Wiener Festwochen: Trostlose Aggression in Bergs „Hass-Triptychon“

Wien (APA) - Es ist ein Altarbild der aggressiven Trostlosigkeit, das Sibylle Berg in ihrem Stück „Hass-Triptychon - Wege aus der Krise“ zei...

Wien (APA) - Es ist ein Altarbild der aggressiven Trostlosigkeit, das Sibylle Berg in ihrem Stück „Hass-Triptychon - Wege aus der Krise“ zeichnet. Ersan Mondtag, derzeit einer der meist gefragten jungen deutschen Regisseure, hat die „Therapie in drei Flügeln“ am Freitag im Rahmen der Wiener Festwochen im Volkstheater zur Uraufführung gebracht. Ein bunter Gewaltakt, ein trauriges Sittengemälde, ein Erfolg.

Schon die im Zuschauerraum verteilten Skelette, die zwischen den Besuchern auf ihren Stühlen sitzen und mit ihren hohlen Augen auf die Bühne starren, versprechen einen selbstironischen Abend. Sind es die im Theater verwesten Bildungsbürger, die ursprünglich gekommen waren, um sich am Leid der perspektivenlosen Unterschicht zu ergötzen? Vielleicht. Doch die stummen Zuschauer, die im behutsam eingesetzten Schwarzlicht glimmen, sind nicht die einzigen Requisiten im Saal. Auch zwei riesige, rote Hochspannungsleitungen ziehen sich durch den Raum; die Stadt an jenem Autobahnzubringer, an dem Sibylle Bergs Figuren ihr Leben fristen, hat Bühnenbildnerin Nina Peller auf der Drehbühne mit einem schmucklosen Wohncontainer einerseits und beschmierten Fassaden andererseits angedeutet.

Von einer „Meta-Dramaturgie“ und „Gestaltungszwang“ hatte Ersan Mondtag im Vorfeld im APA-Interview gesprochen, um Bergs Jelinek-ähnliche Textflächen in den Griff zu bekommen. Diese Ankündigung hat er in dieser Koproduktion mit dem Berliner Gorki Theater mehr als eingelöst: Gleich zu Beginn klettert Benny Claessens als „Hassmaster“, der im Laufe des dreiaktigen Abends als Mischung aus Aufpeitscher und Therapeut fungieren wird, in weißem Mantel und langer weißer Perücke aus einem Kanaldeckel und raucht sich eine Zigarette an. Auf den Zuruf der im Publikum sitzenden Souffleuse, bitte nur hinter dem eisernen Vorhang zu rauchen, reagiert er mit brechtschem Niederreißen der vierten Wand. Hysterisch hüpft er nach vor und wieder zurück: „Theater - Realität - Theater - Realität“. Es wird nicht der einzige Seitenhieb auf die Künstlichkeit des Genres bleiben. Egal ob im Kostüm oder später halb nackt in silber-glitzerndem Bodypaint: Claessens‘ Präsenz nimmt von Anfang an gefangen, sein vulgäres Spiel bildet den Dreh- und Angelpunkt dieser Inszenierung, die auf Spaß am Spiel und Lust an Übertreibung setzt.

Er ist der Impresario jener schrägen Kobold-Truppe, die in den folgenden zwei pausenlosen Stunden bunt bemalt und mit spitzen Ohren ausgestattet die Schattenseiten des Spätkapitalismus anprangern werden. Da ist der homosexuelle Alte, der seine tote Katze spazieren trägt, der auftrainierte Content-Produzent oder der desorientierte Jugendliche, der sich fragt, was es eigentlich bedeutet, die Krone der Evolution darzustellen. Frauen klagen über ihre Kinder, die sie jeden Tag aufs Neue fragen müssen, ob sie sich heute männlich oder weiblich fühlen und die ihnen einmal pro Woche Aufmerksamkeit schenken, indem sie ihnen im Drogenrausch vor die Haustür kotzen.

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Ihnen allen gemein ist die Lethargie des Sonntags, der in dem Ort am Autobahnzubringer ereignisloser nicht sein könnte. Bald wächst die Sehnsucht nach dem Montag, der Erlösung in Form von klar strukturierter Erwerbsarbeit bietet. Doch kaum ist der Montag im „zweiten Flügel“ angebrochen, sehnt man sich bereits wieder nach dem Wochenende. Im dritten Flügel verhilft der „Hass-Master“ der in ihrer Perspektivenlosigkeit versunkenen Truppe zum Ausbruch und ruft zum Ergreifen der Waffen auf. Im realen Ausleben ihres bisher lediglich im Supermarkt oder in Internetforen artikulierten Hasses auf jeden und alles erleben sie schließlich ihre höchstpersönliche Verwirklichung.

Sibylle Berg ist mit „Hass-Triptychon“ einmal mehr ein messerscharfes Abbild der Gesellschaft gelungen, das Ersan Mondtag - der sich übrigens für die Nachfolge von Volkstheater-Direktorin Anna Badora beworben hat - mit viel Pomp auf die Bühne bringt. So gelingt es, die Figuren nicht einfach nur auszustellen, sondern ihre theatrale Ausbeutung gleichzeitig zu kritisieren. Ein bemerkenswerter Text, ein mitreißender Abend, wie eingangs erwähnt: ein Erfolg.

(S E R V I C E - „Hass-Triptychon - Wege aus der Krise. Eine Therapie in drei Flügeln“ von Sibylle Berg, Uraufführung im Rahmen der Wiener Festwochen im Volkstheater. Regie: Ersan Mondtag. Bühne: Nina Peller, Kostüme: Teresa Vergho. Mit Mehmet Atesci, Bruno Cathomas, Benny Claessens, Jonas Grunder-Culeman, Abak Safaei-Rad, Aram Tafreshian und Cigdem Teke. Weitere Termine am 25. und 26. Mai. Infos und Tickets unter www.festwochen.at )

(B I L D A V I S O – Pressebilder stehen im Pressebereich von www.festwochen.at zum Download bereit.)


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