Tirol

253 Übergriffe auf Mädchen in Martinsbühel gemeldet

Wie ein mahnender Fingerzeig in die Vergangenheit thront heute Martinsbühel auf der Anhöhe über Zirl.
© Vanessa Rachlé / TT

Die Diskussion über Missbrauch in kirchlichen und von Orden geführten Institutionen führte allein im heurigen Jahr in Tirol zu 20 neuen Meldungen.

Von Peter Nindler

Innsbruck –Die Vorgänge im 2008 geschlossenen Mädchenheim Martinsbühel in Zirl wühlen auf. Das von den Benediktinerinnen geführte Internat mit angeschlossener Sonderschule steht seit Wochen im Zentrum von neuerlichen Vorwürfen. Weil sich die noch lebenden Benediktinerinnen aus Scharnitz ins Mutterhaus nach Melchtal in der Schweiz zurückgezogen haben, aber bisher die historischen Akten zu Internat und Schule noch nicht herausgerückt haben. Melchtal existiert seit Anfang März ebenfalls nicht mehr, die Schwestern übersiedelten erneut. Und zwar ins benediktinische Zentrum Sarnen.

Wie wichtig die historische Aufarbeitung der Geschehnisse durch die vom Land eingesetzte Expertenkommission ist, zeigen die jüngsten Vorgänge. Wie der Leiter der Ombudsstelle der Diözese Innsbruck, Gotthard Bertsch, erklärt, hätten sich alleine im heurigen Jahr wieder 20 Betroffene von Gewalt in kirchlichen Institutionen gemeldet. Alleine 20 ehemalige Heimbewohner von Martinsbühel, aber auch von Scharnitz oder der Bubenburg in Fügen.

Rita Kupka-Baier von der kirchlichen „Stiftung Opferschutz“ der österreichischen Bischofskonferenz führt vermehrte Meldungen auf die intensive Debatte über Missbrauch in der katholischen Kirche und in den Ordensgemeinschaften zurück. Von der Stiftung Opferschutz wurde bisher 73 Mädchen aus Martinsbühel finanzielle Hilfe gewährt, 253 Übergriffe durch die Schwestern auf sie sind dokumentiert. Die neuen Meldungen werden von der diözesanen Opferschutzkommission demnächst behandelt.

Auch Angehörige von Betroffenen, die wegen ihrer kognitiven und körperlichen Beeinträchtigung in Martinsbühel untergebracht waren, beginnen ihre Stimme zu erheben. Bis zu 200 behinderte und nicht behinderte Kinder lebten dort. Die Innsbrucker Psychotherapeutin Ulrike Paul, die ehemalige Heimkinder von Martinsbühel betreut, hat eindringlich auf die Situation von Menschen mit Behinderungen in Martinsbühel aufmerksam gemacht. Die Kommission des Landes will im konkreten Fall erstmals auch den gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit Behinderungen beleuchten.

Aber vieles hängt vom uneingeschränkten Zugang zu historischem Aktenmaterial ab. „Angesichts des gesellschaftlichen und politischen Wunsches nach umfassender und vorbehaltloser Aufklärung hoffen wir auf die Kooperation aller relevanten Organisationen und Einrichtungen“, unterstreicht die Kommission. Das hofft darüber hinaus die Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden, Beatrix Mayrhofer. „Ich denke, das liegt irgendwie auch in der Verantwortung des Abtpräsens der Benediktiner und des örtlich zuständigen Bischofs in der Schweiz.“

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