Filmfestspiele Cannes - Kechiche-Film verärgert Kritiker

Cannes (APA/dpa/AFP) - Kurz vor Festivalende hat ein Wettbewerbsbeitrag bei den Filmfestspielen Cannes viele Zuschauer verärgert. „Mektoub, ...

Cannes (APA/dpa/AFP) - Kurz vor Festivalende hat ein Wettbewerbsbeitrag bei den Filmfestspielen Cannes viele Zuschauer verärgert. „Mektoub, My Love: Intermezzo“ ist das neue Werk von Abdellatif Kechiche, der vor sechs Jahren mit „Blau ist eine warme Farbe“ die Goldene Palme gewann. Dieses Mal erzählt er in dreieinhalb Stunden von einer Gruppe junger Männer und Frauen, die am Strand liegen und dann gemeinsam feiern.

Dabei ist der 58-jährige Kechiche vor allem an den fast nackten Körpern der Frauen interessiert. Immer und immer wieder gleitet die Kamera an ihren Brüsten und Hinterteilen entlang. „Zermürbend“ und „niedrigster Kino-Voyeurismus“, schrieb das Fachblatt „Variety“, während „Indiewire“ fand: „Der männliche Blick war praktisch die einzige Linse, die Kechiche verwendet hat.“

„Die Hölle“, fand ein Kritiker vom „The Hollywood Reporter“. „Es macht keinen Sinn, dass dies ein Cannes-Wettbewerbsfilm ist.“ Auch in den sozialen Medien wie Facebook und Twitter äußerten zahlreiche Zuschauer nach der Premiere in der Nacht zu Freitag ihren Unmut. Viele schrieben, sie hätten die Gala vorzeitig verlassen. Schon „Mektoub, My Love: Canto Uno“, der das gleiche Setting hatte, war 2017 bei den Filmfestspielen in Venedig ausgebuht worden.

Im vergangenen Jahr hatte eine Schauspielerin den Franzosen Kechiche beschuldigt, sie sexuell misshandelt zu haben. Der Regisseur wies das zurück. Zuvor hatte Schauspielerin Léa Seydoux Kechiche bereits heftig wegen der Dreharbeiten zu „Blau ist eine warme Farbe“ kritisiert. Er habe sie und Adèle Exarchopoulos stundenlang Sexszenen drehen lassen. Der Film hatte 2013 die Goldene Palme bekommen.

Lange Ovationen erhielt dagegen der 79-jährige Italiener Marco Bellocchio für seinen Mafia-Film „The Traitor“ (Der Verräter) mit Pierfrancesco Favino in der Hauptrolle des Tommaso Buscetta, ein Mitglied der Cosa Nostra, das sich entschließt, das Angebot des Richters Giovanni Falcone anzunehmen und mit der Justiz zu kooperieren. Der Film zeigt auch den großen Mafia-Prozess als inszeniertes Spektakel. Der Film startete bereits gestern in die italienischen Kinos, auf den Tag genau 27 Jahre nach dem tödlichen Attentat auf Falcone. Bellocchio zeigt den Anschlag, der fünf Leben kostete, in seinem Film ebenso spektakulär wie brutal. „Das Attentat war ein traumatisches Ereignis für Italien, ich wollte, dass das der Zuschauer zu spüren bekommt“, sagte der Regisseur.

Vor der Bellocchio-Premiere führten Bong Joon-ho mit „Parasite“, Pedro Almodovars „Pain and Glory“ sowie „Portrait of a Lady on Fire“ von Céline Sciamma das Kritiker-Ranking an. „Little Joe“ der Österreicherin Jessica Hausner liegt im hinteren Mittelfeld der Kritikergunst. Am heutigen Freitag folgen noch die Premieren von „It must be heaven“ von Elia Suleiman und „Sibyl“ der jungen Französin Justine Triet (Frankreich). Die Palmen werden am Samstagabend vergeben.

Eine erste Preisvergabe gab es bereits am Donnerstag. In der Nachwuchs-Schiene Cinéfondation, in der auch der an der Wiener Filmakademie entstandene Kurzfilm „Favoriten“ von Martin Monk angetreten war, wurde die Französin Louise Courvoisier für ihren Film „Mano a Mano“ von der Jury unter Claire Denis mit dem mit 15.000 Euro dotierten Hauptpreis bedacht. Der zweite Preis ging an den Amerikaner Richard Van für „Hiéu“, der dritte ex aequo an den Palästinenser Wisam Jafari und die Polin Barbara Rupik.