„Der ÖSV hat noch nie jemanden wie Schlierenzauer fallen gelassen“
Heim-WM verpasst, keine Weltcup-Einsätze mehr, der Verlust der Kaderzugehörigkeit und die emotionalen Verletzungen lassen Gregor Schlierenzauer (29) an ein Ende seiner außergewöhnlichen Karriere denken.
Von Susann Frank
Seefeld – Auf keinen Fall aus der Emotion handeln. Das ist das Credo von Hubert Neu-per als Manager von Skisprung-Rekordweltcupsieger Gregor Schlierenzauer. Nachdem dieser beim Weltcupendspurt zum Zuschauen verdammt wurde, geriet dessen Entscheidung über die Karrierefortsetzung ins Wanken. Zuvor hatte der zweifache Tourneesieger betont, noch ein paar Jahre weitermachen zu wollen. Obwohl der 29-Jährige bis dato erneut eine sehr schwierige Saison mit der großen Niederlage, nicht für die Heim-WM nominiert worden zu sein, hinter sich hat.
„Ich lasse mir aktuell alles offen. Es waren nochmals herausfordernde und bittere Momente als Athlet für mich, die Saison nun auch so abrupt beenden zu müssen“, ließ der Fulpmer über eine Presseaussendung ausrichten. Neuper fügte hinzu: „Er hinterfragt, ob das alles noch Sinn hat.“
Doch warum jetzt? „Weil es ihm mit der Friss-oder-stirb-Methode serviert wurde“, erklärte der ehemalige Skispringer und Olympia-Silbermedaillengewinner von 1980. Neuper selbst sei hundert Mal mit Schlierenzauer Lift gefahren, um auf der Piste dessen Anfahrtsposition zu verbessern: „Er hat wirklich alles gegeben und muss das aushalten. Aber er soll jetzt keinen Entschluss fassen, weil es nicht rational wäre.“
Drei Tiroler mit zur Raw-Air-Tour
Zu den Emotionen gesellen sich derzeit die Nachwehen einer Grippe, die den 21-maligen Medaillengewinner während der WM ans Bett gefesselt hatte, mit zeitweise nur noch 20 Prozent Lungenvolumen. Neuper bemerkte weiter, dass Schlierenzauer lernen müsse, dass vergangene Erfolge nicht dazu berechtigen, Zukünftiges zu fordern. Die Erklärungen der Sportlichen Leitung im ÖSV-Skisprung gehen in eben diese Richtung. Während dem ehemaligen Überflieger bis zuletzt Sondertrainings und -behandlungen zugestanden wurden, scheint diese Zeit vorbei. „Wir haben ihm alle Möglichkeiten gegeben, in Form zu kommen. Er ist aber nicht besser gesprungen“, erklärte Felder.
In Absprache mit Stecher hat der Absamer die Tiroler Philipp Aschenwald und Clemens Aigner, Manuel Fettner sowie Stefan Kraft, Jan Hörl (beide S) und Michael Hayböck (OÖ) für die morgen beginnende Norwegen-Tour Raw Air und das Finale in Planica (SLO) aufgestellt. „Die Qualifikation geht nach Leistung. So halten wir es bei allen Athleten“, erklärte Felder mit dem Nachsatz: „Kraft ist nach den Erfolgen zuletzt ein bis zwei Jahre davon befreit, wie Gregor es auch war.“ Das gestrige Geburtstagskind (57) betonte ebenso wie Stecher tags zuvor, dass Schlierenzauer den Weg wie alle anderen gehen müsste – sprich: über den Continentalcup (zweite Liga) wieder zurückzukommen. Das schließt Neuper für Schlierenzauer derzeit aus.
Kein Platz im Kader-Fördersystem
Dass dieser aus dem Kader-Fördersystem des ÖSV aufgrund der fehlenden Resultate fliegt, ist nach Aussage von Stecher fix. Der zweifache Gesamtweltcupsieger hat aufgrund seiner außergewöhnlichen Erfolge jedoch lukrative Sponsoren und auch sein Ski-Ausrüster steht weiterhin zu ihm. Schlierenzauer könnte sich, sollte er weitermachen wollen, auch einen Privattrainer anstellen. Mit Ende dieser Saison legt sein ausgesprochener Lieblingscoach Werner Schuster das Amt bei den Deutschen als Cheftrainer nieder. Neuper erläuterte jedoch, diese Möglichkeit noch nicht in Erwägung gezogen zu haben. „Jegliche Überlegungen wären jetzt nicht fruchtbringend. Gregor muss erst einmal seine Wunden lecken.“ Das tut er, indem er sich völlig zurückzieht.
Felder widerspricht Neuper in dem Punkt, dass vergangene Erfolge nicht zählen würden, und sieht auch Möglichkeiten, bezüglich Kader eine Ausnahme zu machen: „Der ÖSV hat noch nie jemanden wie Gregor fallen gelassen. Eine Lösung suchen wir nach der Saison.“ Und diese geht noch bis 24. März.