Brexit? „Ich habe genug davon“
Edinburgh (APA) - Ganz einfach ist es nicht, an diesem windigen Tag in Edinburgh mit Schotten über den britischen EU-Austritt ins Gespräch z...
Edinburgh (APA) - Ganz einfach ist es nicht, an diesem windigen Tag in Edinburgh mit Schotten über den britischen EU-Austritt ins Gespräch zu kommen, und das liegt nicht unbedingt nur am Wetter und daran, dass so viele Touristen in der Stadt sind. „Aaaaaaaa - wenn Sie meine Reaktion wollen“, sagt Marjory und verdreht die Augen. „Ich habe genug davon“, hält Carol unmissverständlich fest.
Beim EU-Referendum 2016 haben 62 Prozent der Schotten für den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU gestimmt. Carol war unter den 38 Prozent, die sich dafür ausgesprochen haben, aus der Staatengemeinschaft auszuscheiden. Ihre Meinung hat sie nicht geändert: „Zu viel Geld geht nach Brüssel“, sagt sie.
Vom Thema Brexit hat sie allerdings mittlerweile genug: „Brexit ist immer das erste, was man in den Zeitungen und überall sieht“, die ganze Sache dauere schon zu lange, sagt die grauhaarige Frau aus Dundee.
Fast wortgleich äußert sich wenig später eine Altersgenossin, die ihren Namen nicht nennen möchte. Auch sie hat für den Austritt gestimmt. „Ich habe genug davon, schon von dem Wort an sich, ich schalte einfach ab“, sagt sie. Es kümmere sie nicht mehr. „Wir hätten diese Abstimmung nie machen sollen. Jetzt haben wir dieses Chaos.“
Nicht weniger verärgert, wenn auch aus anderen Gründen, zeigt sich Vikki, die auf ihren Bus wartet. „Ich hasse alles daran“, sagt sie über den Brexit. „Ich finde, es macht uns kleiner.“ Die Mittdreißigerin hat für den Verbleib in der EU gestimmt und wäre bereit gewesen, das Ergebnis des Votums zu akzeptieren: „Aber es ist offensichtlich, dass die Regierung keine Ahnung hat, was sie tut.“ Mittlerweile fehlten ihr die Worte, um sich zum Brexit zu artikulieren, sagt Vikki noch mit einem Kopfschütteln, bevor sie in den Bus steigt.
„Wir haben uns für den Austritt entschieden, also muss die Regierung mit der Mehrheit gehen, sich zusammenreißen und dafür sorgen, dass es funktioniert“, findet James. Auch ihm ist der Ärger anzumerken. „Ich bin ein Tory, das ist eine Tory-Regierung, und sie streiten untereinander.“ Er ist für den EU-Austritt. „Aber ich bin alt. Viele von den Jungen, meine Söhne, finden, es wäre besser, in der EU zu bleiben“, sagt der ältere Herr, der im Zentrum von Edinburgh sein eigenes Geschäft führt.
James rechnet damit, dass die anderen europäischen Staaten ihre Waren auch nach dem Brexit an das Vereinigte Königreich verkaufen wollen werden - die Deutschen ihre Autos, die Spanier ihren Wein und die Niederländer ihre Blumen, nennt er Beispiele. Ein „No Deal“-Austritt ängstigt ihn nicht. Aber ja, er sei wütend auf die Tory-Partei. „Wir beschäftigen diese Leute und zahlen für sie.“ Mittlerweile habe jeder genug vom Brexit, meint auch er.
Marjory hat 2016 für den Verbleib in der EU gestimmt, ist allerdings der Ansicht, man müsse „mit dem Strom schwimmen“, wie sie es formuliert. Die 65-Jährige unterstützt ein unabhängiges Schottland, „aber ich finde, dass unsere Regierung momentan einen Fehler macht“, und meint damit die politische Führung in Edinburgh. „Wir haben unsere Unabhängigkeit nicht bekommen, also haben wir als Vereinigtes Königreich abgestimmt, als Ganzes, und zwar für den Austritt.“ Auch in anderen Teilen des Landes gebe es schließlich Gebiete, die gegen den Brexit gewesen seien.
Premierministerin Theresa May werde mit zu wenig Respekt begegnet, findet Marjory. „Ich bin aber keine Konservative“, fügt sie rasch hinzu. Vielleicht liege es ja an ihrem Alter. Aber man könne nicht nur kritisieren, sondern müsse auch eigene Pläne vorlegen, findet sie.
„Mir wäre es lieber, wenn wir nicht austreten würden“, macht die Studentin Jemma klar. Aber die Abstimmung sei nun einmal so ausgegangen. Ähnlich äußert sich auch Sean, der in einer Restaurantküche arbeitet und ebenfalls mit einem Kollegen eine Rauchpause macht. Er würde zwar gerne in der EU bleiben, „aber ich glaube trotzdem, dass wir austreten sollten“ - damit niemand sagen könne, dass es „keine Demokratie gibt“.
Barbara, die ursprünglich aus Polen kommt, lebt seit zehn Jahren hier und vermutet, dass der Brexit nichts daran ändern wird, dass sie im Land bleiben kann. „Der Gedanke, dass man uns hier nicht wirklich haben will, ist keine positive Sache“, sagt sie. Persönlich habe sie bisher aber nichts Negatives erlebt. Sie hat hier studiert und unterrichtet in Edinburgh an der Universität. Wahrscheinlich werde sie bleiben, wenn sie könne, ergänzt sie. Und wenn nicht, dann eher noch in ein anderes europäisches Land ziehen als zurück nach Polen. „Ich kann überall hingehen, ich werde ja noch immer EU-Bürgerin sein“, sagt sie - anders als die Briten.
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