150 Jahre Staatsoper: „Frau ohne Schatten“ mit Frauen ohne Makel
Wien (APA) - Wann sieht man auf der Bühne der Wiener Staatsoper schon einmal einen nackten Mann? Zum 150. Geburtstag kann man aber schon ein...
Wien (APA) - Wann sieht man auf der Bühne der Wiener Staatsoper schon einmal einen nackten Mann? Zum 150. Geburtstag kann man aber schon einmal die Hosen herunterlassen - zumal das bei der Geburtstagspremiere im Haus am Ring Samstagabend künstlerisch nicht der Fall war. Richard Strauss‘ „Die Frau ohne Schatten“ zeigte drei Frauen ohne Makel - und eben einen Jüngling ohne Hose. Eine echte Geburtstagsparty also.
Aber um es vorwegzunehmen: Das eigentliche Fest fand bei dieser Premiere dort statt, wo so manches Zechgelage am Ende landet: im Graben. Christian Thielemann führte als ausgewiesener Experte für das deutsche Fach das Staatsopernorchester durch die Monumentalpartitur. Und auch wenn der 60-jährige Staatsopernliebling in kleinen, fast kammermusikalischen Passagen die Dissonanzen des spätromantischen Werks ausziselieren ließ, testet Thielemann immer wieder auch die Statik des 150 Jahre alten Baus und ließ die Wände im wilden Ausbruch des weit über 100 Personen fassenden Orchesters wackeln. Dass er die an die Grenzen der Tonalität reichenden Qualitäten dieser wagnerianischsten aller Strauss-Opern dennoch nicht in einem Klangbrei erstickt, gehört zu den großen Qualitäten dieses Dirigenten.
Strauss und sein Stammlibrettist Hugo von Hofmannsthal sahen „Die Frau ohne Schatten“ bekanntlich als den Höhepunkt ihrer Zusammenarbeit an - eine Sicht, die wohl nur von wenigen Opernfreunden geteilt wird. Zu verschroben, überfrachtet mit Symbolik und voller narrativer wie musikalischer Abwege ist das Großwerk gleichsam Antithese zu den stringenten Erfolgsvorläufern „Salome“ oder „Elektra“. Dennoch ist die am 10. Oktober 1919 erstmals gespielte Oper neben Jules Massenets „Werther“ die wohl wichtigste Uraufführung in der Geschichte der Staatsoper und mithin zweifelsohne die richtige Wahl für die Festpremiere zum Jahrestag der Eröffnung.
Dass diese ein heftigst umjubelter Erfolg wurde, lag nicht nur am Pultregenten, sondern auch einem starken Frauentrio. Allen voran steht das Gegensatzpaar aus Kaiserin und Färberin. Camilla Nylund gelingt als schattensuchende Monarchin die erforderte stimmliche Bandbreite dieser Rolle mit souveränster, kristallener Klarheit zu bedienen, während Nina Stemme bei ihrem Rollendebüt als junge Frau im Wechselbad der Gefühle mit kraftvoll unterfüttertem, hochdramatischem Sopran Maßstäbe setzte. Darstellerisch beherzt, stimmlich aber etwas aufgeraut, ergänzte Evelyn Herzlitzius, zuletzt in der Premiere des Trojahn‘schen „Orest“ am Haus als Elektra zu erleben, die Damenriege.
Und während auf männlicher Seite der eingangs erwähnte nackte Jüngling auf körperliche Vorzüge als Mittel der Versuchung setzte, waren es bei Stephen Gould als Kaiser - wie schon 2011 bei den Salzburger Festspielen mit Thielemann im Doppelpack für „Die Frau ohne Schatten“ - und bei Wolfgang Koch als Färber Barak vornehmlich die Stimmen, mit denen sie ihre Auserwählten und das Publikum beglückten.
Was fehlt noch? Ach ja, eine Inszenierung gab es ja auch. Der junge französische Regisseur und einstige Chereau-Assistent Vincent Huguet liefert keine herausragende Regie ab - im positiven Sinn des Wortes. Die Inszenierung sticht nicht heraus, sondern verschmilzt geradezu mit dem Libretto, schafft stimmige Bilder und begleitet die Handlung elegant zurückhaltend, ohne dabei verschmockt oder verkitscht daherzukommen. Der Musik wird der Vortritt gelassen.
Das Färberhaus, als Hauptspielort zwischen Walkürenfelsen und Arnold Böcklins „Toteninsel“ angesiedelt, bietet Raum für manch schnellen Wechsel und ein zurückhaltendes Passepartout für die gemäß der Farbsymbolik gekleideten Figuren. Konterkariert wird dieses Setting durch schwache, diffuse Lichtsetzung und in ihrer Qualität aus dem vorigen Jahrzehnt stammende Videoprojektionen von Bertrand Couderc.
Aber von einer bescheidenen Dekorierung der Location lässt man sich eine gute Party bekanntlich nicht verderben. Und so stand am Ende des Abends ein wahrer Applaussturm für alle Beteiligten. Und selbst bei Regisseur Huguet ging das eine oder andere zaghafte Buh alsbald im allgemeinen Jubel unter. Prost!
(S E R V I C E - „Die Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal an der Staatsoper, Opernring 2, 1010 Wien. Dirigent: Christian Thielemann, Regie: Vincent Huguet. Bühne: Aurelie Maestre. Mit Stephen Gould - Der Kaiser, Camilla Nylund - Die Kaiserin, Evelyn Herlitzius - Die Amme, Sebastian Holecek - Geisterbote, Wolfgang Koch - Barak, Nina Stemme - Sein Weib, Maria Nazarova - Hüter der Schwelle des Tempels, Benjamin Bruns - Stimme eine Jünglings, Maria Nazarova - Stimme des Falken, Monika Bohinec - Stimme von oben, Samuel Hasselhorn - Der Einäugige, Ryan Speedo Green - Der Einarmige, Thomas Ebenstein - Der Bucklige. Weitere Aufführung am 30. Mai sowie am 2., 6. und 10. Juni. www.wiener-staatsoper.at)
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