Historisches Strafmaß in Glyphosat-Fall: Milliarden für krebskrankes Paar

Der milliardenschwere Kauf von Monsanto entwickelt sich für Bayer zusehends zum Albtraum. Zum dritten Mal binnen weniger Monate ist der Konzern in den USA zu einer hohen Schadenersatzerzahlung an Kläger verurteilt worden, die das Pestizid Roundup von Monsanto für ihre Krebserkrankungen verantwortlich machen. Bayer kündigte an, Rechtsmittel einzulegen. Der Aktienkurs sackte weiter ab.

RoundUp soll Krebs verursachen. Es ist bereits der dritte Glyphosat-Prozess, den Bayer in den USA verloren hat.
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Oakland, Leverkusen, St. Louis – Der Druck auf Bayer steigt: Der Pharma- und Agrarchemiekonzern verlor in den USA auch den dritten Prozess wegen des Unkrautvernichters Glyphosat der Tochter Monsanto und wurde erneut zu Schadenersatz verurteilt. Die Geschworenen des Gerichts im kalifornischen Oakland urteilten am Montag, dass Bayer mehr als zwei Milliarden Dollar (1,78 Milliarden Euro) an die Kläger zahlen müsse.

Das Verfahren angestrebt hatte das Ehepaar Alva und Alberta Pilliod, die beide über 70 Jahre alt und an Lymphdrüsenkrebs erkrankt sind. Sie machen dafür die jahrzehntelange Verwendung des glyphosathaltigen Unkrautvernichters Roundup verantwortlich, das sie seit 1982 zur Unkrautbekämpfung genutzt hatten. Nach Verkündung des Juryurteils sprachen die Anwälte der Kläger von einem „historischen“ Strafmaß.

Bayer hat durch die Übernahme von Monsanto nicht nur viele Prozesse anhängig - auch der Imageschaden ist beträchtlich.
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„Monsanto muss sein Verhalten ändern“

„Wir hätten es geschätzt, wenn Monsanto uns gewarnt hätte, wenn etwas auf dem Etikett gestanden hätte, das auf mögliche Krebsgefahren hinweist, dann hätten wir es nicht benutzt“, sagte Alberta Pilliod auf einer Pressekonferenz in San Francisco. Bei ihr wurde die Krebserkrankung 2015 diagnostiziert, bei ihrem Mann bereits 2011. Einer der Anwälte des Paares, Michael Miller, kritisierte: „Sie haben die Werbung im Fernsehen geschaut und gedacht, sie könnten dem Unternehmen vertrauen. Da haben sie sich getäuscht.“ Das Urteil sei „sonnenklar: Monsanto muss sein Verhalten ändern“, sagte ein weiterer Anwalt, Brent Wisner. „Bayer hat einen Fehler gemacht.“

Die Anwälte sprachen von einem „historischen“ Strafmaß. Zusätzlich zu der verhängten Schadenersatzzahlung von zwei Milliarden Dollar (1,78 Milliarden Euro) würden 55 Millionen Dollar (49 Millionen Euro) an weiteren Entschädigungszahlungen fällig, sagte Wisner. Die Jury habe firmeninterne Dokumente einsehen können, aus denen hervorgehe, dass Monsanto „niemals irgendein Interesse daran hatte, herauszufinden, ob Roundup sicher ist“. Anstatt in „korrekte Wissenschaft“ zu investieren, habe das Unternehmen sein Geld in Angriffe auf die Wissenschaft gesteckt, die „ihren Businessplan bedrohte“, sagte Wisner weiter.

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Bayer will Revision einlegen

Bayer macht für die Krebserkrankungen der beiden Kläger umfangreiche Vorerkrankungen verantwortlich und kündigte umgehend an, Rechtsmittel einzulegen. Es gebe keine wissenschaftlichen Beweise, dass es ohne den Einsatz von Glyphosat nicht zu der Krebserkrankung gekommen wäre.

Man sei von der Entscheidung enttäuscht, erklärte das Unternehmen in einer Stellungnahme. Das Urteil der Jury stehe in direktem Widerspruch zu der Einschätzung der US-Umweltbehörde EPA, die erst vergangenen Monat im Rahmen der vorläufigen Zulassungsüberprüfung veröffentlicht worden sei. Die Kläger hätten dagegen nur Teile von Studien angeführt, die so nicht ausreichend belastbar seine.

Die EPA stufte Glyphosat als nicht krebserregend ein. Die Kläger, die ihre Krebserkrankung auf den Kontakt mit Glyphosat zurückführen, sehen das jedoch anders. Sie berufen sich auf die internationale Krebsforschungsagentur IARC, die den Wirkstoff als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hatte.

Risiken mit gefälschten Studien verschleuert

Während des Ende März begonnenen Prozesses hatte die Anklage immer wieder versucht, die Geschworenen nicht nur davon zu überzeugen, dass Monsantos Produkte Krebs verursachen, sondern auch dass etwa mit manipulierten Studien Risiken verschleiert wurden.

Der Fall ist für Bayer jedenfalls hochbrisant: Es ist bereits der dritte Schuldspruch innerhalb weniger Monate und weitere Prozesse werden folgen. Zuletzt war der Konzern in den USA nach eigenen Angaben mit rund 13.400 Klagen wegen des Unkrautvernichtungsmittels Roundup konfrontiert. Bayer hat in den ersten beiden Fällen, in denen der Konzern zu Schadenersatzzahlungen von insgesamt knapp 160 Millionen Dollar verurteilt worden ist, Berufung eingelegt oder angekündigt. Viele Experten gehen aber letzten Endes von einem teuren Vergleich aus. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist mit dem jüngsten Urteil weiter gestiegen.

Proteste vor den Türen des Konzerns.
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Aktionäre waren auf der Hauptversammlung Ende April wegen der massiven Kursverluste seit der Übernahme von Monsanto und den Rechtsstreitigkeiten hart ins Gericht gegangen mit der Bayer-Führung. Der Vorstand wurde nicht entlastet. Dem Aufsichtsrat wurde das Vertrauen ausgesprochen, wenn auch ungewöhnlich knapp. Trotz des Misstrauensvotums wollen wichtige Investoren dem Management eine zweite Chance geben und warnen vor einem vorzeitigen Wechsel, da sie fürchten, dass sich das Chaos bei Bayer damit nur vergrößern würde.

Die Vorwürfe gegen Roundup hat Bayer stets zurückgewiesen. Das Mittel werde seit mehr als 40 Jahren erfolgreich in der Landwirtschaft eingesetzt. Regulierungsbehörden in aller Welt hätten die Herbizide bei sachgemäßer Anwendung als sicher eingestuft. (APA/Reuters/dpa/AFP)


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