Der Schattenmann hinter dem neuen Präsidenten der Ukraine

Kiew (APA/AFP) - Schon vor seinem Amtsantritt als ukrainischer Präsident war klar, welche Frage Wolodymyr Selenskyj während seiner Amtszeit ...

Kiew (APA/AFP) - Schon vor seinem Amtsantritt als ukrainischer Präsident war klar, welche Frage Wolodymyr Selenskyj während seiner Amtszeit begleiten wird: Die nach dem Einfluss des Oligarchen Igor Kolomoiski. Während des Wahlkampfs hatte Selenskyj zwar versucht, sich von ihm zu distanzieren. Doch der Schatten des berüchtigten Geschäftsmanns ist lang.

Freunde nennen Kolomoiski nicht Igor, sondern „Benja“ - eine Anspielung auf eine Romanfigur des sowjetischen Autors Isaak Babel, die sich vom Kleinkriminellen zu einem einflussreichen Mann in Odessas Unterwelt hochkämpft. Kolomoiski stammt zwar aus Dnipro, dem früheren Dnipropetrowsk, hat aber ebenfalls eine steile Karriere hingelegt - wie Benja nicht immer mit sauberen Methoden.

1963 in einfachen Verhältnissen geboren, studierte Kolomoiski Hüttentechnik in seiner Heimatstadt. Mit seiner Unternehmensgruppe war er von der Stahlherstellung bis zur Luftfahrt in vielen Branchen aktiv. Er ist prominentes Mitglied der jüdischen Gemeinde in der Ukraine und besitzt den Fußballclub FK Dnipro. Kritiker werfen Kolomoiski vor, sein Imperium mithilfe von korrupten Beamten und Gewaltandrohungen aufgebaut zu haben.

Bis zum Jahr 2016 war er zudem Besitzer der einflussreichen PrivatBank. Nach Vorwürfen der Vetternwirtschaft und unzureichender Kapitaldeckung wurde sie verstaatlicht - ein Schritt, der bis heute die Gerichte in der Ukraine beschäftigt. Schließlich ist die PrivatBank derzeit der wichtigste Kreditgeber des ukrainischen Staates, Ex-Präsident Petro Poroschenko warnte für den Fall einer Rückgabe an Kolomoiski sogar vor einem Staatsbankrott. Nach der Verstaatlichung hatte das Land mehr als 500 Millionen Euro in die PrivatBank gepumpt.

Auch der Fernsehsender, in dem „Diener des Volkes“ und andere Sendungen mit Selenskyj liefen, gehört Kolomoiski. Das hatte während des Wahlkampfes für Vorwürfe gesorgt, Selenskyj sei Kolomoiskis Strohmann. Beide Seiten wiesen den Vorwurf zurück, Selenskyj erklärte sogar, Kolomoiski werde ins Gefängnis kommen, falls er Gesetze gebrochen habe. Dennoch werden Selenskyjs Kritiker im Auge behalten, ob der neue Präsident mit seinen Entscheidungen Kolomoiskis Interessen begünstigt.

Dass zu den Interessen des Oligarchen auch die Politik gehört, war lange Zeit nicht offensichtlich. Bei der Orangen Revolution im Jahr 2004 positionierte sich Kolomoiski nicht. Erst unter Poroschenko wurde er Gouverneur der Region Dnipropetrowsk - ein wichtiges Amt, denn das Gebiet grenzt unmittelbar an Donezk, eine Hochburg der ostukrainischen Separatisten. In dieser Zeit gründete und finanzierte Kolomoiski eigene Freiwilligenbataillone zum Kampf gegen die von Russland unterstützten Einheiten.

Der Parlamentsabgeordnete Anton Geraschtschenko beschrieb einmal, wie Kolomoiski dort seine Einschüchterungstaktiken erfolgreich eingesetzt haben soll: Er habe mit einigen Separatisten „einen Waldspaziergang gemacht und ihnen dargelegt, wie man die Ukraine richtig liebt“. Daraufhin sei die Bedrohung durch Separatisten „einfach verschwunden“. Der ukrainische Milliardär Viktor Pintschuk warf Kolomoiski sogar vor, für Auftragsmorde verantwortlich zu sein. Für den Politologen Wadim Karasew schließlich ist Kolomoiski ein „typischer postsowjetischer“ Oligarch: „Schlau, zynisch, gewitzt, kann bluffen und liebt die Macht.“

Den Gouverneursposten verlor Kolomoiski 2015, nachdem der Streit um ein staatliches Ölunternehmen eskaliert war. Doch als einer der reichsten Ukrainer - „Forbes“ schätzt sein Vermögen auf 986 Millionen Euro - hat er bis heute großen Einfluss. Auch, wenn er diesen aus dem Ausland ausübt: Kolomoiski, der zuletzt in Israel lebte, hat neben dem ukrainischen auch einen israelischen und einen zypriotischen Pass. „In der Verfassung steht, dass man keine zwei Staatsangehörigkeiten haben darf“, sagte er einmal. Von dreien sei dort keine Rede.