Neue Kunsthallen-Leitung: „Künstlern wieder Heft in die Hand geben“

Wien (APA) - Das Frauen-Kollektiv WHW aus Zagreb übernimmt ab Juni die Leitung der Kunsthalle Wien. WHW steht für „What, How & for Whom“ und...

Wien (APA) - Das Frauen-Kollektiv WHW aus Zagreb übernimmt ab Juni die Leitung der Kunsthalle Wien. WHW steht für „What, How & for Whom“ und besteht aus Ivet Curlin, Sabina Sabolovic und Natasa Ilic. Im Interview mit der APA sprachen sie über ihren Zugang zur lokalen Szene, die viel diskutierte Ortsfrage und das politische Umfeld, in dem sie agieren.

APA: „What, How & for Whom“ - wie kamen Sie auf den Titel Ihres Kollektivs und wofür steht er?

Sabina Sabolovic: Der Name kommt von der ersten Ausstellung, die wir Ende der 1990er Jahre gemeinsam in Kroatien gemacht haben. Das war eine sehr spezifische Zeit kurz nach dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens, die von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit geprägt war. Wir wollten damals zeigen, dass Kunst ein Raum sein kann, in dem man über Themen reden kann, die aus dem öffentlichen Diskurs gelöscht wurden. Es war damals der 152. Jahrestag des Kommunistischen Manifests und wir wollten in der Ausstellung über die von Privatisierung und Korruption geprägte ökonomische Situation der Gegenwart reflektieren. Also nutzten wir Fragen der Organisationstheorie, um damit unser Wertesystem und auch die kulturelle Produktion zu befragen.

APA: Und warum blieb es dann schlussendlich bei dem Namen?

Natasa Ilic: Wir stellen uns auch 20 Jahre später immer noch dieselben Fragen. Es ist einfach ein Zugang, hinter dem wir immer noch stehen.

APA: Nehmen wir WHW wörtlich: WAS wollen Sie an der Kunsthalle künftig zeigen? WIE soll das entstehen? Und FÜR WEN werden die Ausstellungen gedacht sein?

Ivet Curlin: Wenn wir in einigen Monaten hier in Wien starten, wollen wir uns zunächst mit lokalen Künstlern treffen, Off Spaces kennenlernen und herausfinden, welche Bedürfnisse es gibt, welche Themen, die wir in der Kunsthalle ansprechen sollen. Es wird dabei sehr stark um Kollaboration gehen. Dann wollen wir gemeinsam ein Programm entwickeln, um Menschen anzusprechen, die jetzt vielleicht noch nicht wissen, was die Kunsthalle ist und was sie ihnen anbieten könnte. Es geht uns darum, herauszufinden, wie wir mit Menschen über Generationen und ideologische Grenzen hinweg in Dialog treten können.

APA: Also ein starker Fokus auf die Wiener Szene...

Curlin: Natürlich werden wir auch in Dialog mit der internationalen Szene treten. Die Kunsthalle soll kein geschlossener Ort für bestimmte Gruppen sein. Erfahrungsgemäß ist der Austausch zwischen Innen- und Außensicht immer am produktivsten.

APA: Zuletzt war nicht nur die Programmatik, sondern auch der Standort der Kunsthalle Wien sehr umstritten. Was sagen Sie konkret zur Situation im Museumsquartier und am Karlsplatz?

Ilic: Wir wollen kein voreiliges Urteil fällen und Entscheidungen treffen, bevor wir das Haus nicht innehaben. Wir haben keine vorgefertigten Positionen, sondern wollen schauen, wie es sich entwickelt. Das heißt nicht, dass wir unbedingt an diesem Ort bleiben müssen, aber wir wollen ihn auch nicht von vornherein in schlechtes Licht rücken. Wir wollen ihm Zeit geben und verschiedene Möglichkeiten ausloten. Große Entscheidungen sollten vorsichtig getroffen werden. Wir müssen dieses Spiel rund um die Ortsfrage nicht unbedingt mitspielen.

APA: Und die von Ihrem Vorgänger Nicolaus Schafhausen artikulierten Herausforderungen am Karlsplatz?

Ilic: (lacht) Jeder weiß alles über den Karlsplatz.

