Österreichs Schwerkranke in Lebensgefahr - Durch Pathologen-Mangel
Wien (APA) - Schwerkranke Menschen in Österreich, speziell Krebspatienten, dürften schon in drei, vier Jahren buchstäblich in Gesundheitssys...
Wien (APA) - Schwerkranke Menschen in Österreich, speziell Krebspatienten, dürften schon in drei, vier Jahren buchstäblich in Gesundheitssystem-bedingte Lebensgefahr kommen. Dies erfolgt durch einen dramatisch wachsenden Mangel an Pathologen, hieß es am Mittwoch bei einer Pressekonferenz der österreichischen Fachgesellschaft ÖGPath.
„Wir haben derzeit 299 Fachärzte für Pathologie. Doch nicht die ‚Köpfe‘, sondern die Vollzeit-Äquivalente zählen. Wir haben die höchste Alterskonzentration in der Gruppe der Pathologen derzeit bei den 58-Jährigen. 47,8 Prozent der Pathologen gehen innerhalb von zehn Jahren in Pension, 23,75 Prozent erreichen innerhalb von fünf Jahren das Pensionsalter“, sagte Peter Niedermoser, oberösterreichischer Ärztekammerpräsident und Pathologe am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz.
Mittelfristig müssten laut Niedermoser jährlich im Durchschnitt 14,2 Pathologen die Ausbildung abschließen, um den Ersatzbedarf zu decken. „Wir haben aber bereits in den vergangenen 16 Jahren zuwenige Pathologen ausgebildet. Wir haben in Österreich 144 (vom Bund; Anm.) bewilligte Ausbildungsstellen. Aber nur 37 sind besetzt. Wir brauchen keine Ausbildungsstellen, wir brauchen Dienstposten in den Spitälern.“ Diese würden die Finanzlandesräte der Bundesländer als Spitalsträger aber eher streichen als erhöhen.
Ohne eine moderne und flächendeckend wirksame Pathologie droht Schwerkranken in Österreich Gefahr. Das gilt besonders für Krebskranke, bei denen sowohl die ursprüngliche Diagnose als auch die wirksame Behandlung von den möglichst schnell erstellten Befunden abhängt. Ohne die Tumorgewebe-Untersuchungen im Mikroskop und die molekularpathologische Typisierung ist eine wirkungsvolle Onkologie nicht denkbar.
Vor rund zehn Jahren lebten in Österreich rund 250.000 Menschen mit einer Krebsdiagnose. 2016 waren es bereits 350.000 Personen. „Die Diagnosen erfolgen früher. Die Therapien greifen. Die Krebsmortalität sinkt“, sagte Christa Freibauer, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Klinische Pathologie und Molekularpathologie (ÖGPath), Leiterin des entsprechenden Instituts am Krankenhaus Mistelbach in Niederösterreich samt modernstem Next-Generation-Sequencing-System (NGS) zur molekularen Charakterisierung von Krebszellen.
Steigende Krebs-Erkrankungsraten durch die demografische Entwicklung, mehr und längeres Überleben der Patienten und die wissenschaftliche Entwicklung würden die Anforderungen an die Pathologie noch weiter steigen. Seit den 1970er-Jahren hätte sich die Zahl der Untersuchungen verdoppelt. Die Pathologen-Gesellschaft will mit Werbemaßnahmen schon bei Maturanten für ihr Fach werben. Hinzu kommt eine „Pathology Future Academy“, welche Fachärzte in Ausbildung unterstützen soll.
Während sich der bereits bestehende Mangel an niedergelassenen Allgemeinmedizinern mit Kassenvertrag durch längere Wartezeiten und längere Wege zum Arzt auswirkt und noch irgendwie zurechtzubiegen ist, wäre der Ausfall der strategisch wichtigen Versorgung per Pathologie in den Spitälern ein sofortiger Totalausfall, betonten die Experten.
„Es ist fünf oder gar drei vor zwölf. Wir steuern auf einen akuten Pathologenmangel in den Jahren 2022, 2023, 2024 zu. Wenn man nichts tut, haben wir dann einen Zusammenbruch“, sagte der Wiener Pathologe Martin Klimpfinger (Kaiser Franz-Josef-Spital). Das Gesundheitsministerium müsse endlich handeln, die Bundespolitik für die rechtlichen Rahmenbedingungen sorgen, dass Pathologen im Pensionsalter in den Spitälern mit Sonderverträgen zumindest teilweise weiterarbeiten könnten, um die Kapazitäten zu sichern und gleichzeitig für die Ausbildung des Nachwuchses zu sorgen.