Theater Nestroyhof als Erinnerungsraum: „Falsch“ von René Kalisky

Wien (APA) - Das auch architektonisch an eine versunkene Welt erinnernde ehemalige Theater im Nestroyhof in Wien-Leopoldstadt ist ein wunder...

Wien (APA) - Das auch architektonisch an eine versunkene Welt erinnernde ehemalige Theater im Nestroyhof in Wien-Leopoldstadt ist ein wunderbarer Spielort. Das hat auch Christophe Slagmuylder erkannt und sich mit den Wiener Festwochen hier eingemietet. Unter dem Jahr setzt Frederic Lion prononciert auf Erinnerung an die einst so lebendige jüdische Kultur. „Falsch“ von René Kalisky ist dafür das richtige Stück.

Der jüdisch-belgische Autor Kalisky (1936-1981) lässt in dem in den 1980er-Jahren von Antoine Vitez in Paris uraufgeführten und 1987 in Bonn deutschsprachig erstaufgeführten Stück die toten Mitglieder einer Berliner jüdischen Familie im Sterbemoment des einst gerade noch rechtzeitig nach New York emigrierten Sohnes Josef wieder zusammenzutreffen. Als Außenseiterin und einzige Nicht-Jüdin mit dabei und erneut für Familienstreitigkeiten sorgend: Lilli, die arische Tochter eines Nazi-Funktionärs, in die sich Josef im Berlin des Jahres 1938 verliebt hatte.

Andreas Braito ist es gelungen, den Jugendstil-Raum mit Neonröhren, aufgeschüttetem, an Asche erinnernden Granulat und wenigen Möbeln in einen Erinnerungstempel zu verwandeln, eine Zeitkapsel, in der alles im Jahr 1938 stehen geblieben ist und sich nur die von der Decke hängende Disco-Kugel gelegentlich dreht. Hier lässt Regisseur Lion „das Kind“ Josef (Franz Xaver Zach), das in den USA zu Joe wurde, in einer Art Familienaufstellung auf seine Eltern (Florentin Groll und Katalin Zsigmondy), Onkel und Tante, seine Geschwister und seine Jugendliebe Lilli (Marlene Hauser) treffen. Zentraler Vorwurf: Warum hat der Vater der Familie Falsch damals nicht das Richtige getan und rechtzeitig zur Emigration gedrängt? Warum wurden dadurch so viele Familienmitglieder Opfer des Holocaust?

„Das Kind liebte eine Deutsche. Der Vater liebte Deutschland“, lautet dafür die schlichte Begründung in einem der vielen schlauen Sätze, die sich in „Falsch“ finden. „Wenn man den Kopf verliert, kommt die Seele zum Vorschein“, lautet ein anderer. Der 90-minütige Totentanz bleibt in dieser Erstaufführung, die am Dienstagabend Premiere feierte, allerdings ein recht abstraktes Abtasten und Räsonieren über vertane Chancen. Wirklich zum Leben werden diese sich aus dem Theaternebel schälenden Gespenster der Vergangenheit nicht erweckt. Zudem sind es Gespenster, vor denen sich niemand fürchten muss. Deutlich weniger Zurückhaltung beim szenischen Zugriff hätte dem Abend gut getan. Gerade in einer Zeit, in der Erinnerungskultur zunehmend zur Floskel verkommt, dürften die Totengeister ruhig für mehr Erschrecken sorgen.

(S E R V I C E - „Falsch“ von René Kalisky, Regie: Frederic Lion, Raum: Andreas Braito, Kostüm: Andrea Költringer, Musik: Karl Stirner. Mit Barbara Gassner, Florentin Groll, Marlene Hauser, Thomas Kamper, Thomas Kolle, Jakob Schneider, Franz Xaver Zach, Katalin Zsigmondy. Österreichische Erstaufführung im Theater Nestroyhof Hamakom, Wien 2, Nestroyplatz 1, Weitere Vorstellungen: 7-9., 12.-15., 19., 20.3., 20 Uhr. Karten: 01 / 8900 314, www.hamakom.at)