Viel Verkehr, wenig Ambition: Ist Tirol beim Klimaschutz zu lasch?

Zu wenig Ambitionen sehen NGOs in Sachen Klimaschutz und verklagen die Bundesregierung. In Tirol geht der Klimaschutz sogar der zuständigen Landesrätin nicht schnell genug. Dem Transitforum allerdings auch.

Innsbruck bei Inversionswetterlage. Ein, zwei Tage reichen, dann sind die Grenzwerte für Feinstaub, aber auch Stickoxid überschritten. Bei beiden Schadstoffen ist der Trend rücklaufig.
© Thomas Boehm / TT

Von Anita Heubacher

Innsbruck — Ambition. Dieses Wort will Transitforum-Chef Fritz Gurgiser gar nicht in Zusammenhang mit Klimaschutz und Tiroler Landesregierung hören. „Die Ambition ist seit grüner Regierungsbeteiligung die Erteilung von Ausnahmebewilligungen." Dadurch könnte die Transitflotte in Ruhe den Brenner anfahren.

Ganz und gar nicht zufrieden mit den Ambitionen der Bundesregierung, den CO2-Ausstoß zu senken, sind Umweltschutzorganisationen. Greenpeace und das Ökobüro wollen, wie berichtet, eine Klage gegen die Bundesregierung bzw. die zuständigen Ministerien einbringen. Laut Klimaschutzbericht 2017 hat Österreich die EU-Höchstwerte an Treibhausgasemissionen um rund 2,1 Millionen Tonnen überschritten. Es gebe ein Klimaschutzgesetz, um sicherzustellen, dass die Treibhausgase sinken. „Die Politik kann nicht einfach ihre eigenen Regeln brechen, nur weil sie unbequem sind", sagte Jasmin Duregger von Greenpeace letzte Woche in Wien.

In Innsbruck ist selbst die zuständige Landesrätin Ingrid Felipe nicht zufrieden, mit dem was „die Politik" in Sachen Klimaschutz tut. Den Vorschlägen der Wissenschaft sei baldigst nachzukommen, die Politik möge handeln und nicht länger beschwichtigen. „Ansonsten wird es für die nächsten Generationen in Tirol keine Gletscher in den Bergen, dafür umso mehr Überschwemmungen in den Tälern geben", hatte Felipe beim ersten Treffen der Klimaschutzlandesräte Mitte September in Wien gemeint. 2020 wird Felipe Gastgeberin sein, dann findet die Klimaschutzkonferenz in Tirol statt. „Bis dahin erwarte ich mir ganz klare Schritte hin zu einer sozialverträglichen Ökologisierung unseres Steuersystems und ein eindeutiges Bekenntnis der neuen Bundesregierung zu einem aktiven und wirkungsvollen Klimaschutz."

Ob CO2-Steuer und Ende des Dieselprivilegs zwei unverhandelbare Bedingungen bei den Koalitionsverhandlungen zwischen Türkis und Grün sein sollten, will Felipe so klar nicht beantworten.

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In Tirol will die Klimaschutzlandesrätin das hohe Verkehrsaufkommen reduzieren. Das ist schon lange das Ziel der Landesregierungen in unterschiedlicher Zusammensetzung. Gelungen ist es bis dato nicht. Im Gegenteil. Die Zahl der Lkw und die der Pkw steigt von Jahr zu Jahr. Felipe will die Straße für Lkw durch Korridormaut und Einrechnung externer Kosten teurer machen. Den Öffi-Ausbau setzt sie der Pkw-Flut entgegen. Um das Klima zu schützen, müsse aber die Gesamtgesellschaft umdenken. „Wir brauchen eine neue Lebensqualität des Teilens und der Genügsamkeit."

Fritz Gurgiser kennt die Argumente und lässt sie nicht gelten. 1991 waren auf der Brennerstrecke 850.000 Lkw unterwegs, letztes Jahr waren es 2,5 Millionen. „Dass die Stickoxid-Werte aus dem Transitverkehr gesunken sind, hängt mit der von der Bevölkerung erzwungenen technischen Verbesserung der Fahrzeuge zusammen." Hilfreich sei auch der Klimawandel. Dadurch entstünden weniger Inversionswetterlagen und der Föhn blase die Täler durch. Dessen Ambition schätzt Gurgiser wohl weit höher ein als jene der Politik.

