Russland: Experten sehen Gefahren eines Atomkriegs

Washington/Moskau (APA) - Jeder zunächst auch bloß konventionelle Krieg zwischen Nuklearmächten könnte zum Weltuntergang führen, warnten am ...

Washington/Moskau (APA) - Jeder zunächst auch bloß konventionelle Krieg zwischen Nuklearmächten könnte zum Weltuntergang führen, warnten am Dienstag Experten in einer Moskauer Konferenz zur strategischer Stabilität. Nach den USA am 1. Februar hatte am Montag auch Russland offiziell seinen Ausstieg aus dem INF-Vertrag verkündet, der seit 1988 die Stationierung nuklearer Mittelstreckenraketen eingeschränkt hatte.

„Strategische Stabilität auf globalem Level kann nur garantiert werden, wenn es für keine Stimuli gibt, gegeneinander Krieg zu führen. Das gilt nicht für Russland und die USA, sondern für alle Nuklearmächte“, sagte der namhafte Außenpolitikexperte Dmitri Trenin vom Moskauer Carnegie-Zentrum.

Trenin skizzierte Risikofaktoren, die zu militärischen Auseinandersetzungen führen könnten. Einerseits habe der Druck der Gesellschaft sowie eines Teils der politischen Eliten abgenommen, die in der Vergangenheit in stärkerem Ausmaß einen vorsichtigeren Umgang mit Nuklearwaffen und Militäreinsätzen eingefordert hätten. Andererseits seien durchaus wissenschaftlich anmutende Theorien aufgekommen, wie Nuklearmächte auch ohne die Anwendung von Nuklearwaffen zu besiegen seien.

Der Experte betonte gleichzeitig große Unterschiede zur Situation des späten Kalten Kriegs, in dem Sowjetunion und USA jeweils über die Besiegung der anderen Supermacht nachdachten: „Wenn es nun zu Kampfhandlungen kommen sollte, dann als Resultat eines Fehlers, einer falschen Einschätzung oder eines Missverständnisses“, sagte Trenin. Er sprach von der Wichtigkeit der direkten Kommunikation zwischen führenden Militärs und erwähnte das gestrige Treffen des russischen und US-amerikanischen Generalstabschefs in Wien als diesbezügliches Beispiel.

Skeptisch über die Relevanz derartiger Treffen zeigte sich am Dienstag indes der Generalleutnant der Reserve, Jewgeni Buschinski, der vor seiner Pensionierung bei den Russischen Streitkräften maßgeblich mit Abrüstungsfragen beschäftigt war. „In diesen Kontakten geht es nicht um strategische Stabilität oder die konzeptuelle Revision der Beziehungen (zwischen Russland und den USA, Anm.)“, sagte er.

Heftige Kritik übte Buschinski an Washington: „Wenn man sich alle aktuellen Dokumente zu Militärdoktrinen ansieht, habe ich den Eindruck, dass die Amerikaner sich die Möglichkeit eines Kriegs mit der Russischen Föderation und auch mit China vorstellen können. Das schließt auch die Verwendung von Nuklearwaffen ein und das ist sehr beunruhigend“, sagte der Ex-Militär.

Das Aus für den INF-Vertrag würde indes zu keinem Wettrüsten nach dem Vorbild der späten 1960er-Jahre führen, prognostizierte Buschinski. Es sei sehr teuer so ein Arsenal zu erhalten und es mache auch keinen Sinn, den Planeten zehn Mal zu vernichten, betonte er. Zudem verfüge Russland über Raketensysteme, die nicht abgefangen werden könnten. Diese seien bereits in den letzten Jahren als Antwort auf den 2002 verkündeten Ausstieg der USA aus dem ABM-Vertrag über die Begrenzung von antiballistischen Raketenabwehrsystemen entwickelt worden.

Deutlich warnte Buschinski vor der Stationierung neuer Mittelstreckenraketen in Europa. Sollten die baltischen Staaten, Rumänien oder Polen dies anstreben, wäre das eine Wiederholung der Kubakrise. „Aber womöglich müssen wir einen Tiefstand unserer Beziehung erreichen und an den Rand einer nuklearen Katastrophe kommen, um substanzielle Gespräche über ein neues System (zur Regulierung von Nuklearwaffen, Anm.) zu führen“, erklärte der Generalleutnant der Reserve.