Wiener Festwochen - Ersan Mondtag: „Hass-Triptychon“ als Anti-Musical

Wien (APA) - Ersan Mondtag ist derzeit einer der am meisten gefragten jungen deutschen Regisseure. Vor wenigen Tagen konnte er in Berlin für...

Wien (APA) - Ersan Mondtag ist derzeit einer der am meisten gefragten jungen deutschen Regisseure. Vor wenigen Tagen konnte er in Berlin für seine Dortmunder Inszenierung „Das Internat“ den 3sat-Preis entgegennehmen. Ein Gespräch über Wut- und Schießbürger, die österreichische Innenpolitik und seine Bewerbung für das Volkstheater, wo er am Freitag Sibylle Bergs „Hass-Triptychon“ zur Uraufführung bringt.

APA: Herr Mondtag, wie viel Spaß macht es, an einem Stück zu arbeiten, in dem es heißt: „Dann sind wir traurig, öd und leer / Und wünschen uns den Montag her.“

Ersan Mondtag (lacht): Tatsächlich hat Sibylle das Stück schon vor, glaube ich, acht Jahren geschrieben. Diese Figur hat sie nicht meinetwegen geschrieben, das kann ich garantieren. Aber als ich den Text das erste Mal las, fiel es mir natürlich gleich auf, dass es im ganzen zweiten Akt darum geht, dass sich die Menschen den Montag herwünschen. Wir haben jetzt dazu auch einen richtig aufwendigen Musicalsong komponiert. Es ist immer hart an der Grenze, dass es eitel wirken könnte. (lacht) Aber so geht halt der Text.

APA: Ein „Hass-Triptychon“ stellt man sich eigentlich eher ungemütlich vor.

Mondtag: Nein, es wird ein richtiger Feel-Good-Abend. Sibylles Texte sind ja sehr witzig und von großer Unterhaltsamkeit, aber tieftraurig, wenn man zwischen den Zeilen liest. Das macht es ja für das Theater so spannend. Sie hat 24 Gedichte in das Stück reingeschrieben, und diese Gedichte schrien nach Vertonung. Mein Komponist Beni Brachtel hat zu jedem dieser Gedichte ein Lied komponiert, daraus ergab sich eine Stückstruktur, die mehr der eines Musicals ähnelt. Bei uns singen aber Schauspieler Songs, die keiner herkömmlichen Musicaldramaturgie folgen - das ergibt in Kombination mit diesen bitterbösen Texten, der Lustlosigkeit dieser Figuren und ihrer Mittelmäßigkeit eine Art Anti-Musical.

APA: Sibylle Bergs Texte sind immer starke Ansagen, in denen vieles pointiert ausgesprochen wird, orientieren sich aber nicht an klassischer Theaterdramaturgie. Ist das für Sie eine besondere Herausforderung ?

Mondtag: Man hat natürlich mehr Gestaltungszwang, ähnlich wie bei den Texten von Frau Jelinek. Wobei sie meist ein antikes Bezugssystem hat, aber die Flächenhaftigkeit der Texte und die Nicht-Entwicklung der Figuren sind auch hier vorhanden. Das zwingt einen Regisseur dazu, eine eigene Meta-Dramaturgie aufzubauen, eine Entwicklung, die mehr auf einer theatralen Aufführungssituation basiert. Das macht die Regie-Position zum Ko-Autor des Theaterabends. Es ist Regietheater im besten Sinne. Das hat natürlich einen Reiz.

APA: Wutbürger ist bereits ein uns vertrautes Schlagwort. Hier sehen wir, wie die Wutbürger zu Schießbürgern werden. Ist das eine notwendige Dystopie, um sich in aller Schärfe Klarheit zu verschaffen, was in dieser Gesellschaft vor sich geht?

Mondtag: Es ist ein mögliches Szenario, das Berg zeichnet. Es ist ja weniger der Kleinbürger, sondern der Mittelstand, der hier beschrieben wird. Wir beobachten in europäischen Ländern ja ein Wegbrechen der bürgerlichen Mitte, die durch nichts ersetzt wird. Und wir bemerken eine Radikalisierung der Gesellschaft. Es kommt zu einer politischen und sprachlichen Verrohung. Das passiert ja gerade in Österreich, und ist in Polen, Ungarn und der Türkei schon passiert. Wenn Konflikte nicht mehr mit demokratischen Mitteln ausgetragen werden, dann führt das zu Gewalt - und in letzter Konsequenz zu Bürgerkrieg.

APA: H.C. Strache hatte 2016 anlässlich seiner Rede zum Nationalfeiertag gemeint, dass in Österreich ein Bürgerkrieg mittelfristig „nicht unwahrscheinlich“ sei. Dafür wurde er kritisiert. Doch unvergleichlich größer war der Sturm der Empörung, den jetzt das Ibiza-Video auslöste. Sie erleben als Deutscher in Österreich gerade sehr turbulente Tage, quasi erste Reihe fußfrei...

