Nichts ist normal: Katharina Pressls Debütroman „Andere Sorgen“
Wien (APA) - Es braucht nicht viel, um das ganz normale Leben aus den Fugen geraten zu lassen. Manchmal braucht es nicht einmal Mithilfe, un...
Wien (APA) - Es braucht nicht viel, um das ganz normale Leben aus den Fugen geraten zu lassen. Manchmal braucht es nicht einmal Mithilfe, und das Chaos entsteht von selbst. Katharina Pressl lässt in ihrem Debütroman „Andere Sorgen“ den Heimatbesuch ihrer Ich-Erzählerin ganz anders verlaufen als gedacht. Plötzlich ist alles möglich und nichts normal.
Die Protagonistin arbeitet in einer Agentur für journalistische Gebrauchstexte und muss in ihren Heimatort, um das Elternhaus auszuräumen. Die Mutter ist in ein Heim gezogen, der Vater wohnt bei seiner Freundin. Doch irgendwie entwickelt sich nichts wie erwartet. Im Heim streikt das Pflegepersonal für bessere Arbeitsbedingungen, dabei muss in der kirchlichen Institution das Streikrecht erst erstritten werden. Ein Treffen mit dem Vater endet am Parkplatz in einem seltsamen Überfall durch eine wirr anmutende Frau, die sich später als Pflegerin des Heims entpuppt.
Pressl, geboren 1992 in Wolfsberg, hat Sprachkunst und Transkulturelle Kommunikation studiert und arbeitet als Trainerin für Gebärdensprache. Mit „Andere Sorgen“ macht sie es den Lesern keineswegs leicht. In einer distanzierten Sprache beschreibt sie im Präsens und in der Ich-Form die Versuche der Protagonistin, in ihrem Ort wieder Fuß zu fassen. Dabei findet sie zwar Anschluss an Freunde von einst, doch Handlungsstränge werden ins Absurde getrieben, ohne, dass sich ein großer Zusammenhang ergeben würde.
Einfach ist da nichts. Simple Dinge wie das Verhältnis zu ihrer Schwester beschreibt die Erzählerin so kompliziert, dass es selbst ihrer Mutter zu viel wird: „Pah! Wie du sprichst, Kind. Das ist doch keine Wissenschaft! Über so was denkt man anders nach!“ Die Mutter ist da ganz anders gestrickt. Sie ist mit allem zufrieden, was genauso absurd scheint. „Meine Mutter schien mir, als wäre der gesellschaftliche Bescheid darüber, dass sie eigentlich unglücklich sein müsste, in der Post verloren gegangen, oder als hätte sie den Brief aus Versehen weggeschmissen, wer weiß, und wäre stattdessen einfach glücklich geblieben, und niemand wäre auf die Idee gekommen, sie davon abzubringen.“
Die Erzählerin organisiert mit den lokalen Revoluzzern des „Hauswilderei“ genannten Jugendklubs eine als Entführung vorgetäuschte Ausflugsfahrt mit ihrer Mutter und einigen Heimbewohnern nach Slowenien, um der Forderung der Streikenden Nachdruck zu verleihen. Die Erzählerin freundet sich auch mit der durchgeknallten Pflegerin an, die - ausgerechnet! - Malina heißt und sich als eigentlich ein biederes Familienleben führende Mutter von Zwillingen entpuppt. Doch sie stellt sich dieselben Fragen wie die Erzählerin: Ist das Leben, mit dem man sich arrangiert hat, es tatsächlich wert? Lohnt es sich, auszubrechen? Was könnte dem Leben einen neuen Kick verleihen? Genau diese Überlegung führt „Andere Sorgen“ zu einem überraschenden Ende. Es überrumpelt einen. Wie das meiste in diesem Buch.
(S E R V I C E - Katharina Pressl: „Andere Sorgen“, Residenz Verlag, 184 Seiten, 20 Euro. Am 29.3., 20 Uhr, beim Wortspiele Festival in der Dombuchhandlung Wien; Buchpräsentation: 3.4., 19 Uhr, Literaturhaus Wien)
Kommentare