Jackson-Vorwürfe - Künstler und Werk trennen: Debatte mit Tradition

Wien (APA) - Die starken Reaktionen auf die Michael Jackson-Doku „Leaving Neverland“, in der zwei Männer den Vorwurf erheben, der Popstar ha...

Wien (APA) - Die starken Reaktionen auf die Michael Jackson-Doku „Leaving Neverland“, in der zwei Männer den Vorwurf erheben, der Popstar habe sie als Kinder in den 90er-Jahren missbraucht, hat die seit Jahrzehnten geführte Debatte um die Möglichkeit der Trennung von Künstler und Werk neu entbrennen lassen.

Nicht erst seit den Verwerfungen der #MeToo-Bewegung ist die Frage für die Kulturgeschichte relevant. Im Folgenden ein Überblick über einige Künstler abseits des aktuell diskutierten Michael Jackson, deren Privatleben ihr populäres Werk zu überschatten droht.

CARAVAGGIO - Einer der großen Meister der italienischen Barock-Malerei - aber wohl kein freundlicher Zeitgenosse: Michelangelo Merisi (1571-1610), so sein bürgerlicher Name, kämpfte in der römischen Gesellschaft nicht nur um seine Stellung als Maler, sondern machte sich auch durch sein ruchloses Temperament einen Namen. Weil seine Wohnung nicht hoch genug für seine Gemälde war, zerstörte er die Decke und demolierte nach Klagen seiner Vermieterin auch deren Wohnung. Einen lang gezogenen Streit mit dem Zuhälter seines Lieblingsmodells beendete er im Duell mit Totschlag. Auch auf der Flucht vor dem Todesurteil - auf seinen Kopf war eine Belohnung ausgesetzt - soll der Maler nicht gerade zimperlich mit seinen Mitmenschen umgegangen sein und musste später auch aus Malta im Streit fliehen. Einige seiner Hauptwerke schuf er aber noch im Exil in Neapel. Ruhm zu Lebzeiten und in der Nachwelt erlangte er durch seinen revolutionären Einsatz von realistischen Elementen, mit denen er insbesondere sakralen Motiven mehr Tiefe und Menschlichkeit verlieh. Er gilt als einer der Überwinder des Manierismus und Begründer der römischen Barockkunst.

RICHARD WAGNER - Bis heute wird die Musik von Richard Wagner in Israel (fast) nicht gespielt. Denn der Schöpfer des großen „Ring des Nibelungen“ und von Opernmonumenten wie „Lohengrin“ oder „Parsifal“ war ein ausgewiesener Antisemit. In seinem Brief an König Ludwig II. vom 22. November 1881 bekennt er etwa, „dass ich die jüdische Race (sic!) für den geborenen Feind der reinen Menschheit und alles Edlen in ihr halte“. Adolf Hitler wiederum sah in Wagner „die größte Prophetengestalt, die das deutsche Volk besessen“ habe und erkannte ihn als Idol und Vorläufer an. Neben diesem unrühmlichen Platz in der europäischen Geschichte fand sich der Komponist aber auch schon zu Lebzeiten in zahlreichen Konflikten mit Schuldnern, die ihn immer wieder zur Flucht zwangen. Dass seine Opern, die er als „Gesamtkunstwerke“ begriff, für viele Menschen dennoch Quell großer Inspiration und Freude sind, irritiert Protagonisten der Musikwelt schon lange.

OTTO MUEHL - Otto Muehl ist mit seinen farbintensiven Gemälden und Aktionsfilmen bis heute einer der erfolgreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts - ein Ruhm, der vermutlich im gleichen Ausmaß auf seinem umfassenden Oeuvre basiert wie seinem propagierten Lebenskonzept der Kommune, das er am Friedrichshof im Burgenland ab Mitte der 1970er umsetzte. Bereits während des Bestehens der Gemeinschaft, die die Absenz des Privateigentums und -lebens zum Ziel erhob, wurden Vorwürfe gegen den Primus inter Pares laut, die 1988 in ein Strafverfahren gegen Muehl mündeten. Der Vorwurf der Anklage lautete unter anderem auf sexuellen Missbrauch bis hin zu Vergewaltigung von Kindern und Jugendlichen. 1991 wurde Muehl wegen „Sittlichkeitsdelikten, Unzucht mit Minderjährigen bis hin zur Vergewaltigung, Verstößen gegen das Suchtgiftgesetz und Zeugenbeeinflussung“ verurteilt. Er verbüßte eine siebenjährige Haftstrafe, wobei er im Gefängnis weiterhin malte. Nach seiner Haftentlassung zog sich Muehl mit seinen letzten Getreuen nach Portugal zurück, wo er 2013 starb.

