Noch fehlen dem Dopingskandal die großen Namen
Elf Tage ist der Dopingskandal der Nordischen Ski-WM in Seefeld her. Noch hält sich die Tragweite in Grenzen. Zeit, die Ereignisse im Rückspiegel zu betrachten.
Von Florian Madl
Innsbruck – Fünf überführte Sportler, ein deutscher Dopingarzt und im Nachgang zwei geständige Profiradsportler. Ein Skandal war die am 27. Februar 2019 ausgebrochene Aufruhr im Zuge einer Razzia vor allem aufgrund des Zeitpunkts. Aber noch hält sich die Tragweite in Grenzen, noch blieb die Lawine aus. Wie es derzeit aussieht und was noch zu einem Erdbeben fehlt, versucht die TT aufzuklären.
Waren die Vorgänge in Seefeld mit jenen der Olympischen Winterspiele 2006 in Turin vergleichbar? Kaum, auch wenn am 18. Februar 2006 in Turin zwei österreichische Sportler (die ÖSV-Biathleten Wolfgang Perner und Wolfgang Rottmann/Ex-Weltmeister) erwischt wurden. Der Unterschied: Das Duo war prominenter, die Aktion damals im Samstag-Hauptabendprogramm live zu sehen und die Folgen (Flucht von Trainer Walter Mayer, jahrelanger Rechtsstreit in Italien) beschäftigten Österreich noch Jahre.
Wie schreitet die Aufarbeitung voran? Die Fakten – einige Dutzend Blutbeutel samt Namenskürzel – liegen am Tisch. Kommende Woche sollen die dazugehörigen DNA-Abgleiche vorliegen. Vorerst sind die fünf Langläufer und die beiden Radfahrer Georg Preidler und Stefan Denifl aufgeflogen. Die großen Namen waren noch nicht dabei, auch Deutsche, wie von ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel angekündigt, fehlen vorerst.
Ist die Einzeltätertheorie haltbar? Neben dem deutschen Arzt Mark Schmidt und dessen Komplizen (u. a. Vater Ansgar, ein Anwalt) steht lediglich Johannes Dürr im Zentrum der Vorgänge. Seine Person spaltet die Öffentlichkeit: während Olympia 2014 überführt, im Anschluss geläutert und beim mit Crowdfunding finanzierten Comebackversuch 2018 neuerlich überführt. Eine menschliche Tragödie, die der 31-jährige Niederösterreicher verkörpert.
Welche Rolle spielen die Behörden? In Turin warf man den Carabiniere raues und bisweilen eigenwilliges Vorgehen vor, auch die Rechtsinstanz mit dem damals eigenwilligen und mediennahen Staatsanwalt Raffaele Guariniello gab nicht immer das Bild der Überparteilichkeit ab. Der mittlerweile 77-Jährige hatte sich bei zahlreichen Aufdeckergeschichten (FIAT, Gesundheitsskandal etc.) einen Namen gemacht und schien die Plattform erneut nützen zu wollen. In Österreich halten das Bundeskriminalamt und die Staatsanwaltschaft die neuen Details zur „Operation Aderlass“ tunlichst unter Verschluss, wenn auch eine Sache verunsichert: Von der Razzia waren Medien eingeweiht, immer wieder dringen Vorkommnisse an die Öffentlichkeit. Das Ministerium ist auf der Hut.
War das der große Kahlschlag? Nein, da hatte die Humanplasma-Affäre 2009 mit Tour-de-France-Bergkönig Bernhard Kohl eine ganz andere Tragweite, damals blieb allein in der Verdachtsfrage kein Stein auf dem anderen. Fraglos: Österreich scheint bei allen Bemühungen um Transparenz (Antidoping-Gesetz 2007) immer wieder im Zentrum von Skandalen auf – als Umschlagplatz, als Land der Dopingsünder.
