Neue Landesgalerie 2 - Goldene Eier und ein Avatar zur Eröffnung
Krems (APA) - Wer das neue Museum betritt und nicht gleich nach links in die „Poldi Fitzka Gastwirtschaft“ abbiegt, stößt als erstes auf Ren...
Krems (APA) - Wer das neue Museum betritt und nicht gleich nach links in die „Poldi Fitzka Gastwirtschaft“ abbiegt, stößt als erstes auf Renate Bertlmann. „Als ich sie gefragt habe, ob sie die erste Ausstellung machen möchte, war noch kein österreichischer Staatspreis und keine Biennale-Einzelausstellung in Sicht“, sagte Landesgalerie-Chef Christian Bauer schmunzelnd.
„Hier ruht meine Zärtlichkeit“ lautet der Titel der Schau. Die 76-jährige Künstlerin hat ihrer Zärtlichkeit einen weißen Grabstein gesetzt, der mit einer gegenüberliegenden großen Urnenwand dem Ausstellungsraum gleich etwas Weihevolles verleiht. Hier führt Bertlmann eine Arbeit aus den 1970er-Jahren weiter: In 70 Urnenzylindern wurden 70 ihr von Freunden übergebene Objekte versiegelt. „Es ist ein Ort des Geheimnisses, der Stille, des Rückzugs und des Schutzes“, sagte Bertlmann, die in der von ihr selbst kuratierten Schau „den utopischen Aspekt“ ihres auch am Venedig-Pavillon groß prangenden Mottos „amo ergo sum“ verhandelt wissen will.
In dem durch die großen, gebogenen Fensterfronten schwierig zu bespielenden Raum finden sich Vitrinen mit einem geflügelten Herz oder einer goldene Eier legenden Henne samt sich aufplusterndem Gockel ebenso wie ein großer, eingefügter Sakralraum, in dem sich Bertlmann auf einer Fotoserie als masturbierender Mann inszeniert und den Phallus zum vergoldeten Ausstellungsstück macht. Bauer: „Der Blick auf unsere Gesellschaft schließt jenen feinen Humor mit ein, der die Kunst Renate Bertmanns insgesamt begleitet.“ („Renate Bertlmann: Hier ruht meine Zärtlichkeit“, Ausstellung bis 29.9., Katalog im Verlag für moderne Kunst, 112 Seiten, 22 Euro)
Im Untergeschoß, das die Landesgalerie mit der Kunsthalle Krems verbindet, widmet man sich in einer großzügigen Präsentation einer außergewöhnlichen Sammlerpersönlichkeit. „Franz Hauer. Selfmademan und Kunstsammler der Gegenwart“ sei „die Ausstellung mit den höchsten Versicherungswerten“, sagte Bauer. Franz Hauer (1867-1914) sei „ein Phänomen für sich. Er kam aus dem Nichts, ein Briefträgersohn aus Weißenkirchen. Mit dem Griechenbeisl hat er es geschafft reich zu werden und hat ohne Schulbildung zur Kunst gefunden. Er war auf Augenhöhe mit den größten Kunstsammlern seiner Zeit.“ Die Ausstellung zeigt zentrale Werke der Sammlung, die einst über 1.000 Arbeiten gezählt haben dürfte und nach Hauers Tod zum großen Teil verkauft wurde.
Aus zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen konnten nun einstige Preziosen der Sammlung wieder zusammengetragen werden. Das Hauer-Porträt von Oskar Kokoschka werde von der Rhode Island School of Design normalerweise nie verliehen und habe „durch eine Charmeoffensive und ziemlich viel Glück“ doch losgeeist werden können, erzählte Direktor Bauer, der besonders stolz auf „absolute Hauptwerke“ von Albin Egger-Lienz, aber auch zahlreiche nur selten zu sehende Arbeit von Egon Schiele ist. Im Untergeschoß reichen die Stellwände bis zum Boden, im Gegensatz zum „Werkstattcharakter“ der Obergeschoße möchte man hier die Klassizität eines White Cube betonen. („Franz Hauer. Selfmademan und Kunstsammler der Gegenwart“, Ausstellung bis 16.2.2020, Katalog im Hirmer Verlag, 304 Seiten, 34,90 Euro)