WOODY ALLEN - Mit Streifen wie „Der Stadtneurotiker“, „Match Point“ oder „Blue Jasmine“ hat Woody Allen über Jahrzehnte Filmgeschichte geschrieben. Ebenfalls bereits seit den frühen 90er-Jahren sind allerdings auch - gerichtlich nie geklärte - Vorwürfe bekannt, dass Allen während der Ehe mit Mia Farrow in den 1980er-Jahren seine Stieftochter Dylan missbraucht haben soll. Nach der Scheidung von Farrow und dem Sorgerechtsstreit um die eigenen sowie die zuvor von Farrow adoptierten Kinder heiratete Allen seine andere Stieftochter Soon-Yi Previn. Die Vorwürfe gegen den Regisseur sind im Zuge der #MeToo-Debatte erneut vorgebracht worden - nicht zuletzt vehement von seinem Sohn Ronan Farrow, der für das Aufdecken der Causa rund um Produzent Harvey Weinstein den Pulitzer Preis erhielt.

ROMAN POLANSKI - Er gehört mit Filmklassikern wie „Rosemaries Baby“, „Chinatown“ oder „Tanz der Vampire“ zu den Großen Hollywoods. Zugleich ist das Privatleben des gebürtigen Polen von großen Verwerfungen und Schicksalsschlägen gekennzeichnet. Zum einen wurde seine hochschwangere Frau Sharon Tate 1969 von den Mitgliedern der „Manson Family“ bestialisch ermordet. Andererseits sah sich der Regisseur 1977 mit einer Anklage wegen „Vergewaltigung unter Verwendung betäubender Mittel“ der 13-jährigen Samantha Jane Gailey gegenüber. Polanski floh nach London, bevor er sich in Frankreich niederließ und seither von Reisen in die USA absah, wo das Verfahren gegen ihn immer noch in der Schwebe war. 2009 wurde der Filmemacher dennoch aufgrund eines internationalen Haftbefehls bei der Einreise in die Schweiz verhaftet. Der Auslieferung wurde aber letztlich nicht stattgegeben - was auch 2015 in Polen der Fall war.

GUSTAV KUHN - Auch in Österreich sorgte die #MeToo-Bewegung im Vorjahr für den Fall eines Künstlerfürsten: Dirigent, Komponist und Festivalgründer Gustav Kuhn musste nach Bekanntwerden zahlreicher Vorwürfe von sexuellen Übergriffen alle seine Ämter bei den Festspielen Erl zurücklegen. Als Despot und Exzentriker, der gerne von Frauen umgeben war, hatte Kuhn immer gegolten. Aufgrund seines leidenschaftlichen Einsatzes für die puristische Aufführung von Opern Richard Wagners, sah man ihm aber manche unangenehme Eigenheit gerne nach. Ob sein Weggang auch den Untergang „seiner“ Festspiele bedeuten muss, wie im Zuge der Debatte allerorten zu hören war, wird sich zeigen.

BILL COSBY - In den 1980ern war er ein Weltstar, doch Mitte der 2000er-Jahre begann sein Ruf als familienfreundlicher Entertainer langsam, aber sicher zu bröckeln: Bill Cosby war fixer Bestandteil der US-amerikanischen Unterhaltungsszene, bis ihm Dutzende Frauen des sexuellen Missbrauchs bezichtigten. Die Vorwürfe lauteten unter anderem, dass Cosby seine Opfer unter Drogen gesetzt und vergewaltigt habe. Viele der Anschuldigungen waren zu dem Zeitpunkt, als auch Sitcoms wie „The Cosby Show“ längst nur noch im Nachtprogramm wiederholt wurden und der TV-Star kaum mehr in Erscheinung getreten war, zwar verjährt. Letztlich kam es aber zu Verurteilungen wegen sexueller Nötigung in drei Fällen, und Cosby trat im Herbst 2018 eine mehrjährige Haftstrafe an. In einer Mitteilung hatte er zuletzt festgehalten, „keine Reue“ zu empfinden, sondern bezeichnete sich als politischer Gefangener.