Georg Pendl: Architektur als Gemeingut für alle

Georg Pendl ist genauso leidenschaftlicher Architekt wie Interessenvertreter für seine Zunft. Das Architects‘ Council of Europe mit Sitz in Brüssel, dessen Präsident er ist, tagt diesen Samstag in Innsbruck.

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Zwei Herzen schlagen in der Brust des Innsbrucker Architekten und ACE-Präsidenten Georg Pendl.
© Thomas Boehm / TT

Sie sind zwar gelernter Architekt, Sie scheinen sich allerdings lieber als Interessenvertreter für Ihre Zunft zu engagieren denn zu bauen. Zuerst auf Landes-, dann auf Bundes- und nun sogar auf europäischer Ebene.

Georg Pendl: Als Mensch, der sich gern einmischt, hat man als Präsident der Kammer oder des Architects' Council of Europe einfach viel mehr Möglichkeiten, etwas zu verändern. Wenn ich davon leben müsste, wäre meine Situation allerdings jämmerlich. Ist die Tätigkeit bei der Kammer doch rein ehrenamtlich und die Geschichte in Brüssel nur mit einer kleinen Zeitabgeltung ausgestattet. Weshalb ich meinen Lebensunterhalt im Wesentlichen von dem, was ich baue, bestreiten muss.

Aber das Streiten für die Architektur scheint doch Ihre große Leidenschaft zu sein.

Pendl: Ich tue beides gern. Ich halte es aber für sehr wichtig, dass die Streiter für die Architektur auch selbst bauen. Um eine sonst unweigerlich aufkommende Abgehobenheit zu vermeiden.

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Worum geht es bei Ihrem Kampf?

Pendl: Ich sehe mich primär als engagierten Verteidiger der Baukultur und weniger der Interessen der Architektenschaft. Denn wenn gute Architektur gefragt ist, dann geht es ihren Erfindern automatisch gut. Baukultur ist ein allgemeines Anliegen, betrifft jeden tagtäglich.

Sind die Probleme der Architektenschaft auf EU-Ebene dieselben oder gibt es da länderspezifische Unterschiede?

Pendl: Obwohl das Berufsfeld bzw. die Lage der Architekten in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich ist, sind die springenden Punkte überall sehr ähnlich. Ein wesentlicher Faktor ist der Kampf darum, dass es bei Entscheidungen primär um architektonische Qualitäten gehen muss.

Wobei man in letzter Zeit den Eindruck gewinnt, dass die Rolle der Architektur immer mehr zugunsten der Interessen von Investoren zurückgedrängt wird. Stimmt dieser Eindruck?

Pendl: Jein. Wenn ich mir die Situation in Tirol anschaue, ist offensichtlich, dass die Entwicklung in den vergangenen 25 Jahren eine äußerst positive war. Aber ich gebe Ihnen Recht. Momentan könnte es passieren, dass wir einen Zenit zu überschreiten beginnen. Da müssen wir aufpassen und versuchen gegenzusteuern. Der Druck der Ökonomie wird immer stärker, wobei hier sehr kurzfristig gedacht wird. Das Theater rund um das MCI ist ein Musterbeispiel dafür, wie es nicht gehen soll.

Welche Instrumentarien hat ein auf EU-Ebene umtriebiger Interessenvertreter wie Sie da in der Hand?

Pendl: Wirklich in der Hand haben wir nichts. Wir können nur versuchen, gewisse Dinge zu beeinflussen, wobei diesbezüglich unter dem Ratsvorsitz Österreichs auf EU-Ebene viel Positives passiert ist. Hat der Rat im vergangenen Dezember doch ein Arbeitsprogramm für Kultur für die Jahre 2019 bis 2022 beschlossen, in das auch wir uns sehr aktiv eingebracht haben. Da ist hochwertige Architektur und gebaute Umwelt als Gemeingut für alle einer der 17 Themenschwerpunkte. Wobei mir gerade dieser Fokus auf das Gemeingut besonders gut gefällt, weil hier einmal formuliert wird, dass Architektur etwas mit allgemeinem Interesse zu tun hat.

Wie man weiß, ist Papier geduldig, die Frage wird allerdings sein, wie sich das Formulierte in der Realität wiederfinden wird.

Pendl: Natürlich. Aber es wird bei der EU eine Arbeitsgruppe eingerichtet, in die u. a. die Ergebnisse der Innsbrucker Konferenz einfließen werden. Die europäische Ebene kann da natürlich nur Empfehlungen abgeben, aber es geht um das Erzeugen inhaltlicher Atmosphären. Denn das Bauen findet auf kommunaler Ebene statt und da geht es wie immer darum, ob es hier Politiker oder Bauherren gibt, die diese Empfehlungen auch umsetzen. Ganz nach meinem Motto „Nichts ändert die Welt, aber alles macht einen Unterschied".

Das ist ähnlich wie bei den diversen Beiräten, die ja auch nur Empfehlungen abgeben können.

Pendl: Um trotzdem die Baukultur etwa in Innsbruck nachhaltig verbessert zu haben. Nicht zuletzt durch das, was sie verhindert haben.

Das Architects' Council of Europe, dem Sie als Präsident vorstehen, tagt diesen Samstag in Innsbruck. Worum wird es da gehen?

Pendl: Thema sind im weitesten Sinn Qualitätssicherungsmaßnahmen in Sachen Baukultur. Angefangen von der Diskussion, was Qualität in diesem Zusammenhang bedeutet, bis zur Vorstellung von Methoden der Qualitätssicherung quer durch Europa. Die Ergebnisse werden in einem Statement zusammengefasst und publiziert.

Die Tagung findet in der Innsbrucker Architekturfakultät statt. Welche Rolle spielen für Sie die Universitäten bei der Entwicklung der Baukultur?

Pendl: Eine sehr wesentliche. Die Aufgabe wäre, den Architekten von morgen die umfassende Rolle ihres Berufs in der Gesellschaft klar zu machen. Die Notwendigkeit, sich einzumischen. Und das passiert leider nur zum Teil.

Ihre zweite Leidenschaft ist das Bauen. Gibt es Projekte?

Pendl: Ja, erfreulicherweise sogar mehrere.

Das Interview führte Edith Schlocker

Zur Person

Georg Pendl: Jg. 1954, Architekturstudium in Innsbruck; seit 1985 Büro in Innsbruck, bis 2003 gemeinsam mit Elisabeth Senn; 2006—2014 Präsident der Kammer der ZiviltechnikerInnen Österreichs, seit 2014 Bundesvorsitzender der Sektion ArchitektInnen. Seit 2017 Präsident des Architects' Council of Europe (ACE) mit Sitz in Brüssel, das mehr als 550.000 Architekten in ganz Europa vertritt und diesen Samstag in Innsbruck tagt.


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