Noch „ein bissl was zu tun“: Viele Appelle zum Frauentag

Die SPÖ will den Weltfrauentag zum Feiertag erklären lassen, die ÖVP will Opfern von Gewalt bei der Wohnungssuche helfen und Bundespräsident Van der Bellen bezeichnet sich als Feminist.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen mit Ehefrau Doris Schmidauer (3.v.l.), Rechnungshofpräsidentin Margit Kraker (5.v.l) und Nationalratspräsidentin Doris Bures (6.v.l.) bei der Veranstaltung anlässlich des Weltfrauentages in der Hofburg.
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Wien – Anlässlich des Internationalen Frauentags haben sich zahlreiche Parteien und Organisationen zu Wort gemeldet. Sie machten auf bestehende Ungleichheiten aufmerksam, wandten sich gegen Gewalt an Frauen und forderten Maßnahmen zur Schließung der Einkommensschere.

Frauenministerin Juliane Bogner-Strauß der ÖVP verwies auf die Folgen der Teilzeitarbeit und will dafür sensibilisieren, um Altersarmut zu vermeiden.

Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck brachte den Vorschlag ein, dass Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, bei der Vergabe von Genossenschaftswohnungen bevorzugt werden sollen. Die Minsterin will das im Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz festschreiben. Voraussetzung für die Vorreihung ist die Vorlage einer einstweiligen Verfügung, einer behördlich verfügten Wegweisung oder einer Exekutionsordnung. „Gerade für diese Frauen ist es wichtig, möglichst rasch Stabilität und Unabhängigkeit im Alltag zu bekommen“, so die ÖVP-Ministerin.

FPÖ: „Auf das Erreichte stolz sein“

Lobende Worte zum Weltfrauentag gab es von Koalitionspartner FPÖ. So erklärte FPÖ-Frauensprecherin Carmen Schimanek: „Am Frauentag soll mehr auf das Erreichte geblickt werden, anstatt ausschließlich Missstände aufzuzeigen.“ Zwar habe man noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht, man dürfe aber auf das Erreichte stolz sein, so Schimanek.

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Außen-und Integrationsministerin Karin Kneissl nannte den Kampf gegen Gewalt an Frauen als oberste Priorität. „Durch die Zuwanderung aus patriarchalisch geprägten Gesellschaften und die Flüchtlingsbewegungen der vergangenen Jahre, hat sich auch in Österreich ein Weltbild ausgebreitet, in dem Frauen nicht als gleichberechtigt akzeptiert und der Gewalt der Boden bereitet wird“, so Kneissl.

SPÖ will Frauentag zum Feiertag erklären

Die SPÖ-Frauen haben den Frauentag zum Anlass genommen, ihren EU-Wahlkampf unter dem Motto „Zusammenhalt für Europa“ zu starten. Neben mehr Lohngerechtigkeit forderte die Listenzweite Evelyn Regner auch, nach Berliner Vorbild, den Frauentag zum Feiertag zu erklären.

SPÖ-Bundesparteichefin Pamela Rendi-Wagner forderte in einer Aussendung die rasche Umsetzung eines Lohntransparenzgesetzes, die gesetzliche Anrechnung der Karenzzeiten bei Lohnvorrückungen, einen Rechtsanspruch auf einen Papamonat sowie die Aufstockung der Geldmittel für Fraueneinrichtungen und Gewaltschutz. „Wir können nicht hundert Jahre warten bis sich die Einkommensschere schließt. Wir müssen jetzt handeln!“, betonte sie.

SPÖ-Bundesfrauenvorsitzende Gabriele Heinisch-Hosek und die SPÖ Kandidatin für die EU-Wahl Evelyn Regner bei einer gemeinsamen Konferenz.
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Die Partei JETZT pochte bei ihrer Pressekonferenz auf die Umsetzung einer Unterhaltsgarantie. So erinnerte Frauensprecherin Maria Stern die Bundesregierung an die im Wahlkampf von allen Parteien zugesagte Sicherung des Unterhalts für Kinder von Allerziehern. „Der Bruch dieses Wahlversprechens ist mit nichts zu entschuldigen“, empörte sich Stern.

Grüne starten Kampagne gegen sexuelle Belästigung

Die Grünen Frauen Wien stellen den Frauentag unter das Motto „Für ein Leben frei von Gewalt“ und starteten die Kampagne „Es ist sexuelle Belästigung“. Diese werde oft verharmlost, dabei handle es sich um Gewalt. Ziel sei es daher, mit der Kampagne Bewusstsein schaffen.

Auch in der Hofburg wurde der Frauentag gefeiert. So lud Bundespräsident Alexander Van der Bellen Vertreterinnen aus Politik, Wissenschaft und Kultur zur Vorführung einer Dokumentation über Frauenhäuser. In seiner Rede fand der Bundespräsident auch mahnende Worte. So solle Gleichstellung auf allen Ebenen eigentlich „eine Selbstverständlichkeit“ sein, es gebe aber noch „ein bissl was zu tun“. Aufholbedarf sah Van der Bellen auch in der Politik. Neben 100 Jahren Frauenwahlrecht erinnerte der Bundespräsident auch an „100 Jahre männliche Bundespräsidenten“, und „bevor Sie über mich herfallen, füge ich hinzu: auch 100 Jahre männliche Bundeskanzler“. „Dieser 8. März ist Ihr Feiertag, ist Ihr Kampftag, aber es ist nicht Ihr Kampf allein“, versprach Van der Bellen den Frauen. Auf Facebook bekannte sich der Bundespräsident dazu passend: „Ich bin Feminist“.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Ehefrau Doris Schmidauer bei den Feierlichkeiten.
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Organisationen fordern mehr Förderung und besseren Schutz

ÖGB-Vizepräsidentin und Frauenvorsitzende Korinna Schumann erklärte in einer Aussendung: „Wir brauchen ein modernes Frauen-, Familien- und Gesellschaftsbild für eine gerechtere und partnerschaftliche Verteilung von Macht, Einkommen und Arbeit.“ Statt einer Politik, die nur der Wirtschaft diene, sei es an der Zeit, Frauen und ihre Anliegen in den Fokus zu rücken, so Schumann.

