Erfundene Wahrheiten - Schacherreiters Roman „Lügenvaters Kinder“

Wien (APA) - Die Wahrheit ist nicht erst seit dem Aufkommen von „Fake News“ eine Frage der Interpretation - das lässt sich auch aus dem neue...

Wien (APA) - Die Wahrheit ist nicht erst seit dem Aufkommen von „Fake News“ eine Frage der Interpretation - das lässt sich auch aus dem neuen Buch des Oberösterreichers Christian Schacherreiter lernen. Die Figuren im raffiniert gestrickten Roman „Lügenvaters Kinder“ kommen mit ihren Unwahrheiten lange durch, bis am Ende der Teufel seine Kinder frisst.

Eine kleine Angeberei hier, eine Prahlerei dort - die Protagonisten in der in Salzburg, Wien und Apulien spielenden Geschichte des 1954 geborenen Linzers kommen mit ihren Schwindeleien lange durch. Über 15 Jahre verfolgt das Buch in zwei Erzählsträngen das Treiben der beiden Tunichtgute Bruno und Fritz. Von seiner Mutter als verkanntes Genie aufgezogen, laviert sich Fritz seit seiner Kindheit mit Lügen durch, was ihn immer wieder Freundschaften kostet. Er träumt von einer Karriere als Schauspieler, wird aber erfolgloser Psychologiestudent und führt ein „lahmes, vertrödeltes Leben“, unfähig dieses in die Hand zu nehmen.

Seine Versuche, sein Leben zu ändern, scheitern immer wieder, auch weil er weiter unangenehme Wahrheiten durch Lügen umgeht. Schließlich tritt er als Finanzanlageberater in die Dienste des schwindligen Lebenskünstlers Hanns Dieter. Dort spielt Fritz die „Rolle des großgewordenen Nachbarbuben, der das Hirn für das große Geld entwickelt hat, ohne das Herz für die kleinen Leute verloren zu haben, zu denen er gehört“. Zum beruflichen Erfolg kommt als Freundin die tatkräftige Marlies, was für Fritz die Wende zu bringen scheint.

Der träge Bruno, Protagonist des zweiten Handlungsstrangs, lässt sich von seiner tüchtigen Frau Veronika aushalten. Die beiden deutschen Auswanderer betreiben eine Tomatenfarm in Apulien. Geleitet wird der Betrieb allein von Veronika, die sich damit einen Traum erfüllt. Bruno dagegen lässt sich treiben und ersinnt eine Affäre mit der unerreichbaren Schönheit Laura. Als er sich zu einer Angeberei in Bezug auf seine Angebetete hinreißen lässt, kommt er in Teufels Küche. Denn seine Frau entpuppt sich als Medea, die sich an ihrem Jason grausam rächt.

Vor anderen gut aussehen zu wollen, ist wohl nur allzu menschlich. Und in Zeiten von Instagram & Co. ist es sogar salonfähig, anderen in gewisser Weise eine Rolle vorzuspielen. Ist das schon Lüge zu nennen oder nur kleine verzeihliche Prahlerei? Und wenn man Irrtümer anderer nicht korrigiert, weil sie gar zu schön sind, und einfach dazu schweigt? Wo beginnt die Lüge, wo der Betrug? In diesem Spiel sind wir alle Opfer und Täter. Denn die Belogenen bei Schacherreiter, der 2011 mit „Diese ernsten Spiele“ debütierte und auch als Literaturkritiker arbeitet, lassen sich nur zu gerne anschwindeln und betrügen, etwa Fritz‘ Mutter „weil sie nicht erwachen wollte aus ihrem Traum“.

Der Autor, der mit dem Titel auf das Johannes-Evangelium anspielt - der Vater der Lüge ist der Teufel -, erkundet über das plausibel geschilderte Innenleben seiner Figuren klug die vielen Abstufungen zwischen den Polen Wahrheit und Lüge und schließt dabei den Humor nicht aus. Die beabsichtigte Überraschung, als die beiden Erzählstränge schließlich zueinander finden, gelingt. Die Frage, wer seiner Figuren Lügner, wer Belogener ist, darf jeder Leser für sich selbst beantworten. Ihr Schicksal ist jedenfalls ein Drama, das nachdenklich macht, über das sich aber auch trefflich spotten lässt.

(S E R V I C E - Christian Schacherreiter: „Lügenvaters Kinder“, Otto Müller Verlag, 276 Seiten, 24 Euro; Lesung am 30.3., 20 Uhr, im Posthof Linz)