Julia Gschnitzer: “Ohne Aufgaben würde ich in ein Loch fallen

Die Tiroler Schauspielerin Julia Gschnitzer liest in Zell Texte über verschiedene Lebensstufen. Die TT sprach vorab mit der 87-Jährigen.

Julia Gschnitzer (87) liest am Samstag in der Aula der NMS Zell Texte von Arno Geiger, der Tuxerin Claudia Wisiol und Marlen Haushofer.
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Zell a. Z. –Gedanken über die Zeit, die verschiedenen Lebensstufen und das Verbindende zwischen den Generationen. Das steht am Samstag ab 19.30 Uhr im Mittelpunkt der Lesung mit Julia Gschnitzer in der Aula der Mittelschule in Zell. Der Schulchor des RG Schwaz und der Chor ChorRekt umrahmen diesen Abend, zu dem der Sozial- und Gesundheitssprengel Zell und Umgebung einlädt. Die TT sprach mit der sympathischen Schauspielerin, die am 21. Dezember 88 Jahre alt wird.

Sie haben sich an Ihrem 85. Geburtstag von der Theaterbühne verabschiedet. Ganz muss das Publikum aber nicht auf Sie verzichten?

Julia Gschnitzer: „Nein, ein paar Lesungen und kleine Sachen für Film und Fernsehen mache ich noch. Ich versäume meist die Ausstrahlung, denn ich nehme es nicht mehr so wichtig. Aber ich bin überrascht über die vielen positiven Reaktionen, die ich immer noch dafür erhalte.

Ihre positive Ausstrahlung und Ihr wacher Geist begeistern. Was hält Sie jung?

Gschnitzer: Der Kontakt mit anderen Menschen und die Verpflichtung, mich im Alter nicht fallen zu lassen. Ich lebe allein – mein ganzes Leben. Aber ich habe einen großen Freundeskreis und eine große Verwandtschaft in Innsbruck. Ohne sie und ohne meine Aufgaben, wie etwa die Lesungen, wäre es schlimm. Da würde ich wohl in ein Loch fallen. Mir ist meine Unabhängigkeit auch sehr wichtig. Mit Altenheimen verbinde ich Abhängig­sein – eine Zwangsvorstellung für mich, die ich, solange es geht, hinauszögern möchte.

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Viele alleinstehende Senioren fühlen sich einsam. Kennen Sie dieses Gefühl?

Gschnitzer: Nein, nicht wirklich. Weil ich meine Freunde und Verwandte habe und weil ich das Alleinsein auch brauche, um Zeit für mich zu haben. Ich gehe gerne ins Theater und in Ausstellungen. Aber wenn ich dafür drei Tage in Wien war, bin ich müde und möchte heim. Das war früher anders. Das ist das Alter. Der Vorteil des Alters ist: Man darf in den Tag hineinleben.

Auch in Ihrem Leben gab es schwierigere Zeiten. Anzumerken war Ihnen das nie. Woraus schöpfen Sie so viel positive Kraft?

Gschnitzer: Mein Optimismus ist ein Geschenk des Himmels, für das ich dankbar bin. Ich bin ein Stehaufmandl. Und wenn man allein ist, muss man sich selbst helfen.

Was ist Ihr Resümee, wenn Sie die Jugend von heute mit Ihrer eigenen vergleichen?

Gschnitzer: Das kann man nicht vergleichen, denn alles ist so völlig anders als zu meiner Zeit. Jede Generation hat ihre Probleme und muss sie selbst lösen. Wir haben noch den Krieg miterlebt, hatten nichts, aber wir konnten was aufbauen, als Schritt in eine bessere Zeit. Heute haben wir alles. Aber Probleme gibt es in dieser schnelllebigen Zeit genauso. Sei es das Klima, oder dass alles unmenschlicher wird. Ich fürchte mich inzwischen, für eine Überweisung auf die Bank zu gehen. Denn der Mensch fehlt. Ich hoffe, das ändert sich, aber miterleben werde ich es wohl nicht mehr.

Das Interview führte Angela Dähling


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