Mondtag: Das ist natürlich wunderbar, und ich hab mich sehr gefreut. Es war ein sehr schöner Tag, als die Videos veröffentlicht wurden, auch vom Wetter her. Jetzt muss dann kucken, wie man damit umgeht. Gefährlich ist es, auf die Framing-Methode der Rechten einzugehen, sich als Opfer eines Komplotts hinzustellen. Das ist ja ihre bewährte Strategie. Wenn man aber mit den Worten der Rechten sprechen will, haben wir jetzt die wahren Volksverräter ausgemacht - nämlich Strache und seine Komplizen der FPÖ. Sie sind Vaterlandsverräter und Politiker, die ihr Land verkaufen. Dafür gibt es nun Beweise aus erster Quelle - nämlich aus ihrem eigenen Mund. Man stelle sich nur vor, es wäre jetzt Hofer statt Van der Bellen Bundespräsident. Diese Situation will ich mir gar nicht ausmalen. Jetzt bewähren sich demokratische Institutionen, an denen man schon ein wenig zu zweifeln begonnen hatte.

APA: Sie arbeiten nun zum zweiten Mal in Wien, aber erstmals am Volkstheater. Es ist ein Haus, das derzeit umstritten ist.

Mondtag: Ich finde dieses Haus wahnsinnig schön. Es ist wohl ein bisschen heruntergekommen, aber es soll ja renoviert werden. Dieser Bühnenraum ist ziemlich genial. Ich mache die Erfahrung, dass die Leute hier ziemlich engagiert und fit sind. Das ist ein komplett intaktes, funktionierendes Stadttheater. Es gibt natürlich finanzielle Probleme, die sind aber bekannt und lösbar.

APA: Im „profil“ war zu lesen, dass Sie sich um die Leitung beworben haben.

Mondtag: Ich habe mich beworben, das stimmt. Ich möchte mich aber nicht im Detail äußern, weil es ein laufendes Verfahren ist. Nur soviel: Man braucht hier kein Burgtheater für Arme. Es ist ähnlich wie in der Politik: Wenn die Konservativen anfangen, ein rechtes Programm zu imitieren, sagt man ja auch: Das Original ist einfach besser. Man muss also überlegen: Was braucht die Stadt? Man müsste aufgrund der Finanzlage des Volkstheaters ein viel jüngeres Team hinstellen. Junge Leute sind eben günstiger. Man hätte das Potenzial, aus diesem Theater ein europäisches junges Theater zu machen, das vielleicht irgendwann zu dem wird, was heute das Burgtheater ist. Man muss hier etwas erfinden und nicht etwas herholen, was Zweite Liga ist. Das wollen die Wiener nicht, und das haben sie sich auch nicht verdient.

APA: Geht das um das jetzige Budget plus zwei zusätzliche Millionen Euro?

Mondtag: Sicher müsste das gehen.

APA: Auch an der Berliner Volksbühne wird seit langem eine Leitung gesucht. Wie sieht es dort aus?

Mondtag: Für die Stadt war es wohl wichtig, etwas Zeit zu gewinnen. Aber jetzt ist es Zeit, dass die Nachfolge benannt wird. Man kann nicht mehr Zeit verstreichen lassen. Diese Zwischenlösung ist ja auch für jene, die bald wieder gekündigt werden müssten, komplett asozial.

APA: Gutes Stichwort. Ihre nächste Produktion gilt ja „dem bösen Baal, dem asozialen“, mit dem sie die nächste Saison am Berliner Ensemble eröffnen.

Mondtag: Genau, ein wunderbares Stück. Ich hatte immer einen Bogen um Bertolt Brecht gemacht. Jetzt machen wir - abgesprochen mit den Erben - aus den vorhandenen vier Fassungen eine eigenständige Fassung. Und ich habe mit Stefanie Reinsperger die denkbar beste Besetzung für den Baal. Weil sie genau dieses Genie eines Künstlers in seiner Manie und seinem Wahnsinn am besten spielen kann. Steffi freut sich wahnsinnig auf die Rolle.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(ZUR PERSON: Ersan Mondtag, 1987 in Berlin als Sohn einer türkischen Gastarbeiterfamilie geboren, arbeitet als Regisseur zwischen Theater und Musik, Performance und Installation. „Theater heute“ kürte ihn 2016 zum Nachwuchsregisseur, Bühnenbildner und Kostümbildner des Jahres. Seine Inszenierung „Die Orestie“ war 2018 bei den Wiener Festwochen zu Gast. Für seine Inszenierung „Das Internat“ am Schauspiel Dortmund war er für den Nestroy-Preis als beste deutschsprachige Aufführung nominiert und wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

(S E R V I C E - „Hass-Triptychon - Wege aus der Krise. Eine Therapie in drei Flügeln“ von Sibylle Berg, Uraufführung im Rahmen der Wiener Festwochen am 24. Mai, 20 Uhr, Volkstheater. Regie: Ersan Mondtag. Mit Mehmet Atesci, Bruno Cathomas, Benny Claessens, Jonas Grunder-Culeman, Abak Safaei-Rad, Aram Tafreshian und Cigdem Teke. Weitere Termine am 25. und 26. Mai. Infos und Tickets unter www.festwochen.at )

(B I L D A V I S O – Bilder von Ersan Mondtag wurden am 26.4.2018 über den AOM verbreitet und sind dort abrufbar.)