Der neue Avanzini: Das Grauen endlich anschauen
In ihrem neuen Krimi schickt die Tirolerin Lena Avanzini die Polizistin Carla Bukowski auf eine Reise in die eigene Kindheit. Das ist spannend, aber auch gruselig. Das offene Ende erhebt die Autorin zum Kult.
Innsbruck –Carla Bukowski raucht Kette. Die Kriminalistin wurde vor Jahren von ihrer Ursprungsfamilie verstoßen, ihren Mann und ihren Sohn hat sie verloren. Als eine Leiche gefunden wird, die der spröden Kommissarin zum Verwechseln ähnlich sieht, ist diese sichtlich irritiert. Doch ihr eigentlicher Fall entpuppt sich als weitaus verstörender: Beim Begräbnis der Großmutter, die ihr Leuchtturm in einer lieblosen Kindheit war, trifft sie erstmals auf ihren studierenden Neffen, der ihr auf Anhieb sympathisch ist.
Doch der Bursche wird das Opfer einer Entführung und Bukowskis bisheriges Leben wird plötzlich vor ihr abgespult – mit beträchtlichen Leerstellen allerdings. Doch schließlich wird sie gezwungen, das dunkelste Kapitel ihrer Vergangenheit an sich heranzulassen und endlich genau hinzuschauen. Spannend ist dieser dritte Krimi mit der Kommissarin, die Herzenswärme für eine überschätzte menschliche Eigenschaft hält. Dennoch muss Carla Bukowski in „Am Ende nur ein kalter Hauch“ letztlich sehr viel Gefühl zeigen.
Das Herausragende an Avanzinis Büchern ist aber nicht nur der psychologisch unterfütterte Plot, sondern vor allem die große sprachliche Virtuosität.
Während bei vielen Krimis der Fokus auf der Spannung liegt und der Sprache fast eine Außenseiterrolle zukommt, schafft es Avanzini, verschiedenen Stimmungen eigenen Ausdruck zu verleihen. Ob es sich um einen Blog handelt, den der Neffe betreibt, oder die Innensicht eines Gefangenen, stets korrespondiert die Sprache mit der Situation.
Besonders interessant und witzig sind die Ausführungen über ein rebellisches Rollenverständnis mancher Insekten im Blog des späteren Entführungsopfers Daniel.
Das geht so: Die Insekten locken die Frösche an. Einmal im Maul, spuckt der Jäger den Gejagten gerne wieder aus. Indes verbeißt sich aber dessen Laufkäferlarve im Bauch des Tieres. Der Frosch nimmt ein tragisches Ende, er wird ausgesaugt, bis nur noch ein schleimiger Haufen Knochen von ihm übrig bleibt. In diesem tierischen Blog zieht Daniel dann Parallelen zwischen dem Verhalten der Insekten und der Menschen. So will er Letztere dazu ermutigen, Widerstand zu leisten, wenn wieder ein Lehrer oder Vorgesetzter den großen Mackerfrosch heraushängen lässt. So spaßig diese Passagen sind, so grauenerregend sind andere.
„Der Frost ist ein guter Liebhaber“, mit dieser nahezu philosophischen Betrachtung steigt Avanzini in den Roman ein und entführt den Leser direkt von der gemütlichen Couch in ein eisiges Gefängnis.
Da ihr Fall die Familie betrifft, kommt die Kommissarin nicht umhin, sich in ihrer Heimat Tirol mit ihrer Herkunft auseinanderzusetzen. Was sie über sich selbst erfährt, gefällt ihr nicht.
Lena Avanzini beschäftigt sich viel mit durchkomponierter Musik, die Melodie ihrer Erzählungen ist auch in ihrem neuesten Werk hörbar. Für den Erstling „Tod in Innsbruck“ wurde sie 2012 mit dem Friedrich-Glauser-Preis der Sparte Debüt ausgezeichnet. Der dritte Teil um Bukowski bezieht sich auch auf die Vorgänger, kann aber ebenso gut als eigenständiges Werk gesehen werden.
Letztlich wird man die Frage nicht los, ob man den Schlusspunkt der Reihe in Händen hält. Am Ende lässt die Autorin alle Fragen offen. Das könnte man als Indiz sehen, dass es weitergeht, oder aber, dass Avanzini, die gerne mordet, wieder einen neuen Ermittler oder eine Ermittlerin am Start hat. (hoho)
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