Bronski & Grünberg: Weibliche „Julius Cäsar“ im Leopardenmantel

Wien (APA) - Premiere für Shakespeares „Julius Caesar“ am gestrigen Freitagabend im Bronski & Grünberg Theater in Wien-Alsergrund: Passend z...

Wien (APA) - Premiere für Shakespeares „Julius Caesar“ am gestrigen Freitagabend im Bronski & Grünberg Theater in Wien-Alsergrund: Passend zum Internationalen Frauentag hat Regisseurin Helena Scheuba den Shakespeare-Stoff einer Gender-Umkehr unterzogen und das 420 Jahre alte Werk frei nach der Tradition einer ambivalenten Ausrichtung zwischen Opfer- und Täterzuschreibung übersetzt.

Es ist Scheubas dritte Produktion im Bronski & Grünberg, das sich vorzugsweise arrivierten Werken widmet. Nach der multimedialen Interpretation „#Werther“ in Anlehnung an das Original von Goethe und „Richard III.“ von Shakespeare setzte die junge Schauspielerin und Regisseurin mit „Julius Cäsar“ zum zweiten Mal ein Shakespeare-Drama in Szene.

Während sich Scheubas Adaption inhaltlich stark am Original orientiert, ist die sprachliche Übersetzung eher fragmentarisch angelehnt. In ihrer Eloquenz wird sie immer wieder von salopp formulierten Ausbrüchen konterkariert und streckt regelmäßig die Hand in Richtung Komödie aus. Das neue Stück zeichnet sich primär durch einen Wechsel der Geschlechterrollen aus, der aber weniger als komödiantisches Element konzipiert ist. Eine solche Version bildet in der langen Liste der bisherigen Adaptionen des Shakespeare-Klassikers eine Ausnahme und überschattet die üblichere Auslegung, den Fokus auf ambivalente Charaktere zu richten.

Nur kurz sorgte der Auftritt der Marc Anton für so manchen Lacher, als sie mit Sonnenbrille und Kaffeetrinkbecher die Bühne betritt. Das reservierte, kühle Auftreten von Darstellerin Franziska Hetzel stellt aber schnell wieder den Ernst der Lage her, der das Stück begleitet. Ohne Lacher tritt der überlegene Vamp Cäsar (Sophie Aujesky) in Leopardenmantel und enger Abendgarderobe in Erscheinung, die sich von Ehemann Calpurnia (Felix Krasser) vergebens davon abhalten lässt, den Weg in das sichere Verderben zu gehen. Auch die Rollen des Cassius (Alma Hasun), Casca oder Octavian wurden einer dramaturgischen Geschlechtsumwandlung unterzogen, ohne dadurch Stereotypie zu betreiben. Der Protagonistin Cäsar steht Brutus (Josef Ellers) gegenüber, originalgetreu in männlicher Tradition, der in biederem Rollkragenpulli die Position des für das allgemeine Wohl eintretenden Staatsmanns einnimmt.

Das Bühnenbild gleicht den Räumen eines verrauchten Szene-Lokals, dessen Wände von Plakaten, Aufklebern und punkiger Wandbeschmierungspoesie übersät ist, die sich persiflierten Bild- und Wortreferenzen zum Stück annehmen. Ein Highlight bildet hierbei die Aufschrift „Brotus - Ein Fall für die Ähre“. Über fünf schlichte, goldlackierte Türen betritt und verlässt das sechsköpfige Ensemble die auf das Wesentliche reduzierten Kernszenen.

Für so manche Verwirrung sorgt die Mehrfachbesetzung einzelner Ensemble-Mitglieder, wenn jemand etwa in der einen Szene gerade zum Leichnam wurde, in der darauffolgenden aber als Parallel-Figur quicklebendig wieder in die Handlung eingreift. Ein deutlicherer Kostümwechsel hätte nicht geschadet, sein Mangel lässt sich aufgrund der dicht getakteten Szenenwechseln aber zumindest rechtfertigen. So auch die oft eingesetzten Popmusiksequenzen, die vereinzelt während Szenenübergängen eingespielt werden - darunter eine Coverversion von „Survivor“ des ehemaligen R&B-Trios Destiny‘s Child.

Insgesamt ist das komplexe Stück mit seiner hervorgehobenen, ambivalenten Opfer-Täter-Konstellation ein sehenswerter und anspruchsvoller Beitrag, getragen von einem authentischen und harmonisierenden Ensemble, das vom bunt durchmischten Publikum mit ehrlichem Applaus quittiert wurde.

(S E R V I C E - „Julius Cäsar“ von William Shakespeare, adaptiert von Helena Scheuba; mit Sophie Aujesky, Josef Ellers, Franziska Hetzel, Alma Hasun, Felix Krasser, Samantha Steppan. Nächste Vorstellungen: 10., 18., 21., 30. und 31. März sowie 1., 13., 14., 27. und 28. April jeweils um 19:30, Bronski & Grünberg Theater, Müllnergasse 2, 1090 Wien, www.bronski-gruenberg.at)