Wiener Blut gekostet und samtene Frauenliebe

Zwei Topstars der Opernwelt legen ihre neuen Alben vor: Jonas Kaufmann huldigt Wien, Renée Fleming dem deutschen Lied.

Zwei Topstars der Opernwelt legen ihre neuen Alben vor: Jonas Kaufmann huldigt Wien, Renée Fleming dem deutschen Lied.
© imago/Future Image

Von Ursula Strohal

Innsbruck –Mahlers „Lied von der Erde“, Verdis Alvaro und Otello, dazu Florestan, Don José und Andrea Chénier, das sind die Kaliber, die Jonas Kaufmann heuer bewältigt. 2020 kommen wieder Wagner-Partien dazu, Auftritte an der Wiener Staatsoper und in Verona, und jetzt schon, nächsten Montag an der Münchner Oper, Paul in der Premiere von Korngolds „Die tote Stadt“. Große, schwierige, heldische Partien.

Und dann „Wien, du Stadt meiner Träume“, „Im Prater blüh’n wieder die Bäume“, „Sag beim Abschied leise Servus“, „Ich muss wieder einmal in Grinzing sein“ usw. samt der gegenwärtigen Tournee mit der neuen „Wien“-CD (Sony). Der Tenor pflegt seine Vielseitigkeit, verweist nach seiner Italienliebe nun auf die Bindungen zu Wien.

„Schenkt man sich Rosen in Tirol“ bedeutet einen Abstecher, Kaufmann hat die Ferien seiner Jugend ja am Achensee verbracht. Für seine Rollenporträts berühmt, macht Kaufmann auch die Wiener Lieder zu Geschichten, wortdeutlich, aus dem Wort schöpfend, sinnlich, elegant und detailfreudig.

Die Ausschnitte aus Johann Strauß-Operetten, „Sei mir gegrüßt, du holdes Venezia“, „Komm in die Gondel“, „Draußen in Sievering“, aus „Wiener Blut“ und der „Fledermaus“ zeigen ihn aber eher opernlastig und stimmlich nicht so verführerisch-leicht wie im Album „Du bist die Welt für mich“ von 2014.

In den Liedern gehen sein baritonal gefärbter Wohlklang und die Gestaltungsfreude mehr auf, im „Kleinen Café in Hernals“ bis hin zum kleinen Abschieds-Servus.

Mit Georg Kreislers bösem „Der Tod muss ein Wiener sein“ bricht er, mäßig erfolgreich, aus dem Wien-Klischee aus. Delikate Freude bereiten die Wiener Philharmoniker unter Adam Fischer, zu opernhaft und kühl ist Kaufmanns Duettpartnerin Rachel Willis-Sørensen.

Nach Schubert und Französischem gibt es wieder ein Lieder-Album von Renée Fleming. In Budapest, mit dem großartigen Hartmut Höll am Flügel, dem oft wegweisenden Fels in der romantischen Brandung, wurde 2017 Robert Schumanns Zyklus „Frauenliebe- und Leben“ aufgenommen. Dazu wohlbekannte Gesänge von Johannes Brahms: „Wiegenlied“, „Ständchen“, „Mondnacht“, „Mainacht“, „Da unten im Tale“ u. a.

Fleming, heuer 60 geworden, bringt reichlich und unverhohlener, als es unter deutschsprachigen Liedinterpreten üblich ist, ihre Emotion und eigene stilistische Vorstellung ein, macht aus den Preziosen kleine Szenen. Von Rührseligkeit und falschen Gefühlen kann jedoch nicht die Rede sein, auch nicht in Schumanns Frauenliedern. Es sind ihre Wahrheiten, die hier leicht und geschmeidig fließen. Sprachlich ist die US-Sopranistin ziemlich gut, und sie weiß, was sie singt.

Hinreißender Höhepunkt des schlicht „Lieder“ betitelten Albums (Decca) ist der Live-Mitschnitt von Gustav Mahlers Rückert-Liedern, aufgenommen 2010 im Münchner Gasteig mit den Münchner Philharmonikern unter Christian Thielemann.

Da lässt Fleming ihre Stimme mit dem singulären Timbre und Samtklang aufblühen, zeigt, nicht umsonst eine der bedeutendsten Sopranistinnen unserer Zeit, in weiten Bögen Spannungsspiel, kunstvolle Phrasierung und meisterhaftes Legato.

Renée Fleming
© imago/UPI Photo

Kommentieren


Schlagworte