Die Nachteile von Frauen am Arbeitsmarkt auszugleichen, das forderte Arebiterkammerpräsidentin Renate Anderl. Konkret brauche es etwa ein ausreichendes Angebot an qualitätsvoller ganztägiger Kinderbetreuung sowie von Ganztagsschulen, ausreichend Arbeitsmarktmittel für Frauen und die frühzeitige Unterstützung des Wiedereinstiegs. Anderl pochte auch auf die gesetzliche Anrechnung von Elternkarenz auf alle Ansprüche im Dienstverhältnis.

„Frauen haben sich am Spielbrett der Gesellschaft zwar bewegt, allerdings zumeist seitwärts“, stellte Volkshilfe-Präsidentin Barbara Gross fest. Frauen seien so gut ausgebildet, wie nie zuvor, dennoch erhalten sie weniger Gehalt für gleiche Arbeit und seien in Führungspositionen stark unterrepräsentiert.

Die Katholische Frauenbewegung Österreichs forderte Maßnahmen, um Machtmissbrauch in der Kirche wirkungsvoll entgegentreten zu können. In der Kirche sei der Kampf um Gleichberechtigung, wie auch die aktuelle Debatte um sexuellen Missbrauch zeige, „mehr als ein Gebot der Stunde“. (TT.com/APA)

Gleichgestellung noch nicht erreicht: Pressestimmen zum Weltfrauentag

L'Alsace (Frankreich):

„Obwohl der Internationale Frauentag unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen steht, ist er eine Albernheit. Die muss allerdings Bestand haben. Weil der Tag einen symbolischen Wert hat und das Bewusstsein schärft. Es ist wenig und viel zur gleichen Zeit, vor allem in Ländern, in denen die Freiheit der Frauen verletzt wird. Das ist fast überall auf der Welt. Die Sorge um die Gleichstellung von Männern und Frauen an einem einzigen Tag des Jahres ist natürlich Unsinn. Es ist ein täglicher Kampf, der das ganze Jahr über geführt werden muss, damit Frauen die gleichen Rechte haben wie Männer. (...) Dass mindestens einmal im Jahr ein solcher Tag auf globaler Ebene stattfindet — das ist nicht genug. Aber immerhin besser als nichts."

Dagens Nyheter (Schweden):

„Es sei böses Blut, das auslaufe: So erzählen es die alten Frauen auf dem Land in Indien den jungen, wenn diese sich über ihre monatlichen Blutungen wundern. Indien ist ein Land, das oft wegen seiner besonders problematischen Haltung zur Menstruation hervorgehoben wird. Diese Feindlichkeit, die im Grunde von Feindlichkeit gegen Frauen handelt, gibt es aber überall auf der Welt. Selbst in Ländern, in denen Frauen und Männer offiziell gleichgestellt sind, wird mit dem Weiblichsten des Weiblichen hinter dem Berg gehalten. Ist es wirklich notwendig, einen ganzen Leitartikel über das hier zu schreiben? Ist der Kampf der Frauen nicht zu weit gegangen? Am Internationalen Frauentag 2019 ist die Antwort weiter nein."

Hospodarske noviny (Tschechien):

„Der Internationale Frauentag wird seit mehr als 100 Jahren gefeiert. An seinem Anfang standen Demonstrationen - und es waren keine Demonstrationen für einen schönen Blumenstrauß, sondern Demonstrationen für Gleichberechtigung. Seither ist eigentlich genug Zeit vergangen, um die elementaren Forderungen der tapferen Frauen von damals zu erfüllen. Zwar können Frauen heute die gleichen Berufe ausüben wie Männer, doch auf der ganzen Welt bekommen sie für die gleiche Arbeit weniger Geld als ihre männlichen Kollegen. (...) Am stärksten von Armut bedroht sind alleinerziehende Mütter. Sie gehen arbeiten, kümmern sich um die Kinder und leben oft in großer Not - wie vor hundert Jahren. Wie ist das überhaupt möglich?"

El Pais (Spanien):

„Die politische Instrumentalisierung des sozialen Unbehagens, die von den neuen starken Männern in Polen, Ungarn, Brasilien oder den Vereinigten Staaten vorangetrieben wird, hat zum Wiederaufleben von abgegriffenen Reden über familiäre Werte geführt. In diesen werden unfolgsame, zornige und unzufriedene Frauen wieder (...) zur Hauptzielscheibe des Zorns. Während radikale Kräfte in aller Welt immer stärker werden, so auch in unserem Land, erleben wir aber auch das klare Ja der Iren zur Legalisierung der Abtreibung, etwas, das der Senat in Argentinien weiter verbieten will."


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