und Seilbahnobmann Franz Hörl. „Dabei geht es nicht nur um die neuen Regelungen für künftig nicht mehr als EU-Bürger einreisende Gäste, sondern vor allem auch um die Beschäftigung von britischen Arbeitskräften in Tirol“, so Hörl. Zu den zentralen Themen zähle dabei unter anderem die Zukunft jener britischen „Tour Operators“, die Gesamtpakete in Tirol anbieten. „Diese bieten ihren Gästen vor allem im Winter Komplett­angebote an und setzen diese vor Ort mit eigenem Personal um. Dazu zählen nicht nur die Skilehrer, sondern auch die Arbeitskräfte in den Unterkünften“, schildert der Zillertaler: „Wenn es künftig nicht mehr möglich ist, Briten als Saisonarbeitskräfte einzusetzen, droht dieses in manchen Tourismusregionen durchaus umsatzrelevante Modell einzubrechen.“ Für bestehende Saisonarbeitsverhältnisse gelte: Briten können bis zum Ende des Beschäftigungsverhältnisses im selben Unternehmen beschäftigt bleiben. Für künftige Job-Verhältnisse werde eine Rot-Weiß-Rot-Karte plus mit vereinfachten Bedingungen und unbeschränktem Arbeitszugang zur Verfügung stehen. Britische Skilehrer, die beim Brexit über eine aufrechte Bewilligung verfügen, sollen weiter als solche arbeiten können.

Wie sehr die Brexit-Unsicherheit Tirols Unternehmer belastet, zeigte unlängst auch eine Veranstaltung der Wirtschaftskammer, an der rund 100 Tiroler Unternehmensvertreter teilnahmen. „Was bedeutet es, in einen Drittstatt zu exportieren? Was bedeutet es, wenn Zölle anfallen? Wie muss ich mich um britische Mitarbeiter kümmern? Brauche ich neue Zertifizierungen, wenn ich meine Produkte in Großbritannien absetzen will?“, waren dabei nur einige der vielen Fragen, die bei den heimischen Produzenten thematisiert wurden, schilderte Gregor Leitner von der Außenwirtschaftsstelle der Tiroler Wirtschaftskammer. „Wenige bereiten sich wirklich vor, die meisten beobachten, einige füllen ihre Lager auf“, schilderte Leitner: „Auf vieles kann man aber eh erst im letzten Moment reagieren, wenn das Ende bekannt ist.“ (mas, ecke)

11.000 Briten können bleiben

Wien — Rund 1500 Personen aus Großbritannien leben in Tirol, nur in Wien sind es mit circa 4100 mehr, insgesamt gibt es in Österreich rund 11.000 britische Staatsbürger. „Ein harter Brexit trifft die Tiroler Wirtschaft, aber natürlich auch die in Tirol lebenden Britinnen und Briten", sagte Landeshauptmann Günther Platter Ende Jänner zum Beschluss des Tiroler Brexit-­Begleitgesetzes. Es beinhaltet Vorsorgemaßnahmen, um die Auswirkungen eines möglichen harten, nicht geregelten Brexits am 29. März abzufedern.

Mit dem Landesgesetz soll für britische Staatsangehörige mit aufrechtem Dienstverhältnis zum Land Tirol, einer Gemeinde oder dem Gemeindeverband sichergestellt werden, dass trotz Verlust der Unionsbürgerschaft das Dienstverhältnis nicht automatisch aufgelöst wird und zugleich das Recht auf die Anwartschaft auf ein­e Pensionsversorgung nicht automatisc­h erlischt.

Aber auch juristische Sachlagen sollen abgesichert werden. So wird auch sichergestellt, dass weiterhin die aktuelle Rechtslage gilt. Davon betroffen sind der Tiroler Grundverkehr, das Tiroler Wohnbauförderungsgesetz und berufsrechtliche Bestimmungen. Insbesondere sind anhängige Verfahren nach derzeit geltender Rechtslage abzuwickeln.

Britische Staatsbürger müssen aber beachten, dass sie mit dem Austritt Großbritanniens um einen Aufenthaltstitel in Österreich ansuchen müssen.

Wer sich Ende März schon mehr als fünf Jahre rechtmäßig in Österreich aufgehalten hat, soll demnach auf einen unbefristeten Aufenthaltstitel „Daueraufenthalt — EU" umsteigen können. Den anderen steht ein erleichterter Zugang zur „Rot-Weiß-Rot-Karte plus" offen. Das sieht das in der Vorwoche beschlossene Begleitgesetz des Bundes vor.

Darin wird auch sichergestellt, dass jene 14 britischen Studierenden, die Studienbeihilfe in Österreich bekommen, diese weiterbeziehen können. (TT)


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