„Keine Kosmetik, sondern Reform“: Tirols Spitäler vor Umbau
70 Millionen Euro Defizit in den Tirol Kliniken, 5,5 Mio. Euro in den Bezirksspitälern: Die neun Tiroler Spitäler stehen wohl vor der größten Reform in den vergangenen Jahrzehnten. Es wird sich einiges ändern. Krankenhäuser werden stärker vernetzt, Bettenstruktur auf die Auslastung angepasst. Bis Juli wird jetzt die umfassende Spitalsreform beschlossen.
Von Peter Nindler
Innsbruck – Von den neun öffentlichen Krankenhäusern wiesen im Vorjahr nur St. Johann und Schwaz eine positive Bilanz auf. Alle anderen schrieben negative Betriebsergebnisse. Insgesamt muss ein Abgang von 75,5 Mio. Euro vom Land Tirol und den Gemeinden ausgeglichen werden. So kann es aber nicht mehr weitergehen, deshalb wird es jetzt mit der Spitalsreform ernst. Sie soll eng verzahnt werden mit mehr Betten für die Übergangspflege, dem Ausbau des tages- und wochenklinischen Angebots sowie Primärversorgungszentren. „Und das Leistungsangebot zwischen den einzelnen Spitälern muss besser aufeinander abgestimmt werden“, kündigt Gesundheits-LR Bernhard Tilg (VP) an.
Es wird einen „Rumpler“ tun
In den vergangenen Monaten wurde der stationäre Bereich in Tirol durchleuchtet, auch vom steirischen Gesundheits-Beratungsunternehmen EPIG. Ab Montag geht es ans Eingemachte, schließlich stehen die 4200 Betten und das Leistungsangebot auf dem Prüfstand. In den nächsten zwei Wochen wird mit den einzelnen Spitalsträgern die Neuausrichtung besprochen, nach diesen Runden dann das Konzept geschnürt und von der Landes-Zielsteuerungskommission spätestens Anfang Juli beschlossen.
Gegenüber der TT stellt Gesundheits-LR Bernhard Tilg (ÖVP) klar: „Im Mittelpunkt steht die optimale Versorgung der Patienten, doch es benötigt zugleich eine Kostendämpfung bzw. -senkung in den Spitälern.“ Mit Kosmetik werde das nicht gelingen, vielmehr möchte er das stationäre Angebot besser miteinander verzahnen. Trotzdem dürfte es auf gut Tirolerisch ab nächstem Montag einen „Rumpler“ tun. Hinter dem Ziel eines „abgestimmten Leistungsangebots“ und einer stärkeren Vernetzung der umliegenden Spitäler dürften sich wohl einige politische Eingriffe verbergen, die auch lokale Schmerzen verursachen.
Unabhängig von strukturellen Maßnahmen in den Häusern spricht Tilg von einer integrierten Gesundheitsversorgung: Zum einen müssten die Spitäler vor allem von der Pflege entlastet werden, weshalb die Anzahl der Betten für die Übergangspflege auf 124 ausgedehnt wird. Angegliedert oder in den Krankenhäusern wird es diese künftig an allen Spitalsstandorten geben. Mehr tages- und wochenklinische sowie ambulante Leistungen sollen überdies „teure Spitalsaufenthalte“ reduzieren. Ergänzend dazu benötigt es Primärversorgungszentren, hier besteht in Tirol jedoch noch massiver Aufholbedarf.
Auslastung bei 85 Prozent: Umverteilung bei Spitalsbetten
Die größte Herausforderung in den ab Montag beginnenden Gesprächen mit den Spitalserhaltern sind die geplanten Strukturanpassungen. „Denn es stellen sich vielfach Fragen zur Auslastung und zur Notwendigkeit der Effizienzsteigerung in den Spitälern.“ Angesichts einer Bettenauslastung von 85 Prozent kommt man um eine Umverteilung nicht herum.
Schließlich soll das Kirchturmdenken in den einzelnen medizinischen Abteilungen aufhören und eine interdisziplinäre Bettenbelegung ohne Scheuklappen erfolgen.
Umfassende Änderungen dürfte es in der Inntalfurche mit den drei Landeskrankenhäusern Natters, Innsbruck, Hall und dem Bezirkskrankenhaus Schwaz geben. Die Drehscheibe wird dabei die Klinik Innsbruck sein, wenngleich dort das Bettenangebot ebenfalls gestrafft werden muss. Die Rede ist von 110 Betten. Im Gegenzug soll die Anzahl der Betten für die Übergangspflege zur Entlastung der Spitäler von 31 auf 124 aufgestockt werden. Hall entwickelte sich wegen steigender Betriebsabgänge zu einem Patienten. Es ist deshalb zu erwarten, dass es vor allem zwischen Hall, Innsbruck und Natters zu Leistungsabstimmungen kommen wird.
Massive Belastung durch Gastpatienten
Attestiert wird den Tiroler Spitälern vom externen Gesundheitsberater EBIG aus der Steiermark allerdings ein im Vergleich zu anderen Bundesländern „sehr wirtschaftliches“ Arbeiten. Aber auch eine massive Belastung durch Gastpatienten. Nach Gegenrechnung der Tiroler, die in anderen Bundesländern versorgt werden, macht alleine die Aufwendung der in den neun Spitälern behandelten inländischen Gastpatienten derzeit 57,6 Millionen Euro aus. An Vorweganteilen erhält Tirol 24,6 Mio. Euro, 33 Millionen müssen deshalb vom Land abgedeckt werden. Dazu kommen noch die zeitverzögerten Abgeltungen der ausländischen Patienten von rund 83 Millionen Euro.