In Deutschland stellt sich die „Annegretchen-Frage“
Berlin (APA/AFP) - Nur noch wenige Tage bis zur Europawahl, und die Aussichten für Annegret Kramp-Karrenbauer und ihre CDU sind eher düster:...
Berlin (APA/AFP) - Nur noch wenige Tage bis zur Europawahl, und die Aussichten für Annegret Kramp-Karrenbauer und ihre CDU sind eher düster: Umfragen sehen die Unionsparteien nur um die 30 Prozent. Während sich Bundeskanzlerin Angela Merkel - befreit von der Last des Parteivorsitzes - hoher Zustimmung erfreut, kämpft ihre Nachfolgerin mit schlechten Werten.
Für ein enttäuschendes Wahlergebnis am Sonntag wird AKK die Verantwortung übernehmen müssen - nachdem sich Merkel aus dem Wahlkampf fast vollständig herausgehalten hat.
Damit nicht genug muss sich Kramp-Karrenbauer nahezu täglich die immer bohrendere Frage anhören, wann sie denn endlich nach der Kanzlerschaft greifen wolle. Am Wochenende bekräftigte die 56-jährige Saarländerin einmal mehr, Merkel sei bis zum Ende der Legislaturperiode gewählt, also bis 2021 Kanzlerin. Sie selbst wolle sich auf die Parteiarbeit konzentrieren, sagte sie den Funke-Zeitungen.
Dass ihr diese Arbeit Spaß macht, war AKK schon anzumerken, als sich die frisch gekürte CDU-Generalsekretärin im Frühjahr 2018 in ihre „Zuhörtour“ stürzte. Monatelang reiste sie durchs Land, um zu hören, was die Parteibasis bewegt. Kramp-Karrenbauer startete furios: „Ich kann, ich will und ich werde“, rief sie im Februar in ihrer Bewerbungsrede für den Generalsekretärs-Posten. Der begeisterte Parteitag wählte sie mit fast 99 Prozent.
Geboren im August 1962 in Völklingen, wuchs Kramp-Karrenbauer in einer katholischen Großfamilie mit fünf Geschwistern auf. Früh fand sie zu den Christdemokraten: noch vor dem Abitur trat die junge Annegret 1981 der Partei bei. Als Studentin der Rechts- und Politikwissenschaften engagierte sie sich im Stadtrat von Püttlingen, wo sie bis heute mit ihrem Mann Helmut lebt.
Kürzlich erinnerte sich AKK im RTL-Interview an ihren dramatischen Einstieg in die Berufspolitik 1998 und die damit verbundene Trennung von der Familie: Nur eine Woche nach der Geburt ihres jüngsten Sohns habe sie erfahren, dass sie in den Bundestag nachrücke: „Ich weiß noch meine erste Fahrt in den Bundestag, ich bin mit ganz verheulten Augen angekommen, weil ich die ganze Strecke nur geheult habe“.
Im Bundestag saß Kramp-Karrenbauer nur einige Monate bis zum Ende der Legislaturperiode, doch mit ihrer Karriere ging es rasant weiter. Ab 1999 saß die dreifache Mutter im saarländischen Landtag. Mit 38 wurde sie 2000 Innenministerin im Saarland, die erste in Deutschland überhaupt. Bis 2011 war sie Landesministerin in weiteren Ressorts, darunter Bildung, Arbeit und Soziales.
Im Sommer 2011 trat die nüchtern, aber freundlich wirkende Politikerin an die Spitze einer Jamaika-Koalition an der Saar, die bald darauf wieder zerbrach. Anfang 2012 schmiedete Kramp-Karrenbauer nach vorgezogenen Neuwahlen im Saarland eine große Koalition mit der SPD. Im Mai 2017 konnte AKK das Wahlergebnis der CDU auf über 40 Prozent verbessern.
Eine Mischung aus Pflichtbewusstsein gegenüber der nach der Bundestagswahl arg gebeutelten Partei und Streben nach Höherem dürfte Kramp-Karrenbauer Anfang 2018 zum Sprung in die Hauptstadt bewogen haben. Nur acht Monate später wurde sie selbst überrascht, als Merkel nach der Hessen-Wahl ihren Rücktritt vom Parteivorsitz ankündigte.
In einer Ochsentour an der Basis quer durchs Land kämpften drei Bewerber um Merkels Nachfolge gegeneinander: AKK ging gegen den Ex-Unionsfraktionschef Friedrich Merz und den bald abgeschlagenen Gesundheitsminister Jens Spahn ins Rennen. Im bis zuletzt spannenden Zweikampf setzte sich die Merkel-Vertraute im Dezember gegen Merz durch.
Seitdem sendet die neue CDU-Chefin versöhnliche Signale an innerparteiliche Merkel-Kritiker, etwa mit dem „Werkstattgespräch“ zur Migrationspolitik seit 2015. Doch das reicht konservativen Kreisen wie der Werteunion nicht: Sie will Merkels Rücktritt als Kanzlerin, ohne den eine Politikwende nicht möglich sei. Nach dem Wahlabend am Sonntag dürften die Forderungen nach einem Wechsel im Kanzleramt nicht leiser werden. Die Frage bleibt, ob AKK das Wagnis eingeht, ihre keineswegs amtsmüde Förderin vor der Zeit ablösen zu wollen.
Kommentare