Tirol denkt Zukunft: Vereinter Kampf statt Flucht oder Totstellen

Die Aufgaben und Probleme der Zukunft können gemeistert werden, sagt Zukunftsforscher Andreas Reiter. Aber nur, wenn alle an einem Strang ziehen.

Es braucht das Nachdenken aller in Tirol, um das Land für die Zukunft fit zu machen.
© iStock; Montage: TT

Von Gabriele Starck

Innsbruck –Weder Wirtschaft, noch Wissenschaft, noch Technologie allein werden ein lebenswertes Tirol auch in der Zukunft garantieren können. Dazu brauche es alle – auch die Kreativen, die Künstler und die Zivilgesellschaft, ist der Wiener Zukunftsforscher Andrea­s Reiter überzeugt. Die gesellschaftlichen Umbrüche etwa durch die Digitalisierung, die Arbeitsplätze vernichtet, und das dadurch wachsende Prekariat, die zunehmende soziale Ungleichheit sowie der Klima­wandel: „All das sind Zukunftsthemen, die die Menschen verunsichern, die ihnen Angst machen. Doch Ängst­e kann ich niemandem verbieten“, sagt Reiter. Er selbst kann ihnen sogar etwas Positives abgewinnen.

Der Mensch neige von Beginn an zu Angst, erinnert er an den vielzitierten Säbelzahntiger-Reflex. Damit ist die automatische Stressreaktion des Körpers gemeint, wenn man einer Gefahr gegenübersteht. Die Hormone sorgen dafür, dass fokussiert nachgedacht wird, wie man der Gefahr begegnen oder ihr entkommen kann: Flucht oder Kampf? Das führe letztlich auch zu Innovationen, zu neuen Lösungsansätzen, sagt Reiter.

Die dritte Möglichkeit dürfte damit nicht gemeint sein: das Totstellen. Es ist wenig innovationsfördernd, aber bequem, nimmt man die wissenschaftlichen Tatsachen zum Klimawandel und das gegenwärtige Nicht-Handeln als Beispiel.

Um den Lebensraum Tirol lebenswert zu erhalten, wird also eher der Kampf gegen den Säbelzahntiger das richtige Mittel sein, oder anders gesagt, das Handeln. Für den Zukunftsforscher, der kommenden Mittwoch beim Diskussionsforum „Zukunft Denken“ (siehe Kasten) den Eröffnungsvortrag hält, ist dabei ganz zentral, „dass eine Strategie entwickelt wird, die sich nicht nur um Vermarktung dreht, sondern Zukunftsperspektiven eröffnet“. Dazu müsse „eine smarte Region entwickelt werden, die auf Plattform-Ökonomien“ beruht. Anders gesagt: Es benötigt eine Region, die alle Akteure miteinander vernetzt – Unis, Industrie, Wirtschaft, vor allem aber auch Kreative und Künstler. „Denn von Künstlern kommt das Neue“, unterstreicht Reiter.

Und wenn die Künstliche Intelligenz den Menschen erst einmal zum Wettbewerb herausfordere und ihm den Arbeitsplatz wegnehme, „was bleibt ihm dann? Kreativität und Empathie“, sagt Reiter. Dies seien die Stärken der Zukunft, über die keine Maschine verfüge. Das erfordere auch eine ganz andere Ausbildung. Fachkompetenz sei zwar nötig, aber auch schnell überholt in der heutigen Zeit. Softskills hingegen müssten gefördert und gestärkt werden. „Aber wenn bei uns jemand kreativ ist, gilt er schnell einmal als verhaltensauffällig“, kritisiert Reiter. Dabei seien Kreativität und Kunst die Dinge, die Menschen offen machen, Neues schaffen.

Eben deshalb müssten alle Kräfte gebündelt werden, um die Zukunft mutig gestalten zu können. Wirtschaft, Wissenschaft, Technik, Kunst und Zivilgesellschaft: Es brauche eine Komplizenschaft zwischen den Gruppen, keine Gegnerschaft. Reite­r: „Das Experiment heißt Offenheit.“

Kollektive Risiken sollten eben kollektiv angegangen werden. „Regionen müssen agiler werden.“ Sie dürften sich nicht nur um ihre globale Außenwirkung kümmern, sondern „müssen nach innen Netzwerke bilden“. Vielfach fehle aber noch das Bewusstsein, wie notwendig Transparenz, Offenheit und die Vernetzung seien, sagt Reiter und verweist auf das Beispiel der viel kritisierten Lehrer-App.

Dennoch ist der Zukunftsforscher zuversichtlich, dass es funktionieren wird. „Ich glaube an die Gestaltungskraft von Ideen, sonst wären wir nicht da, wo wir jetzt sind.“ Entscheidend für die Zukunft einer Regio­n wie Tirol werden laut Zukunftsforscher übrigens die jungen Frauen sein. „Wenn die Frauen im ländlichen Raum weggehen, und sie sind immer die Ersten, die gehen, stirbt die Gegend aus“, warnt er. Schöne Berge allein reichten nicht aus, sie zu halten.

Keineswegs sei es aber so, dass Tirol bislang nichts für seine Zukunft getan hätte, betont Reiter. Zwar spät, aber doch habe man die aus dem Tourismus geschöpfte, sehr wertvolle Marke Tirol auch auf andere Bereiche übertragen und das Lebensraum-Format gebildet. Reiter meint damit die „Lebensraum Tirol Holding GmbH“, die inzwischen Tirol Werbung, Standortagentur und Agrarmarketing bündle. Nur den Claim „Arbeiten, wo andere Urlaub machen“ kritisiert Reiter. Das sei zu beliebig. Als große Chanc­e für Tirol sähe er, die alpine Lebensart mit alpiner Technologie zu verbinden. Mit vernetzten Einrichtungen wie dem Gründerzentrum „Werkstätte Wattens“ würden Industrie und Wirtschaft bereits dazu beitragen und Verantwortung übernehmen.

Gemeinsam Zukunft denken

Zum Abschluss des 350-Jahr-Jubiläums lädt die Universität Innsbruck von Mittwochabend, 20. bis Freitag, 22. November 2019 die Bevölkerung ein, gemeinsam über die Zukunft der Region zu diskutieren. Unter dem Motto „Zukunft denken" stellen Expertinnen und Experten mögliche Szenarien, Denkansätze und Perspektiven für die Zukunft der Gesellschaft vor.0

Das Jubiläum sei nicht nur ein Grund zum Feiern gewesen, sondern „vor allem Anlass, die Bedeutung der Universität für die Region und ihre Wechselwirkung mit der Gesellschaft noch stärker herauszuarbeiten", sagt Rektor Tilmann Märk.

Die österreichische Philosophin und Publizistin Isolde Charim, der in Wien tätige Neuropsychologe Claus Lamm und die ehemalige dänische Umweltministerin Ida Auken nehmen an den vier Halbtagen spannende Themen auf und laden zum Zuhören und Mitreden ein.

Am Donnerstagvormittag steht das Thema „Siedlungsraum — Verkehr — Energie" im Mittelpunkt. Wie ein gutes Leben für alle ausschauen könnte, wird am Freitagvormittag thematisiert. Warum wir trotz wissenschaftlicher Tatsachen und politischen Abkommen zur Klimakrise unser Verhalten immer noch nicht ändern, diese Frage steht im Zentrum der Diskussion am Freitagnachmittag. (TT)

Im Internet: Das Programm finden Sie auf https://go.tt.com/uni-zukunft


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