Ist Österreich mit der Boykott-Nation Russland vergleichbar, hat das Land nichts gelernt? Beide Male muss die Antwort Nein lauten. Russland, das nach den Heim-Winterspielen 2014 in Sotschi zuletzt für weitere Olympische Spiele ausgeschlossen wurde, steht für organisiertes Doping, flächendeckend und über alle Sportarten hinweg. Außerdem schienen dort die Behörden mit den Sportinstanzen zu kooperieren, was in Österreich nicht in Frage käme. Keine Schummel-Kultur also, aber eine gewisse Sorglosigkeit lässt sich dennoch feststellen. Und das seit dem Jahr 2002 (Blutbeutelaffäre Olympische Winterspiele in Salt Lake City).
War das nur ein Teil des Eisbergs? Was die Affäre anbelangt, sind noch Enthüllungen zu erwarten. Der Glaube daran, dass die Erfurter Dopingzelle die einzige in Mitteleuropa sein könnte, dürfte indes nicht haltbar sein. Stefan Matschiner geht davon aus, dass vor zehn Jahren 80 Prozent des Starterfelds einer Tour de France leistungssteigernde Mittel nahm. Das lässt auch bei ebenfalls dopinggefährdeten Sportarten im Grenzbereich von Ausdauer und Kraft Raum für Spekulationen.
Welche Schritte scheinen möglich, um Spitzensport von verbotenen Praktiken zu reinigen? Ein Ding der Unmöglichkeit. Die einzigen Optionen, die sich hierzulande bieten: Bewusstseinsbildung im Nachwuchsalter, sorgsame Trainerwahl, restriktives Vorgehen in gefährdeten Sportarten, wie es Peter Schröcksnadel mit der Langlauf-Sparte vorhat, Einfrieren von Förderungen aus öffentlichen Töpfen. Fehlt der finanzielle Anreiz oder die Unterstützung, geht möglicherweise auch die Attraktivität eines Fehltritts verloren. Auf der Wiese des Sports werden allerdings immer schwarze Schafe grasen.
Tauber: „Was da passiert, ist einfach nur dumm“
Bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Seefeld war Ex-Langläufer Martin Tauber für die Loipen verantwortlich. Der 42-Jährige war bei den Olympischen Winterspielen 2006 selbst ins Fadenkreuz geraten – bis zu seinem Freispruch Jahre später.
Welche Gefühle kommen in Ihnen auf angesichts der Doping-Causa bei der Heim-WM?
Tauber:
Gar keine. Was da passiert ist, das ist für mich einfach nur dumm, dumm, dumm. So ein Chaos anzurichten und nicht einmal Leistung zu bringen, das verstehe ich nicht.
Sie leiten eine Skischule – werden Sie auf das Thema manchmal angesprochen?
Tauber:
Nein, höchstens von Einheimischen. Die Leute wissen ja alles aus den Medien.
Glauben Sie an sauberen Sport?
Tauber:
Ja! Zu meiner Zeit hatten die Schweden so eine brutale Masse, da blieben immer Ausnahmesportler über.
Hatten Sie in Ihrer aktiven Zeit nie das Gefühl, ganz oben landen zu können?
Tauber:
Den Gesamtweltcup zu gewinnen, hätte ich mir nie vorstellen können. Um ein Rennen zu verarbeiten, brauchte ich viel mehr Zeit als andere. Aber ich trainierte auch nur 650 Stunden im Jahr. Von anderen hörte ich, dass sie 200 Stunden mehr absolvieren würden.
Wie schlimm war es im Zuge der Ermittlungen nach Turin, von heute auf morgen aufhören zu müssen?
Tauber:
Das war nicht einfach, zum Glück hatte ich damals die Skischule. Da konnte ich meine Ideen verwirklichen, musste Klinken putzen. Als ich irgendwann später auf Zypern von meinem Freispruch erfuhr, war das ein Tag wie jeder andere.
Das Gespräch führte Florian Madl