Sabolovic: Wir haben Ideen, die wir dort austesten wollen. Es geht um unterschiedliche Dynamiken. Vielleicht laden wir Künstler oder Initiativen ein, den Ort selbst zu programmieren - mit unterschiedlichen Levels an Sichtbarkeit. Ich improvisiere jetzt: Die Kunsthalle am Karlsplatz könnte zum Beispiel für zwei Wochen geschlossen sein, um zum Szene-Treff zu werden, um Diskurs zu ermöglichen, woraus am Ende eine Ausstellung werden könnte. Der Raum kann anders genützt werden als nur für Ausstellungen.

Ilic: Wir wollen jedenfalls die Relation zwischen Kuratoren und Künstlern aufbrechen und den Künstlern das Heft wieder in die Hand geben.

APA: Wir leben in Zeiten, in denen in der Politik der Ruf nach starken Männern immer lauter wird. Schafhausen begründete seinen vorzeitigen Abgang mit der politischen Situation und meinte: „Die Wirkungsmächtigkeit von Kunst ist in Zeiten nationalistischer Politik stark eingeschränkt.“ Wie sehen Sie die Entwicklungen? Gerade in der Kunst sind es ja Frauen und Kollektive, die zunehmend an Einfluss gewinnen. Ist das Zufall?

Sabolovic: Wir kommen aus Kroatien, unser Horizont war sehr lang sehr dunkel. Der Aufstieg der Rechten ist nicht etwas, das nur ein Land betrifft. Es überflutet Europa. Damit haben wir uns in verschiedenen Formaten auseinandergesetzt, seit wir miteinander arbeiten. Es ist eine kontinuierliche Herausforderung. So viele Menschen haben in dieser langen Zeit versucht, andere Wertsysteme zu schaffen. Und nach 20 Jahren, wenn man denkt, man hat es geschafft, gibt es einen Backlash. Die Herausforderung ist es, nicht aufzugeben und weiter nach Wegen zu suchen. Auch wir als Kollektiv - damit meine ich jetzt nicht nur uns - müssen nachforschen, wo dabei vielleicht auch unsere eigenen Fehler lagen. Was konnten wir nicht vermitteln? Das ist eine schwierige Frage, aber diese Introspektion, was wir daraus lernen können, soll uns leidenschaftlicher machen, um weiter nach einer Lösung für das Problem zu suchen.

APA: Wir Wiener glauben ja immer, wir seien der Mittelpunkt zumindest der Kunstwelt. Wie sieht man von außen auf Wien?

Curlin: (lacht) Wien ist nicht das Zentrum der Kunst, weil es gar kein Zentrum der Kunst gibt. Wien hat eine sehr interessante Szene in unterschiedlichen Generationen und auch eine Kunstgeschichte, auf die zeitgenössische Künstler reflektieren können.

Ilic: Jeder Ort, an dem wir arbeiten, ist für uns das Zentrum unserer Welt, wo wir schauen, wie wir auf die Spezifika der jeweiligen Stadt reagieren und diese im internationalen Kontext übersetzen.

APA: Nicolaus Schafhausen wurde für seine Nebentätigkeit als Kurator der Bukarest Biennale heftig kritisiert und legte diese schließlich zurück. Wie sehr wird sich Ihre Wiener Tätigkeit mit der Leitung der Galerie Nova in Zagreb vereinbaren lassen?

Sabolovic: Die Galerie Nova ist eine wirklich kleine Galerie, darüber hinaus haben wir kürzlich ein Bildungsprogramm gestartet. Wir sind sehr daran interessiert, da dabei zu bleiben, weil das unser Lebensprojekt ist. Das alles kein temporärer, punktuell zeitintensiver Job. Das Kollektiv hilft uns dabei. Unsere vierte Kollegin bleibt dort, weil wir uns hier verantwortlich fühlen, und macht die hauptsächliche Arbeit in Zagreb, wir drei sind hier. Im Kollektiv geht es schließlich darum, Ideen zu wälzen und Entscheidungen zu treffen. Wir dachten, es ist fair, hier deutlich zu sein. Dieses kleine Element, dass wir ab und zu hin- und herpendeln, befeuert hoffentlich unsere Perspektive.

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)