Handelskonflikte bremsen Weltwirtschaft - OECD senkt Prognosen
Paris/Berlin (APA/AFP-/dpa-/Reuters) - Angesichts eines drohenden Brexit ohne Abkommen und anhaltender Handelskonflikte hat die OECD ihre Wa...
Paris/Berlin (APA/AFP-/dpa-/Reuters) - Angesichts eines drohenden Brexit ohne Abkommen und anhaltender Handelskonflikte hat die OECD ihre Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft und besonders für die Eurozone und auch Deutschland erneut gesenkt. Global rechnet die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für dieses Jahr nur noch mit einem Wachstum von 3,3 Prozent.
Im November war sie noch von 3,5 Prozent ausgegangen. Die Prognose für das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) senkte die OECD in ihrem neuen Ausblick von 1,4 Wachstum 2018 auf nur noch 0,7 Prozent heuer. Bisher war die OECD von 1,6 Prozent Wirtschaftswachstum in Deutschland ausgegangen, während die deutsche Regierung 1,0 Prozent erwartet.
Für Italien sagte die Organisation am Mittwoch sogar eine Rezession voraus: Statt 0,9 Prozent Wachstum erwartet sie für 2019 jetzt einen Einbruch von minus 0,2 Prozent. Die OECD machte in ihrem aktuellen Wirtschaftsausblick eine „hohe politische Unsicherheit, anhaltende Handelsspannungen und eine weitere Erosion des Unternehmens- und Verbrauchervertrauens“ für die erwartete Entwicklung verantwortlich.
Für die Gruppe der Euroländer senkte die OECD ihren Ausblick von 1,8 auf nur noch 1 Prozent Wachstum - angetrieben durch die Entwicklung in der Bundesrepublik und in Italien. Zudem warnte die Organisation deutlich vor einem harten Brexit, also einem EU-Austritt Großbritanniens ohne ein Abkommen über die künftigen Beziehungen. Für das Königreich sagte die OECD ein Wachstum von 0,8 statt zuvor 1,4 Prozent voraus - und selbst das nur unter der Annahme eines einigermaßen reibungslosen Brexit.
„Es sieht nicht besonders gut aus“, sagte die Chefvolkswirtin der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Laurence Boone, am Mittwoch. „Handelsspannungen und politische Unsicherheiten fordern ihren Tribut.“
Die anhaltenden Handelskonflikte, vor allem zwischen den USA und China, bremsten „Wachstum, Investitionen und den Lebensstandard vor allem für Haushalte mit einem geringeren Einkommen“. Regierungen weltweit müssten nun ihre „multilateralen Gespräche vertiefen“ und sich koordinieren, um Risiken einzudämmen und eine weitere Schwächung der globalen Konjunktur zu verhindern, lautet die Empfehlung der OECD.
Die OECD-Experten verwiesen zur Vorlage der neuen Weltwirtschaftsprognosen unter anderem auf die Entwicklung in China. In der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt gebe es weiter Sorgen, dass der konjunkturelle Abschwung andauern könnte.
Für die chinesische Wirtschaft sagen die Experten eine schrittweise Abkühlung voraus. 2020 soll das Wachstum noch sechs Prozent betragen - es wäre das kleinste Plus seit drei Jahrzehnten. „Die Handelsspannungen lasten zunehmend auf Exporten und Industrieproduktion“, hieß es mit Blick auf den Handelskonflikt mit den USA. Die beiden weltgrößten Volkswirtschaften haben sich gegenseitig mit Strafzöllen überzogen. Die Regierung in Peking versucht, mit einem großangelegten Konjunkturprogramm die Wirtschaft in Schwung zu halten.
Für die USA rechnet die OECD mit einem Wachstum von 2,6 Prozent, dem 2020 ein Plus von 2,2 Prozent folgen soll. „Solide Arbeitsmarktergebnisse und günstige finanzielle Bedingungen stützen weiterhin die Einkommen und Ausgaben der Haushalte“, erklärte die OECD. „Aber höhere Zölle haben begonnen, die Unternehmenskosten und -preise zu erhöhen.“ Das Wachstum von Investitionen und Exporten habe sich bereits abgeschwächt.
Das Wachstum wurde in fast allen der in der G20 zusammengefassten führenden Volkswirtschaften nach unten korrigiert. Entsprechend wurde auch die Prognose für das globale Wachstum um 0,2 Prozentpunkte auf 3,3 Prozent gesenkt.
Ein Schaden wäre auch ein harter Brext. „Ein ungeordneter britischer EU-Austritt würde die Kosten für die europäischen Volkswirtschaften erheblich erhöhen“, hieß es. Direkt und stark betroffen wäre vor allem Großbritannien. Allerdings würden auch die anderen europäischen Volkswirtschaften und möglicherweise auch Länder außerhalb Europas belastet, weil Großbritannien ein wichtiger Handelspartner sei.
Im Konjunkturbericht hat die OECD die Wachstumsprognose am stärksten für die Türkei gesenkt. Hier wird im laufenden Jahr ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um 1,8 Prozent erwartet. Allerdings ist die Schwächephase begrenzt. Bereits für 2020 rechnen die Forscher mit einem Aufschwung in der Türkei und erwarten ein Wachstum von 3,2 Prozent.
Die Experten nennen einige Faktoren, die die weltweite wirtschaftliche Schwächephase dämpfen. Sie verweisen etwa auf die stabilen Arbeitsmärkte und das zunehmende Lohnwachstum. Darüber hinaus gebe es Anzeichen einer Unterbrechung der Normalisierung der Geldpolitik führender Notenbanken. Dies habe dazu beigetragen, dass sich die Finanzmarktbedingungen sowohl in den Industrieländern als auch in den aufstrebenden Volkswirtschaften erholt haben.
~ WEB http://www.oecd.org/ ~ APA516 2019-03-06/18:43