Algerien - Vom Netz auf die Straße

Algier (APA/AFP) - „Algerien lehnt sich auf“, „Ziviler Ungehorsam“ oder „Nein zur fünften Amtszeit“ - so lauten die Slogans, mit denen vor a...

Algier (APA/AFP) - „Algerien lehnt sich auf“, „Ziviler Ungehorsam“ oder „Nein zur fünften Amtszeit“ - so lauten die Slogans, mit denen vor allem junge Leute auf Facebook und Twitter ihrem Unmut über die politische Führung in Algier Luft machen.

Die Online-Netzwerke spielen eine Schlüsselrolle bei den derzeitigen Protesten gegen eine fünfte Amtszeit von Staatschef Abdelaziz Bouteflika. Doch anders als in der Vergangenheit griff der Protest im Netz auf die Straße über.

„Die sozialen Netzwerke spielen eine sehr wichtige Rolle, Wortmeldungen werden viel rascher als früher verbreitet, das kann ganz schnell gehen“, sagt Okba Bellabas, Gründungsmitglied des sogenannten Kollektivs junger Aktivisten. Die Gruppe wurde im vergangenen Dezember gegründet und verbindet Anwälte, Journalisten und Doktoranden, die in Algerien, Frankreich oder Kanada leben. Sie sind meistens jünger als 40 Jahre.

Zugleich schränkt Bellabas ein: Das Internet sei zwar „unverzichtbar“ für die Proteste, könne aber die persönlichen Begegnungen nicht ersetzen. „Es ist nicht Facebook, dem wir unseren Zusammenhalt zu verdanken haben.“

Dabei haben Proteste über das Internet in zahlreichen arabischen Staaten mittlerweile Tradition. In den Online-Netzwerken prangern Nutzer den autoritären Regierungsstil in ihren Ländern an. Dies gilt auch für Staaten wie Algerien, das in der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen (RSF) auf Platz 136 landete.

Allerdings mündet der digitale Protest selten in Massendemonstrationen wie während des Arabischen Frühlings im Jahr 2011 - oder zuletzt im Sudan, wo Gegner von Präsident Omar al-Bashir auf die Straße gingen.

In Algerien war die Ankündigung der Kandidatur für eine fünfte Amtszeit Bouteflikas die Initialzündung für die Protestbewegung, die am Dienstag erneut tausende Studenten in der Hauptstadt Algier auf die Straße brachte. Dalia Ghanem, Wissenschaftlerin am Carnegie Middle East Center in Beirut, spricht vom „Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“. Der 82-jährige, im Rollstuhl sitzende Präsident ist seit fast 20 Jahren im Amt.

„Es handelt sich nicht um anonyme Internet-Nutzer, sondern um Bürger, die wissen, dass ihr einziges Protestmittel die Mobilisierung ist“, erklärt Ghanem die Bedeutung der digitalen Medien. „Die Algerier wissen, dass ihre besten Waffen die Gewaltlosigkeit und die sozialen Netzwerke sind.“

Facebook und Twitter seien für die Aktivisten auch angesichts des langen Schweigens der Radio- und Fernsehsender über die Demonstrationen bedeutsam, sagt Ghanem.

Zudem biete das Internet den jungen Algeriern ein Fenster zur Welt, wie Brahim Oumansour, Forscher am Pariser Institut für internationale und strategische Beziehungen (Iris), betont. Sie wüssten, was in den Bereichen Kultur, Wirtschaft und Politik in anderen Ländern passiere - und dass es jüngere Präsidenten als den greisen Bouteflika gibt.

Dies befeuere „Wut, Enttäuschung und Frustration“. Die Anonymität des Internets habe es dabei ermöglicht, die „Mauer der Angst zu durchbrechen“, die in autoritär regierten Staaten wie Algerien bestand.

Zudem äußerten in den vergangenen Tagen zahlreiche Menschen aus anderen arabischen Staaten ihre Solidarität mit den Demonstranten in Algerien. Die Kommentare waren dabei auch gespickt mit Kritik an den eigenen Regierungen, etwa jener des ägyptischen Staatschefs Abdel Fattah al-Sisi.

„Jeder Sudanese oder Algerier, der gegen seine Führung auf die Straße geht, um Freiheit, Gleichheit, soziale Gerechtigkeit zu fordern, ist mir viel näher als die Ägypter, die al-Sisi unterstützen“, twitterte der bekannte, im Exil lebende ägyptische Blogger Hossam al-Hamalawi.