„‘Ich bin alles zugleich.‘ - Selbstdarstellung von Schiele bis heute“ heißt eine Themenausstellung im Ersten Obergeschoß, für die Christian Bauer als Kurator 200 Werke von 70 Künstlern zusammengetragen hat. „Es ist ein Projekt, das mir riesige Freude bereitet, weil es eine Einladung an uns alle ist, uns selbst wiederzufinden“, sagte er. Die einzelnen Bereiche der Ausstellung sind mit Begriffen wie „politisch“ (hier ist etwa ein in der Folge der Waldheim-Affäre entstandenes monumentales Helnwein-Triptychon zu sehen), „körperlos“, „künstlerhaft“ oder „verliebt“ überschrieben. Von Egon Schiele bis Elke Krystufek und von Oswald Tschirtner bis Markus Schinwald reicht das vielfältige, auch einige Skulpturen umfassende Angebot, das mit einem bisher unbekannte Brief Egon Schieles an Josef Hoffmann beginnt. In diesem schreibt der Maler, dass die Gesichter der Menschen lügen, Hände aber die Wahrheit sagen. „Ein Kracher“, meinte Bauer. („‘Ich bin alles zugleich.‘ - Selbstdarstellung von Schiele bis heute“, Ausstellung bis 16.8., Katalog im Verlag für moderne Kunst, 104 Seiten, 22 Euro)
Ein Stockwerk darüber zeigt man „Sehnsuchtsräume. Berührte Natur und besetzte Landschaften“. „Ausgehend von der Niederösterreichischen Kulturlandschaft entsteht ein vielfältiger Parcours, der bis nach Triest reicht“, sagte Kurator Günther Oberhollenzer. In Sankt Petersburger Hängung wird die Fülle an Landschaftsbildern deutlich, die sich in den Landessammlungen befinden. Gleichzeitig wird sehr prononciert in die Gegenwart geführt, wo sich etwa Robert F. Hammerstiel fotografisch und filmisch mit der vom Menschen geprägten künstlichen Landschaft auseinandersetzt. „Der kritische Blick auf eine besetzte, benutzerfreundlich gemachte Natur ist mir wichtig“, betonte der Kurator, der auch Beispiele für die Grüne Architektur Hundertwassers oder extra entstandene Arbeiten in die Schau integriert hat. Egon Schiele darf auch hier nicht fehlen. Neben der „Verfallenen Mühle“ aus den Landessammlungen hängt ein „Wildbach“ aus Privatbesitz, auf den Bauer besonders stolz ist: „Nach 1928, 1948 und 1968 ist es überhaupt erst das vierte Mal, dass dieses Bild zu sehen ist. Wo es sonst hängt, bleibt ein Geheimnis.“ („Sehnsuchtsräume. Berührte Natur und besetzte Landschaften“, Ausstellung bis 19.4.2020, Katalog im Verlag für moderne Kunst, 104 Seiten, 22 Euro)
Im dritten Obergeschoß, wo es durch die Verjüngung des Baukörpers und die eingeschnittene Terrasse teilweise recht eng wird, widmet sich eine Ausstellung unter der Frage „bin ich schon ein bild?“ dem 1943 in Wien geborenen Fotografen Heinz Cibulka. „Er sucht in seinen Werken nach dem poetischen Potenzial des Nicht-Besonderen“, sagte Oberhollenzer, der u.a. Fotoserien, vierteilige Bildgedichte und digitale Fotocollagen zeigt. Da sich Cibulkas Teil-Vorlass in den Landessammlungen befindet, „konnten wir aus dem Vollen schöpfen“. Cibulka zeigte sich „sehr beeindruckt, dass das hier stattfinden kann“. Zentrales Werk ist „Gemischtes Gedicht“ (2000), das mit Texten von Hanno Millesi „einen visuellen Eindruck der österreichischen Kunstgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ gibt und durch den Medienkünstler Bobby Rajesh Malhotra eine Augmented-Reality-Erweiterung erfahren hat, in der man auch einem Cibulka-Avatar begegnet. („Heinz Cibulka. bin ich schon ein bild?“, Ausstellung bis 29.9., Katalog im Verlag für moderne Kunst, 88 Seiten, 19.90 Euro)
Im Oktober werden die Personalen von Bertlmann und Cibulka durch Einzelausstellungen von Carola Dertnig und Michael Höpfner abgelöst. Dauerhaft soll jedoch als Leihgabe von Ernst Ploil der Dan Graham-Pavillon „Inspired by Moon Window“ auf der Terrasse stehen bleiben, die auf der einen Seite den Blick Richtung Stift Göttweig öffnet, auf der anderen Seite durch ein dreieckiges Fenster auf die mittelalterliche Dächerlandschaft von Stein blicken lässt. Der gläserne Pavillon sei ein Zeichen für Weltoffenheit und nehme zudem „Kontakt mit dem Dan-Graham-Pavillon in Buchberg auf“, hieß es. Durch die runden Öffnungen des Pavillons darf geklettert werden. Mikl-Leitner ließ sich nicht lange bitten: „Super cool!“
(S E R V I C E - Landesgalerie Niederösterreich, Krems, Museumsplatz, Information: Tel. 02732/908010, www.lgnoe.at)
Kommentare