Was Zaubertricks über die Blockaden unseres Denkens verraten

Ein ungewöhnliches Team aus Zauberer und Kognitionspsychologin forscht in Cambridge. Im kleinen Festsaal der Universität Wien waren Nicky Clayton und Clive Wilkins am Dienstag einer der Beiträge zum Eröffnungssymposium des neuen CogSciHub der Uni.

(Symbolfoto)
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Wien – Sie trafen einander auf der Tanzfläche. Tangopartner, die lange Zeit nicht einmal ihre Namen austauschten. Erst nach Jahren kamen sie ins Gespräch – und stellten fest: beide beschäftigen sich mit dem Denken. Sie als Kognitionspsychologin an der Universität Cambridge. Er als Künstler und als Zauberer. Heute sind die Briten Nicky Clayton und Clive Wilkins ein renommiertes Forscherteam.

„Unsere Zusammenarbeit passiert auf Augenhöhe“, erklärt Clayton im APA-Interview. „Kunst und Wissenschaft haben sehr unterschiedliche Werkzeugkästen – die Ergebnisse sind aber oft sehr ähnlich. Und wenn nicht – dann wird es erst richtig interessant.“ An der Universität Wien haben die beiden Cambridge-Forscher - Wilkins ist an der Eliteuni mittlerweile Artist-in-Residence – am gestrigen Dienstag beim Eröffnungssymposium des neuen Forschungsverbundes CogSciHub vorgetragen. „Why the mind is tricked“ erklärten sie dem Publikum.

Sie müssen es wissen. Denn das Phänomen des Zaubertricks nutzen die beiden nun seit einigen Jahren, „um den Beschränkungen unseres Denkens auf die Spur zu kommen“, wie Wilkins erklärt. „Wir beschäftigen uns viel mit Kreativität, mit der Fähigkeit unseres Gedächtnisses zu mentalen Zeitreisen und mit Fantasie. Und wir fragen uns: Warum kommen wir in unserem Denken nicht noch weiter? Was ist das Hindernis?“

„Wir überschätzen die Bedeutung des Jetzt“

Bestimmte kognitive Fähigkeiten, etwa das mentale Zeitreisen, wären für den Menschen sehr wohl erlernbar, so die These, würden sie nicht von fundamentalen Blockaden verhindert. „Es gibt zwei systematische Fehler (engl. ‚bias‘, Anm.), die unser Denken beschränken“, so Clayton. „Erstens, den egozentrischen Bias. Wir gehen immer davon aus, dass die Wahrnehmung anderer Menschen unserer eigenen ähnelt.“ Weil wir uns selbst als Maßstab setzen, wird unsere Abbildung der Realität systematisch verzerrt. „Wir überschätzen dabei auch die Bedeutung des Jetzt. Wir sind sehr schlecht darin, unserem zukünftigen Selbst dieselbe Wichtigkeit einzuräumen.“ Das erkläre Planungsversagen aller Art – im eigenen Terminkalender ebenso wie etwa bei kolossalen Bausünden in der Städteplanung.

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Der zweite fundamentale Fehler ist der „Bestätigungs-Bias“, der dazu führt, „dass wir hauptsächlich wahrnehmen, um unsere Erwartungen zu bestätigen.“ Dabei „verpassen wir wichtige Inkonsistenzen, wichtige Abweichungen, die unser Gehirn eigentlich brauchen würde, um zu lernen“. Die es beispielsweise auch brauchen würde, um einen Zaubertrick zu durchschauen. „Diese Denkblockaden sind der Grund, weshalb Zaubertricks funktionieren“, so Wilkins, der selbst Mitglied des traditionsreichen britischen „Magic Circle“ ist.

Ihre Vorträge mischen die beiden ungleichen Forscher auch gerne mit kleinen Zaubervorführungen – „das bringt die Leute fast immer dazu, über die Sache noch einmal anders nachzudenken“, schmunzelt Wilkins. Zauberer, erzählt er, lernen ihr Handwerk hauptsächlich über kognitive Skills. Sie können beispielsweise häufig ihr Gedächtnis „rückwärts abspielen“, wenn sie etwa einen Trick bei anderen beobachten und sich selbst anlernen. „Bei den meisten Menschen ist Erinnerung dagegen immer in die Zukunft gerichtet – es wird also ein Zeitpunkt in der Vergangenheit gewählt und von dort wieder Richtung Gegenwart erinnert.“ Könnten wir uns von diesen Schranken befreien – ein ganz neues, kreatives Denken wäre möglich, glaubt Wilkins.

Krähen „haben durchschaut wie man zaubert

Dass die erstaunlichen mentalen Fähigkeiten von Zauberern dabei aber vielleicht nicht besonderem Training oder einem bestimmten schlauen, aber verschlagenen Charakter zuzuschreiben sind, sondern angeboren sein könnten, darauf deutet die neueste Forschung von Clayton und Wilkins hin. „Mein Spezialgebiet sind eigentlich Krähen“, so Clayton, die sprachliches und sprachfreies Denken bei Menschen, Kindern vor dem Spracherwerb sowie Tieren vergleicht. Bei der Beobachtung der Krähen und anderer Vogelarten, die ihr Futter verstecken, ist ihr nun aufgefallen, dass die Tiere Tricks anwenden, um andere Vögel daran zu hindern, ihre Vorräte zu klauen. „Sie tragen sie beispielsweise ganz häufig und schnell von einem Versteck zum nächsten – wie bei dem bekannten Spiel mit den drei Bechern. Oder sie tun so, also ob sie es wegtragen, belassen es aber eigentlich am alten Ort.“ Für Wilkins ist der Fall klar: „Sie haben durchschaut, wie man zaubert.“

Im kleinen Festsaal der Universität Wien waren Nicky Clayton und Clive Wilkins am Dienstag einer der Beiträge zum Eröffnungssymposium des neuen CogSciHub der Uni. Aus der Forschungsplattform Cognitive Science hervorgegangen, wurde das Netzwerk aus Kognitionspsychologen und Neurobiologen, aber auch Kunsthistorikern, Computerwissenschaftern, Linguisten, Musikologen oder Veterinärmedizinern nunmehr zum Forschungsverbund aufgewertet und mit mehr Mitteln ausgestattet. Sprecher des Zusammenschlusses ist der Psychologe und Ästhetikforscher Helmut Leder. (APA)


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