Bexit - Frankfurt wartet noch auf große Bankenflucht
London/Frankfurt (APA/AFP) - Kindergeschrei dröhnt vom Gang, während Svetlana Kazantseva am Telefon spricht. Jeden Tag rufen sie verzweifelt...
London/Frankfurt (APA/AFP) - Kindergeschrei dröhnt vom Gang, während Svetlana Kazantseva am Telefon spricht. Jeden Tag rufen sie verzweifelte Eltern und Unternehmen an und fragen, ob sie in einer Klasse noch Platz hat. Kazantseva ist Marketing-Chefin der International School Frankfurt Rhein-Main, einer der größten internationalen Schulen der Bankenmetropole.
Und so wie die Stadt immer voller wird, wird auch die Schule immer gefragter. Kazantseva sollte eigentlich eine der ersten sein, die die Auswirkungen des ursprünglich für den 29. März angesetzten Brexit spürt. Wenn die internationalen Großbanken ihr Personal aus dem Finanzzentrum London abziehen und nach Frankfurt umsiedeln, bringen diese auch ihre Familien und Kinder mit. „Den Brexit spüren wir bislang höchstens indirekt“, erzählt die Schul-Managerin. Die Anfragen hätten sich im laufenden Jahr zwar verdoppelt, doch die wenigsten davon kämen aus London.
Das hat einen Grund: Die große Bankenflucht aus London ist bisher ausgeblieben. Und das obwohl die dortigen Institute den Zugang zum kontinentalen Geldmarkt verlieren werden. Zwar haben sich der Finanzaufsicht Bafin zufolge 45 Banken im Zuge des Brexit nach Deutschland orientiert - doch Branchenschätzungen zufolge haben sie aktuell nur 1.500 bis 2.500 Arbeitsplätze an den Main gebracht. Angesichts der rund 75.000 Stellen im Frankfurter Finanzsektor ist das nicht viel.
Außerdem bringen die Zugezogenen eher wenig britisches Flair mit. „Mehrheitlich handelt es sich dabei nicht um umgezogene Mitarbeiter aus London, sondern um Neueinstellungen aus dem lokalen Markt“, sagt der Brexit-Experte der Beratungsfirma PwC, Stephan Lutz. Das geeignete Personal zu finden dauert. Frankfurt hat unter internationalen Bankern nämlich nicht den besten Ruf.
„Wir sind keine Weltmetropole und keine Hauptstadt“, sagt Ralf Witzler von Frankfurt Main Finance, dem örtlichen Lobbyverein der Finanzindustrie. „Für junge Menschen ist Frankfurt nicht so attraktiv, da brauchen wir uns nichts vormachen“.
Für Familien mit Kindern sei die Stadt hingegen eher geeignet. Sie sei gut angebunden, habe ein großes kulturelles Angebot und sei gleichzeitig überschaubar. „Man braucht nur eine halbe Stunde ins Grüne und 20 Minuten, um von einem Ende der Stadt zum anderen zu kommen. „Außerdem seien die Mieten im Vergleich zu London oder Paris noch günstig. „Diese Vorteile haben wir versucht, ins rechte Licht zu rücken“, sagt Witzler.
Manche in der Finanzszene werfen der Stadt und der Bundesregierung vor, nicht genügend Werbung für Frankfurt gemacht zu haben. So ging beispielsweise die Europäische Bankenaufsicht an Paris und nicht hierher. Es wird zudem vermutet, dass die Stadtverwaltung aus Angst vor noch stärker steigenden Mieten gar nicht so scharf auf weiteren Zuzug ist. Das Rathaus äußerte sich auf eine AFP-Anfrage dazu nicht.
Abgeschlossen ist das Wettrennen um den Brexit-Kuchen für Frankfurt noch nicht. PwC-Experte Lutz schätzt, dass die Banken in drei bis fünf Jahren 10.000 bis 15.000 neue Stellen in der Stadt schaffen werden.
Die Schätzung ist aber mit einiger Unsicherheit behaftet, weil die Details des Brexit nach wie vor offen sind. „Wenn es zum No-Deal Brexit kommt, werden die Unternehmen ihre Stellen schneller verlagern“, sagt Lutz. Im Fall eines Brexit mit Abkommen und Übergangszeitraum würden vermutlich Teile der Aktivitäten aus London in die USA oder nach Asien verlagert werden anstatt auf den europäischen Kontinent.
In einer anderen Kategorie profitiert die Stadt deutlich schneller vom EU-Abgang der Briten: „Die Bilanzsumme der Frankfurter Banken wird sich nach heutigem Stand um rund ein Fünftel erhöhen“, sagt Lutz. Das wären etwa 800 Milliarden Euro, oder das doppelte dessen, was in den Commerzbank-Büchern steht.
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