Tirol

Umwelt-Eigentor: Was tun mit dem Kunstrasenplatz?

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Plastikgranulat gelangt, etwa durch Schneeräumung oder Wind, in Böden und Flüsse. Tirols Umweltanwaltschaft untersucht derzeit die Auswirkungen. Eine Anpassung des Fördersystems ist für LHStv. Ingrid Felipe denkbar.

Von Benedikt Mair

Innsbruck –Alles matschig, die Rasenfetzen fliegen bei jedem Tritt, der Ball springt, wie er will. Oft ist der Boden gar noch tiefgefroren. Auf vielen Tiroler Fußballplätzen ist derzeit – und mancherorts noch bis tief in den Frühling hinein – kaum an fairen Spielbetrieb zu denken. Der Heilsbringer heißt Kunstrasenplatz. In zahlreichen Gemeinden wurden in den vergangenen Jahren solche Anlagen gebaut. Bloß: Das dort ausgebrachte, oft aus Altreifen hergestellte Granulat ist extrem umweltschädlich und für enorme Mengen an Mikroplastik verantwortlich.

Mehrere in jüngster Vergangenheit veröffentlichte Studien bestätigen das. Das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik in Oberhausen hat etwa ermittelt, dass, ausgehend von Kunstrasenplätzen in Deutschland, zirka 8000 Tonnen Mikroplastik in die Umwelt gelangen. Zum Vergleich: Die oft als Mikroplastik-Monster angesehenen Kosmetikprodukte sind für rund 1200 Tonnen verantwortlich. Damit sind die mit Plastikgranulat präparierten Spielstätten einer der größten Mikroplastik-Verursacher in Deutschland. „Es hat uns auch erstaunt“, kommentiert Ralf Bertling, Forscher am Fraunhofer-Institut, gegenüber der Sendung „quer“ im Bayerischen Rundfunk die Ergebnisse der Studie. Allein schon unter den Schuhen seien nach dem Betreten der Plätze „signifikante Mengen“ an Granulat zu finden. „Wenn es dann einen starken Regenschauer oder Windereignisse gibt, dann können diese Kunststoffgranulate überallhin geweht werden“, sagt Bertling.

Von 279 vom Tiroler Fußballverband abgenommenen Spielstätten sind 49 mit einem Kunstrasen ausgelegt. „Dabei handelt es sich aber nicht nur um Hauptspielplätze, sondern auch um kleine Nebenfelder“, heißt es aus dem Büro des Verbandes. Wie viele der Plätze mit dem Plastikgranulat präpariert werden und wie viele Tonnen des Materials jährlich ausgebracht werden, wird hingegen nicht erfasst.

In der Tiroler Umweltanwaltschaft wird derzeit genau das geprüft. „Ich betrachte das ganze Thema eher mit Sorge, fachlich fundierte Meinung liegt uns aber noch keine vor“, sagt Landesumweltanwalt Johannes Kostenzer. Aktuell vernetze man sich mit unterschiedlichen Institutionen, die zur Problematik forschen. Aufmerksam sei die Umweltanwaltschaft darauf „auch wegen der aktuellen Schneeräumung auf den Plätzen geworden“, erzählt Kostenzer. Das schwarze Granulat färbe den Schnee, ein sichtbares Zeichen der Verschmutzung. „So gelangen die Partikel ins Umfeld, ins Wasser. Die Gefahr besteht, dass über den Lebensmittelkreislauf das Mikroplastik in den menschlichen Körper zurückkommt.“

Bisher noch nichts von der Problematik gehört hat Josef Geisler, Präsident des Tiroler Fußballverbands, weshalb er diese auch nicht weiter kommentieren wollte. Für ihn steht aber fest, dass „der Kunstrasenplatz per definitionem ein Allwetterplatz ist. Aufgrund der geografischen Gegebenheiten ist in Tirol der Winter meist sehr lang.“ Die Entscheidung, ob ein solcher Platz gebaut werde, obliege aber jedem Verein selbst.

„Sehr unerfreulich“ findet Umweltlandesrätin und LHStv. Ingrid Felipe (Grüne) die aktuellen Forschungsergebnisse zu Kunstrasengranulaten. „Wir sollten uns auch die Tiroler Kunstrasenplätze genau anschauen und danach bewerten, wie wir mit der Umweltbelastung durch das Granulat in Tirol in Zukunft umgehen.“ Felipe will dann gegebenenfalls die Sportplatzerhalter für das Thema sensibilisieren und alternative Platz-Systeme, etwa auf Quarzsand-Basis, prüfen. „Vorstellbar ist sicherlich auch, die Thematik über das Fördersystem zu regeln“, erläutert die Umweltlandesrätin.

Über ein neues Bodenschutzgesetz will Vorarlberg gegen die Verschmutzung durch Plastikgranulat vorgehen. Seit 1. Jänner dieses Jahres ist die Regelung im Nachbarbundesland in Kraft, in der erstmals Grenzwerte für Kunststoff im Boden festgelegt wurden. Werden diese überschritten, können Bußgelder verhängt werden. In einem Gespräch mit dem ORF Vorarlberg empfiehlt Horst Elsner, Chef des dortigen Fußballverbandes, jedem Verein, einen umweltfreundlichen Kunstrasen zu verwenden. „Aber das ist vom Kostenfaktor oft nicht machbar,“ sagt Elsner. Denn: Ein umweltfreundlicher Rasen sei derzeit fast doppelt so teuer wie Plätze aus alten Autoreifen.