Malerei mit der Schärfe von Musik
Ikonische Werke von Mark Rothko in der ersten Personale des Ausnahmekünstlers in Österreich im Kunsthistorischen Museum.
Von Edith Schlocker
Wien –Es hat erstaunlich lange gedauert, bis dem amerikanischen Ausnahmekünstler Mark Rothko in Österreich eine Einzelausstellung gewidmet wird. Doch das Warten hat sich gelohnt. Gibt es doch vielleicht keinen besseren Ort als das Wiener Kunsthistorische Museum, um die meditative Farbfeldmalerei des Sohns russischer Emigranten zu präsentieren, gerade weil sie in ihrer Hermetik in so totalem Gegensatz zur Opulenz der umgebenden Architektur stehen.
„Ich bin Maler geworden, weil ich der Malerei die Schärfe von Musik und Dichtung geben wollte“, hat der 1903 im russischen Dwinsk geborene Künstler einmal gesagt, der als Zehnjähriger mit seiner Familie in die USA ausgewandert ist. Heute sind die Bilder aus der Spätzeit Rothkos Ikonen der neueren Kunstgeschichte, gehören zu den am höchsten bezahlten weltweit.
Die Schau im Kunsthistorischen Museum zeigt aber nicht nur exzellente Beispiele aus dieser finalen Epoche, sondern auch den Weg dorthin. Liegen die Anfänge des Großmeisters des Abstrakten Expressionismus doch im Figuralen. Waren seine eigentlichen Lehrmeister Altmeister wie Fra Angelico, Rembrandt und Vermeer genauso wie Matisse, Bonnard und Picasso. Um das Reale zu Extrakten zu verdichten, bevor Rothko um 1950 formal komplett mit allen Traditionen brach, seine altmeisterliche Maltechnik aber beibehielt.
Alles Figurale, auch nur entferntest Assoziative hinter sich lassend, wandelte sich Mark Rothko zum Maler von Bildern, die allein von der Farbe leben, entführend in beklemmende geistige und emotionale Sphären. Ausgebreitet auf riesigen Formaten in einem höchst konzentrierten, in vielen Schichten zelebrierten Tun, eine Tiefe suggerierend, die unendlich zu sein scheint. Das Ergebnis sind Bilder, die wie Ikonen daherkommen. Kreisend als sehr persönliche Variante des Ewigen um ein „inneres Licht“, das Rothko bei Rembrandt so bewundert hat.
Kern der Wiener Ausstellung sind riesige Bilder, die der Künstler für einen Speisesaal in Mies van der Rohes New Yorker Seagram Building gemalt hat. Entwickelt gern um nur eine, delikat variierte, sich aus unbestimmten Hintergründen meist in horizontaler Gliederung an die Oberfläche drängenden, an ihren Rändern malerisch ausfransenden Farbfeldern.
Die formale Reduktion seiner Kunst hat Mark Rothko im Jahrzehnt vor seinem selbst gewählten Tod 1970 immer radikaler ausgereizt. In Bildern, die erstaunlich hell und friedvoll, aber auch infernalisch brennend oder ahnungsvoll düster daherkommen können. Als Ausdruck tiefgründiger Seelenqualen, die es intuitiv schaffen, den Betrachter in existenzieller Nachhaltigkeit zu berühren.