Tirol

Gnädiges Urteil: Geschworene erkannten in Italiener keinen Mafiaboss

Beim gestrigen Prozesstag wollte der italienische Drogenhändler von einer Vergangenheit als Mafiaboss – wohl zu Recht – nichts mehr wissen.
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Umsichtigen Geschworenen hat ein Drogenhändler zu verdanken, dass seine Mafiaboss-Geschichte geplatzt ist. Er bedankte sich für gerade vier Jahre Haft.

Von Reinhard Fellner

Innsbruck –„Mit bis zu lebenslanger Freiheitsstrafe ist zu bestrafen, wer große Mengen von Suchtgift erzeugt, einführt, ausführt oder anbietet und in einer Verbindung einer größeren Zahl von Menschen zur Begehung solcher Straftaten führend tätig ist“, heißt es im Paragrafen 28a, Absatz 5, des Suchtmittelgesetzes. In Tirol fand diese Bestimmung noch keine Anwendung – ein Suchtgiftangeklagter sah sich noch nie mit lebenslanger Haft konfrontiert.

Dabei hatte sich ein 43-jähriger Italiener diese Anklage samt Schwurgerichtsprozess selbst eingebrockt. Anfang 2018 war er nach dem Auffliegen von Drogengeschäften im Raum Wattens mit Mittätern verhaftet worden. Bereits in Untersuchungshaft ersuchte der Italiener, eine Lebensbeichte abgeben zu können.

In dieser hatte er zum Erstaunen aller Ermittler dann eben ausgeführt, dass er in Kalabrien einst eine kriminelle Vereinigung mitbegründet hatte. Zweck: der Import von Kokainpaste zur Weiterverarbeitung in Italien und zum Verkauf in Europa. Als Lieferanten hätten ehemalige Mithäftlinge aus Spanien gedient. An die 50 Mitglieder sollte die Organisation des Kalabriers bereits 2014 gehabt haben, als er sich damals nach eigenen Angaben aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, jedoch von Deutschland aus als Chef der Gruppierung fungiert habe. So weit die bis heute kaum belegbare, jedoch vor Behörden umso detaillierter geschilderte Lebensbeichte des Italieners.

Schon zu Beginn des Jahres 2017 wollte der 43-Jährige mithilfe eines Unterländer Paares und eines ihm „verpflichteten“ Albaners sein Tun aber wieder aufgenommen haben. Fortan dirigierte der Italiener vom Unterland aus achteinhalb Kilogramm Cannabis und 1,1 Kilo Kokain von Italien nach Österreich, Deutschland und in die Schweiz. Einmal hatte sich der 43-Jährige sogar persönlich mit 250 Gramm Kokain wieder nach Italien begeben, um die minderwertige Qualität des gelieferten Stoffs zu reklamieren. Letzteres bestritt der Angeklagte auch vor den Geschworenen gar nicht – nur von einer Vergangenheit als Mafiaboss wollte er rein gar nichts mehr wissen. Als musische Persönlichkeit und Menschenfreund sei er laut Plädoyer von Verteidiger Clemens Braun im Jahr 2011 nach schwersten familiären Schicksalsschlägen überhaupt erst ins Drogenmilieu gerutscht. RA Braun wies zudem darauf hin, dass die unbedachten Aussagen seines Mandanten weder bei Behörden in Italien noch in Österreich Deckung fanden.

„Ich habe gelogen, um meinen jungen Partner zu schützen. Ich habe beim damaligen Kokainkonsum den Kopf verloren. Ich bitte für die Falschaussage um Entschuldigung, sie hat die ganze Situation nur verschlimmert“, beschwor der Italiener, um der anfangs geschilderten Strafandrohung doch wieder zu entkommen. Zuvor war eine Aussage des erwähnten Albaners verlesen worden, wonach die Erzählungen des Angeklagten frei erfunden seien und er mit Drogen nie etwas zu tun gehabt habe. Auch die bereits verurteilten Partner (Mann sechs Jahre Haft, Frau zweieinhalb Jahre) ließen dem Italiener keinerlei führende Rolle zukommen.

So berieten die Geschworenen gestern über Stunden, ob es sich bei dem Italiener um den von ihm skizzierten Mafiaboss oder doch nur um eine Art Wichtigtuer gehandelt hat. Letztlich sahen sie in dem einst schwer Kokainabhängigen nicht einmal ein Mitglied einer kriminellen Vereinigung. Damit fiel auch die lebenslange Strafandrohung. Für vier Jahre Haft (nicht rechtskräftig) bedankte sich der Italiener.