Neuwahlen - Empfehlungen zur literarischen Auszeit während der Krise

Wien (APA) - Überfüllte Gefängnisse im Polizeistaat, die Realität von Flüchtlingen und „Kanzlergedichte“: Im Buchhandel finden sich zahlreic...

Wien (APA) - Überfüllte Gefängnisse im Polizeistaat, die Realität von Flüchtlingen und „Kanzlergedichte“: Im Buchhandel finden sich zahlreiche Titel heimischer Autoren, die sich als Begleitlektüre zu den aktuellen politischen Ereignissen (wieder) lesen lassen. Im Folgenden ein kursorischer Überblick über belletristische Kommentare zur Gegenwart:

„Rechtswalzer“ von Franzobel

In seinem Anfang dieses Jahres erschienenen Krimi setzt Autor Franzobel auf ein düsteres Zukunftsszenario: Den Opernball des Jahres 2024 inszeniert die rechtsnationale Regierung als Propagandaspektakel, auf dem sie „Rechtswalzer“ tanzen lässt. Im Roman gerät der Getränkehändler und Barbesitzer Malte Dinger unverschuldet in die Fänge der Justiz. Eine Fahrscheinkontrolle eskaliert, er kommt in U-Haft - keine angenehme Erfahrung. Die Gefängnisse sind überfüllt, denn die neue Regierung räumt auf. (Franzobel: „Rechtswalzer“, Paul Zsolnay Verlag, 414 Seiten, 19,60 Euro, ISBN 978-3-552-05922-1.)

„Eine Handvoll Rosinen“ von Daniel Zipfel

Überfüllte Erstaufnahmelager, Zelt- und Containerstädte, Bezirksquoten und viele erschütternde Einzelschicksale - mit „Eine Handvoll Rosinen“ veröffentlichte Daniel Zipfel, selbst als Jurist in der Asylrechtsberatung tätig, im Jahr 2015 einen beeindruckenden Debütroman. Darin wartete er mit ambivalenten Figuren auf: Idealisten, die sich im System verstricken, statt es zu verbessern. Geschäftemacher, die nicht nur egoistische Motive haben. Der Autor schilderte hautnah, wie es wirklich zugeht, dort, wo in der Nacht die Fremdenpolizei ausrückt, wo Not und Todesangst auf Bürokraten und Verbrecher treffen, wo es schwer ist, Menschen richtig einzuschätzen und zwischen Missverständnis und Lüge zu unterscheiden. Wo Helfer verbittert und Hilfsbedürftige ungeduldig werden, wo Untätigkeit und Ungewissheit auf allen Seiten den Aggressionspegel steigen lassen. (Daniel Zipfel: „Eine Handvoll Rosinen“, Kremayr und Scheriau, 234 S., 19,90 Euro, ISBN 978-3-218-00997-3.)

„Kanzlergedichte“ und „Kanzlernachfolgegedichte“ von Gerhard Ruiss

Der Wiener Autor und Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren veröffentlichte 2006 und 2017 zwei Lyrikbände, die sich an lebenden Vorbildern und realen Ereignissen und Entwicklungen in Österreich, aber auch in Europa und der Welt orientierten. In dem Gedicht „sparen nach maßgaben von zielen“ in Band 1 heißt es: „erstes jahr: / regierung gibt nulldefizit vor / zweites jahr: / regierung gibt nulldefizit auf / drittes jahr: / regierung gibt nulldefizit aus.“ Oder in „regierungsbestellung“: „mit neuem personal / dasselbe / noch einmal.“ (Gerhard Ruiss: „Kanzlergedichte (2000 - 2005)“, Edition Aramo, 206 S., 16 Euro, ISBN 978-3-9502029-3-9 sowie „Kanzlernachfolgegedichte (2006 - 2017)“, Mit 75 Marginalien, einem Verzeichnis der handelnden Personen und einem Geleitwort von Klaus Zeyringer. Edition Aramo, 194 S., 18 Euro, ISBN 978-3-9504093-7-6)

„Patrioten“ von Eva Rossmann

Islamisten und Nationalisten, Vaterlandsverteidiger und Hassprediger, Flüchtlinge und Hetzer - Eva Rossmann hat für ihren 2017 erschienenen Krimi aus dem Vollen geschöpft und die herrschende Gemengelage an Befindlichkeiten, Ängsten und Vorurteilen auf großer Flamme aufgekocht und scharf gewürzt. Für den Ausgangspunkt des Romans blickte sie über 2.000 Jahre zurück. Bis zur Kreuzigung, deren Symbolkraft für die christliche Welt kaum zu überbieten ist. Was soll man also davon halten, wenn eines Tages Julius Sessler, der Vorsitzende der Patriotisch Sozialen Partei, die bei der letzten Wahl über 30 Prozent der Stimmen erhielt, ans Kreuz genagelt aufgefunden wird. Nicht wenige halten einen Bezug zu seinem Spitznamen für naheliegend: Jesus zwei. (Eva Rossmann: „Patrioten“, Folio Verlag, 368 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-85256-725-9)

„Mein Name ist Judith“ von Martin Horvath

In seinem im Frühjahr erschienenen Roman verbindet der Wiener Martin Horvath die Judenverfolgung der 1930er-Jahre und repressive Migrationspolitik zu einer komplexen Geschichte. Im Wien der nahen Zukunft stehen alle Zeichen auf Repression und Autoritarismus. Nach Anschlägen - bei einem sind Frau und Tochter des Ich-Erzählers Leon Kortner ums Leben gekommen - patrouillieren Soldaten durch die Stadt, ist die Immigration quasi zum Erliegen gekommen und engen immer neue Gesetze den Lebensraum der hier lebenden Flüchtlinge zunehmend ein. (Martin Horvath: „Mein Name ist Judith“, Penguin Verlag, 364 Seiten, 22,70 Euro, ISBN: 978-3-328-60010-7)

„Der Lügenpresser“ von Livia Klingl

In ihrem 2018 erschienenen Romandebüt „Der Lügenpresser“ lässt die Außenpolitikjournalistin Livia Klingl den Zeitungsredakteur Herrn Karl über die Entwicklungen in der Gesellschaft, in den Medien und in der Politik philosophieren. Auch der neue Polit-“Jungstar“ kommt nicht gut weg: „Ein Triple-A kriegt der von mir! Abschottung, Ausländer, Asyl, das hat der drauf wie ein Papagei.“ (Livia Klingl: „Der Lügenpresser“, Kremayr & Scheriau, 192 Seiten, 22 Euro, ISBN: 978-3-218-01107-5)

Im Folgenden eine Auswahl lesenswerter Sachbücher:

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