Tempo 100 und die Technik helfen

Im Büro von Walter Egger in der Abteilung, die die Luftgüte in Tirol kontrolliert, hängen Bilder, die so ähnlich aussehen wie das in diesem Artikel. Zu sehen ist die Dunstglocke über Innsbruck. Im Winter kommt es in Tirol zur Inversionswetterlage. Die warme Luft oben sorgt für einen Deckel, der die kalte Luft samt Schadstoffen im Tal nicht entweichen lässt. „Da reichen ein, zwei, drei Tage und dann sind die Grenzwerte überschritten", erklärt Egger. Die Linien in den Grafiken, die der Experte auf den Tisch legt, zeigen indes nach unten. Von 2010 bis 2018 ist die Belastung durch Stickstoffdioxid in Tirol geringer geworden. Das zeigen die Messstellen in Vomp entlang der Autobahn, ebenso wie jene mitten in der Stadt Innsbruck und auch die in Heiterwang. Der Standort der Messstellen ist entscheidend und wirkt sich auf die Ergebnisse aus. „Der Verlauf zeigt nach unten. Dennoch wurden letztes Jahr in Vomp die Grenzwerte 50 Mal überschritten", sagt Egger. Das ist mehr, als die EU und die Bundesregierung erlauben. „Ohne Tempo 100 wären die Überschreitungen in Vomp noch häufiger und die Schadstoffbelastung höher", sagt Egger. Der Luft-Hunderter trägt seinen Namen also nicht umsonst. Seine Auswirkungen sieht man ebenso in Eggers Grafiken. Beim Stickoxid ist der Verkehr der Hauptverursacher. Dass trotz des Anstiegs von Fahrzeugen der Ausstoß von Stickstoffdioxid weniger wurde, ist laut Egger auf die Modernisierung der Lkw-Flotte zurückzuführen, und eben auf das Tempolimit für Pkw. Neben Vomp gab es entlang der Autobahn Überschreitungen bei Kundl und Mutters, an 13 Messstellen gab es keine Grenzwertüberschreitung. (aheu)

Hausbrand, Verkehr und Industrie sorgen für Staub

Beim Feinstaub wurden die größeren Erfolge in der Reduktion erzielt als bei Stickoxiden", erklärt Walter Egger aus der Abteilung Waldschutz, die die Luftgüte in Tirol misst. 2018 waren die Feinstaub-Messwerte deutlich tiefer als im Mittel der letzten acht Jahre. Anders als bei Stickoxiden ist der Feinstaub eine Drittel-Drittel-Drittel-Geschichte. Rund ein Drittel der Belastung produziert die Industrie, ein Drittel der Hausbrand und ein Drittel der Verkehr. „Beim Hausbrand wurde durch die Erneuerung von Heizkesseln und den Ausbau der Fernwärme viel erreicht", erklärt Egger. Die Industrie habe ihre Hausaufgaben ebenso gemacht. Beim Verkehr war der Einbau von Rußpartikelfiltern entscheidend. Abträglich sei der sehr hohe Anteil an Dieselfahrzeugen in Österreich. Der Feinstaub wird an 13 Messstellen in Tirol geprüft. An keiner gab es letztes Jahr Grenzwert-Überschreitungen. „Wir liegen überall deutlich unterhalb des Grenzwertes", sagt Egger. Auch beim Feinstaub bringt die Temporeduktion eine Entlastung. „Es entsteht weniger Brems- und Reifenabrieb." Den größten positiven Effekt hat der Föhn. Wenn der die Schadstoffe aus dem Talkessel bläst, sinken die Messwerte. Das lässt sich wunderbar in den Grafiken der Abteilung dokumentieren. „Ungünstige Großwetterlagen sorgen für einen raschen Anstieg der Feinstaubkonzentration." (aheu)


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