Wiener Festwochen: Klassische Tragödie live

„Orest in Mossul“: Milo Raus richtungsweisende Theaterarbeit.

Milo Raus Reflexion zu Aischylos. Die irakisch-deutsche Schauspielerin Susana AbdulMajid begeistert als Kassandra zwischen Antike und Gegenwart.
© Michiel Devijver

Von Bernadette Lietzow

Wien –Wie bei jedem über mehrere Wochen andauernden Festival zeigen sich auch bei den bis dato gelungenen Wiener Festwochen unter der neuen Intendanz von Christophe Slagmuylder erste Ermüdungserscheinungen beim Publikum, sind die Veranstaltungen etwas schütterer besetzt – auf zugegeben hohem Niveau. So auch beim Gastspiel des NT Gent, das seit dieser Saison vom Schweizer Regisseur, Filmemacher und Theoretiker Milo Rau geleitet wird und mit der programmatischen Selbstverpflichtung des „Genter Manifests“ in aller Munde ist (die TT berichtete). Bedauerlich, bietet doch „Orest in Mossul“ für die Zuseher reichlich Denk-Stoff auf inhaltlicher wie formaler Ebene.

Aischylos’ Rache-Tragödie, die aus drei Teilen bestehende „Orestie“, ist das bis auf ein paar blutige Fetzen abgenagte antike Skelett, das Rau mit den Brocken neuer Grausamkeiten bestückt. Zentraler Ort ist die nordirakische Großstadt Mossul, das biblische Ninive, jene Stadt, die 2014 vom Islamischen Staat besetzt sowie von den Bomben amerikanischer und irakischer Truppen schwer zerstört wurde und auch nach der Vertreibung des IS nicht zur Ruhe kommt. Mit seinem belgisch-exilirakischen Ensemble erarbeitete Rau nun in Zusammenarbeit mit einheimischen Schauspielern inmitten der Ruinen Mossuls eine Reflexion zu Aischylos’ Stück, das in seinen Augen eine „posttraumatische Phantasmagorie“ darstellt.

Video, Live-Kamera, Riesenscreen und zwei Holzhütten sind die gestalterischen Elemente, die die Bühne der Halle E des Museumsquartiers zu einem beklemmenden Raum formen. Nachgestellte Erschießungsszenen, die Erdrosselung einer jungen Frau in entsetzlicher „Echtzeit“, das allgegenwärtige Grauen des Krieges, die Zerstörung von Außen- wie Innenwelten verschränken sich in „Orest in Mossul“ auf verstörende Weise mit der antiken Vorlage.

Quälend wie erhellend gerät die Szene, in der, parallel zu Aischylos’ drittem Teil, den Eumeniden, wo Pallas Athene mit einem Bürgergericht über das Ende des Tötens entscheiden lassen will, eine irakische Schauspielerin dem Chor der jungen Mitspieler die Frage nach Vergebung oder Rache gegenüber den IS-Kämpfern stellt. Sie wird unentschieden beantwortet werden.

Es ist eine eigentümliche, in seiner offensichtlichen, streckenweise ironischen Selbstbefragung neue Form eines moralischen Dokumentartheaters, das Milo Rau und seine höchst engagierten Mitstreiter zeigen. Und doch bleibt der leise Verdacht bestehen, dass derlei Projekte mit einer kräftigen Prise Sensationsgier gewürzt sind.


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