Gauner und Gentlemen: Ein Spiel mit großen Mythen
Nach 80 Filmen verabschiedet sich Robert Redford mit David Lowerys „Ein Gauner & Gentleman“ als legendärer Bankräuber und Hollywood-Ikone vom Kino.
Von Peter Angerer
Innsbruck –Ein alter Mann mit Schnauzbart und Hut schlendert in eine Bankfiliale, lüftet sein Sakko, um seinem Auftritt mit einer Waffe Nachdruck zu verleihen, und bittet am Schalter freundlich, die mitgebrachte Aktentasche mit Geld zu füllen. Ebenso freundlich bedankt er sich für die Unterstützung der Angestellten, die den unaufgeregten Abgang mit offenem Mund verfolgt.
Auf der Straße zieht er den Schnauzer ab, steigt in ein unauffälliges Auto und brettert aus der Stadt. Als sich Polizeiautos nähern und mit einer Kontrolle zu rechnen ist, entdeckt er Jewel (Sissy Spacek), die im Regen verzweifelt vor ihrem Auto steht. Kein flüchtiger Bankräuber nimmt sich die Zeit, bei einer Autopanne als Kavalier aufzutreten, doch der alte Mann schiebt seinen Hut in den Nacken, streift mit dem Zeigefinger über die Krempe und zaubert dieses unwiderstehliche Grinsen in sein Gesicht, als hätte das vergangene halbe Jahrhundert keine Spuren hinterlassen.
Es ist eine dieser Gesten in „Butch Cassidy and the Sundance Kid“, die Robert Redford unsterblich gemacht haben. Hingerissen von dieser Erscheinung spielt es für Jewel keine Rolle, dass der Mann keine Ahnung von Motoren hat. Bald wird er die Farmerin und Pferdezüchterin auch zu Hause besuchen und muss ein weiteres Geständnis ablegen: „Ich bin noch nie auf einem Pferd gesessen!“ Das ist natürlich ein Lacher, denn der das sagt, war eben Sundance Kid, „Der elektrische Reiter“ und „Der Pferdeflüsterer“. Nach 80 Auftritten in Western, Politthrillern, Gangster- und Gesellschaftskomödien gibt Robert Redford, Jg. 1936, als Forrest Tucker in David Lowerys „Ein Gauner & Gentleman“ („The Old Man & the Gun“) seine Abschiedsvorstellung als Schauspieler, als Ikone.
Bereits 2003 erwarb Redford die Filmrechte an David Granns im New Yorker erschienenen Text über den Bankräuber Forrest Tucker, der es mit seiner „Over The Hill Gang“ in den besten Zeiten auf 60 Banküberfälle in einem Jahr brachte, der aber auch als Ausbrecherkönig aus legendären Haftanstalten wie Alcatraz oder San Quentin Karriere machte.
In der fulminanten Abspannsequenz verknüpft Redford seine einzigartige Kinokarriere mit der kriminellen Laufbahn Tuckers, der 15-jährig seine erste Haftstrafe absitzen musste. Im Filmarchiv Redfords findet sich zu jeder Lebensstation Tuckers ein passendes Standfoto. Dabei hatte es Tucker nie auf das Geld abgesehen, er musste einfach Banken überfallen und fand Gefallen daran. Diese Analogie zum Sisyphos-Mythos könnte Redford verführt haben, einen humorvollen und kritischen Blick auf den Beruf eines Schauspielers in Hollywood zu werfen.
Als im Film die Beziehung zwischen Tucker und Jewel nach einem Kinobesuch – sie sehen sich Monte Hellmans „Two-Lane Blacktop“ (1971) an – ein gewisses Maß an Vertrautheit erreicht hat, erkundigt sich die Farmerin nach den Optionen Tuckers, der keine Verlegenheit kennt: „Ich raube Banken aus!“ Diese mit wunderbarer Leichtigkeit gespielten Szenen zwischen Redford und Spacek enthüllen auch das tragische Versäumnis, nie zuvor gemeinsam gearbeitet zu haben.
Als Mitglieder der „Over The Hill Gang“ sind Danny Glover als Teddy Green und Tom Waits als John Waller zu sehen, denen Arthritis, Schusswunden und andere Strapazen zusetzen. Ein Polizist mit dem sprechenden Namen John Hunt (Casey Affleck) ermittelt vorübergehend in die falsche Richtung, weil er sich keine Bande aus müden Rentnern vorstellen kann.
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