Biathlon-Routinier Eder: „Es ist zehn Jahre zu wenig passiert“

Drohen Österreichs Herren im Biathlon bald magere(re) Zeiten? Olympia-Medaillengewinner Simon Eder (36) blickt im TT-Interview vor dem Auftakt in Östersund am Samstag auf Nachwuchs und Doping-Nachwehen.

Der 36-jährige Salzburger Simon Eder stand im März als Zeuge im Fokus der Doping-Causa Operation Aderlass.
© gepa

Herr Eder, mit Julian Eberhard (33 Jahre), Tobias Eberhard (34), Ihnen (36) sowie Dominik Landertinger (31) sind neben Jungstar Felix Leitner (22) vier österreichische Top-Athleten über 30 Jahre alt. Kommen zu wenige junge Athleten nach?

Simon Eder: Es könnten mehr sein. Aber wir sind um jeden froh, der den Sprung schafft. Beim Felix hat uns das voll getaugt, dass der gegen Schluss der letzten Saison immer besser wurde. Dass er das Potenzial hat, wussten wir vom Training, aber das musst du erst im Rennen umsetzen. Er bringt alle Attribute mit, vom Ehrgeiz bis zur Nervenstärke. Und wir brauchen auch jeden Mann für die Staffel.

Wenn Sie sagen, Sie sind um jeden froh: Was hat sich im Vergleich zu Ihrer Jugendzeit verändert?

Eder: Das ist schwierig zu analysieren. Es gibt viele ehrenamtliche Trainer, die sich in den Vereinen den Allerwertesten aufreißen, damit etwas nachkommt. Aber im Biathlon ist an der Spitze in den letzten zehn Jahren zu wenig passiert. Wir haben es nicht geschafft, die Leute nach oben zu bringen. Es ist schwierig zu sagen, woran es gelegen hat. Aber dieser Nachwuchs, diese Leute, die fehlen uns jetzt. Unsere Mannschaft ist sehr alt – und das ist nie ein gutes Zeichen.

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Biathlon rückte international in der jüngsten Vergangenheit beim Thema Doping und Russlands Verband oftmals negativ ins Rampenlicht. Hat der Sport auch in Österreich ein Image-Problem?

Eder: Nein. Wir haben immer wieder für positive Meldungen gesorgt. Bei Olympia und Weltmeisterschaften konnten wir immer was mitnehmen. Da habe ich, ehrlich gesagt, auf einen gewissen Boom gehofft, der die Jugendlichen zum Sport bringt. Das blieb aus. Es könnte schwierig werden, dass wir eine Staffel mit vier Leuten zusammenkriegen. Derzeit schaut es noch gut aus – aber nur, weil wir Alten da seit gut 20 Jahren vorne mitlaufen. Anders ginge es eh nicht mehr.

Sie haben 2017 für härtere Strafen gegen Russlands Athleten plädiert, derzeit ist der Verband als volles Mitglied ausgeschlossen. Aber ist zu wenig geschehen?

Eder: Die Sache ist rechtlich schwer nachzuweisen, das haben alle eingesehen. Irgendwann muss es aber Sanktionen geben, vor allem, wenn es stimmt, dass die Russen im eigenen Labor manipulieren.

Ihr Name fiel heuer im März auch im Zusammenhang mit der Operation Aderlass, nachdem Sie Anzeige erstattet hatten, weil Ihnen Dopingmittel angeboten wurden. Wie sehr stört es, Ihren Namen in dieser Geschichte zu finden?

Eder: Das ist kein Problem. Als Junger macht dich so etwas nervös, aber ich habe schon genug Erfahrungen. Mir war es wichtig, dass ich Stellung beziehe, an die Öffentlichkeit gehe und zeige, dass wir im österreichischen Biathlon sauber arbeiten. Dafür war es vor der WM in Östersund (März, Anm.) der richtige Zeitpunkt. Alle haben sich damals gefragt: Wird im Biathlon nicht auch gedopt? Ich wollte zeigen, dass es bei uns sauber abläuft, dass alles passt.

Zurück zum Sportlichen: Sie sprachen davon, wie wichtig es ist, den Jungen Freude am Sport zu vermitteln. Ist das etwas, was Sie als Familienvater (Tochter Marlene – fünf Jahre alt, Anm.) gelernt haben?

Eder: Ja, das lernt man schnell (lacht). Zum Beispiel, wenn die Kleinen gerade die Lust am Tennis verlieren, nur weil sie unbedingt den perfekten Smash machen müssen. Man muss kreativ sein, die Kinder müssen eine gute Zeit haben – das ist bis zu einem gewissen Alter auch im Biathlon sehr, sehr wichtig. Du kannst keinen zum Spitzensport zwingen, das hat mir mein Vater (Alfred Eder/zweimal WM-Dritter, Anm.) vorgelebt. Ich wusste für meinen Teil ja: Ich muss auch durch, wenn es einmal keinen Spaß macht. Und das habe ich gemacht.

Und wie blicken Sie auf den Weltcup-Auftakt voraus?

Eder: Es läuft ganz gut. Bis zum Heimweltcup in Hochfilzen (13.12. bis 15.12., Anm.) wollen wir in Form sein, die WM ist das Highlight. Die Roller-Rennen im Sommer habe ich ausgelassen, da war ich richtig müde. Die Erfahrung sollte mir noch zeigen, dass das richtig war. Und mit dem Saisonstart kommt die nötige Spannung dazu. Wenn wir wissen: Jetzt geht es los.

Das Gespräch führte Roman Stelzl

Biathlon-Weltcup

Weltcup-Auftakt, Östersund (SWE): Samstag, 30.11.; Single-Mixed-Staffel (13.10 Uhr), Mixed-Staffel (15.00). Sonntag: Sprint Herren (12.30), Sprint Damen (15.30).

Mittwoch, 4.12.: Einzel Herren (16.15). Donnerstag: Einzel Damen (16.20). Samstag: Staffel Herren (17.30). Sonntag: Verfolgung Herren (15.30).


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