Warum schwieg der Papst? Die Kirche und der Holocaust
Berlin/Rom/Vatikanstadt (APA/dpa) - Es gab Fackelzüge, Schweigemärsche, Bombendrohungen. Das Theaterstück „Der Stellvertreter“ über Papst Pi...
Berlin/Rom/Vatikanstadt (APA/dpa) - Es gab Fackelzüge, Schweigemärsche, Bombendrohungen. Das Theaterstück „Der Stellvertreter“ über Papst Pius XII., uraufgeführt an der Freien Volksbühne Berlin, löste 1963 einen Skandal aus. Denn zum ersten Mal wurde hier die Haltung der katholischen Kirche zum Holocaust angeprangert. Schon bald kam die Forderung auf, dass der Vatikan alle Akten zu dem umstrittenen Weltkriegspapst zur Verfügung stellen müsse. Jetzt endlich ist es soweit: Papst Franziskus hat angekündigt, das Geheimarchiv des Vatikans mit den Dokumenten zu Pius vom 2. März 2020 an zu öffnen.
In Rolf Hochhuths Drama „Der Stellvertreter“ bedrängt ein Pater den Papst, doch endlich öffentlich gegen die Ermordung der Juden Stellung zu beziehen. Aber der entgegnet: „Die Staatsräson verbietet, Herrn Hitler als Banditen anzuprangern.“ Seitdem ist die Frage nie mehr verstummt: Warum hat die Kirche geschwiegen?
Eine mögliche Antwort ist: Sie hat gar nicht immer geschwiegen. So verschickte die niederländische Bischofskonferenz 1942 einen Hirtenbrief, der in allen katholischen Kirchen des Landes verlesen wurde und in dem sie offen ihr „Entsetzen“ über die Verschleppung der Juden zum Ausdruck brachte. Das Vorgehen widerspreche „dem tiefsten sittlichen Empfinden des niederländischen Volkes“, kritisierten die Bischöfe.
Das war sehr mutig. Aber was geschah dann? Die deutschen Besatzer in den Niederlanden reagierten sofort. Sie ließen gezielt katholisch getaufte Juden verhaften und schickten sie in die Gaskammern. Eines ihrer Opfer war die später heilig gesprochene Ordensschwester Edith Stein.
Pius XII. soll vor Schreck kreidebleich geworden sein, als er von diesen Razzien in der Zeitung las. Angeblich sagte er damals: „So ist es besser, in der Öffentlichkeit zu schweigen und für diese armen Menschen, wie bisher, in der Stille alles zu tun, was menschenmöglich ist.“ Die Erfahrung aus den Niederlanden unterstreicht in jedem Fall das schreckliche Dilemma, in dem sich die Kirche angesichts eines zum Morden so entschlossenen Gegners befand. Schweigen oder Stellung beziehen - eines erschien so falsch wie das andere.
Die Öffnung der Archive dürfte die Debatte um Pius XII. und die Rolle der katholischen Kirche im Nationalsozialismus deshalb auch nicht beenden. Denn selbst wenn die Sichtung ergeben sollte, dass der Papst über das Schicksal der Juden genauestens informiert war, bleibt immer noch die Frage, ob es aus damaliger Sicht klug gewesen wäre, die Verbrechen der Nazis öffentlich anzuprangern.
„Was darüber hinaus noch an unangenehmen Dingen herauskommen wird, muss man sehen“, sagt die Historikerin Petra Terhoeven der Deutschen Presse-Agentur. „Sehr spannend wäre die Frage, inwieweit der Papst die Flucht zahlreicher NS-Größen über Rom nach Südamerika gedeckt hat.“
In der Synagoge von Rom hat man die Nachrichten aus dem Vatikan mit Interesse vernommen. Hier, im historischen jüdischen Ghetto, lebt man seit Jahrhunderten in unmittelbarer Nähe - und doch so weit getrennt - vom Zentrum der katholischen Kirche. Auch hier wurden die Juden im Krieg zusammengetrieben und deportiert - nur etwa drei Kilometer vom Dienstsitz von Pius XII. entfernt. Erst in den 80er Jahren schaffte es Johannes Paul II. als erster Papst in der Geschichte, die Synagoge zu besuchen.
Die jüdische Gemeinde in Rom erwartet sich von der Archivöffnung nicht, dass die Geschichte von Pius XII. neu geschrieben wird. „Einzelne Katholiken haben ihre Türen (für verfolge Juden) geöffnet“, sagt Fabio Perugia vom Jüdische Weltkongress in Italien. „Aber der damalige Papst hat offiziell nie einen Akt vollbracht, der uns heute sagen lässt, dass es keine Zweifel an seinem Einsatz gegen die Deportationen gibt.“
Historikerin Terhoeven hofft, dass sich die Kirche den dunklen Kapiteln ihrer Geschichte nun stellen wird. „Ich denke, dass die Kirche nur gewinnen kann“, sagt sie. „Berechtigter Kritik kann man heute einfach nicht mehr durch Kommunikationsverweigerung begegnen.“ Kein seriöser Forscher bestreite, dass sich auch die Kirche in der Nazizeit schuldig gemacht habe. Als Hitlers Wehrmacht 1936 ins demilitarisierte Rheinland einzog und damit den Versailler Vertrag brach, wurden die Truppen von katholischen Priestern gesegnet, und der Kölner Kardinal Karl Joseph Schulte begrüßte die „berufenen Waffenträger unseres Volkes mit ergriffener Seele“.
Aber es gehören eben auch andere Geschichten zum Gesamtbild. Schwester Marie-Aurélie versteckte in Brüssel jüdische Mädchen. Eines Tages stand die Gestapo vor der Tür. Aber weil drei Mädchen gerade nicht da waren, konnte Marie-Aurélie die Häscher überreden, die Kinder noch eine Nacht bei ihr zu lassen und am nächsten Morgen nochmal wiederzukommen. Bei ihrer Rückkehr fanden sie die Schwestern gefesselt. Und die Mädchen? Alle weg! Partisanen hätten sie entführt, erzählte Marie-Aurélie. Das war gelogen: In der Nacht hatte sie all ihre Schützlinge in Sicherheit gebracht. Lange war die mutige Nonne vergessen, aber heute wird sie geehrt: in der israelischen Holocaustgedenkstätte Yad Vashem - als Gerechte unter den Völkern.