Heiß-kalt für den Tourismus: Tiroler mit gemischten Gefühlen

Die Tourismusgesinnung der Tiroler Bevölkerung sei viel besser als oft behauptet, es gebe aber auch einiges an Schatten, sagt LH Günther Platter zum Ergebnis einer MCI-Studie. Tirols Tourismusweg wird dem angepasst.

Um die Tourismusgesinnung der Tirolerinnen und Tiroler ist es laut Umfrage gar nicht so schlecht bestellt. Es gibt aber auch einige Kritik.
© TT/Thomas Böhm

Von Alois Vahrner

Innsbruck – Wie sehen die Tirolerinnen und Tiroler den Tourismus? Dieser Frage ging das Management Center Innsbruck (MCI) in einer repräsentativen Umfrage (mit 1500 Befragten die diesbezüglich größte Erhebung seit 1997) nach. 98 Prozent der Befragten schätzen demnach die wirtschaftliche Bedeutung und den Stellenwert des Tourismus als hoch ein, sagt der Chef des MCI Tourismus, Hubert Siller.

Laut der Umfrage sehen 92 Prozent den Tourismus als wichtigen Arbeitgeber im Land, für 82 Prozent schafft die Branche wichtige Einrichtungen und Infrastrukturmaßnahmen wie Seilbahnen, Schwimmbäder oder Öffi-Angebote auch für die Einheimischen, die es sonst wohl nicht gäbe. Zwei Drittel sagen, dass der Tourismus positiv zur Lebensqualität beitrage. 77 Prozent der Befragten zeigten sich stolz, dass Gäste nach Tirol kommen, um zu sehen, was das Land zu bieten habe.

67 Prozent sehen den Tourismus als attraktiven Arbeitgeber, allerdings nur 35 Prozent verbinden mit diesem Arbeitgeber ein positives Image. 64 Prozent der Tiroler fühlen sich laut Umfrage durch die Urlauber im Alltag nicht gestört, 15 Prozent allerdings schon. Während im Jahr 1997 bereits 66 Prozent der Befragten angaben, dass der touristische Verkehr die Lebensqualität beeinträchtigt, waren es nun sogar 73 Prozent. Auch der Wunsch nach weniger Urlaubern ist im Vergleich zu 1997 deutlich gestiegen. Während es 1997 noch 7 Prozent waren, sind es mittlerweile bereits 18 Prozent. 74 Prozent der Befragten wollen auch künftig in etwa gleich viele Urlaubsgäste und nur 8 Prozent mehr.

Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP).
© Julia Hammerle

In der Wahrnehmung des Tourismus gebe es jedoch Unterschiede zwischen den Gebieten, sagt Siller. So hätten die Einwohner von tourismusintensiven Regionen (etwa in den Tälern) insgesamt eine teils deutlich positivere Einstellung und empfänden stärkere Vorteile durch den Tourismus als etwa im Inntal und in Innsbruck.

„Die Tourismusgesinnung ist gut und sie ist besser, als sie oft dargestellt wird“, zeigt sich LH Günther Platter mit den Ergebnissen durchaus zufrieden. Der Großteil der Bevölkerung fühle sich durch die Gäste nicht belästigt, aber viele fühlten sich durch den Verkehr in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt. Tirol habe einen hervorragenden Branchenmix, der Tourismus sei nicht nur, aber gerade auch in den Finanzkrisen-Jahren 2008/9 „der Fels in der Brandung“ gewesen. Jeder dritte Euro in Tirol werde direkt oder indirekt über den Tourismus erwirtschaftet, Tirol habe auch deshalb praktisch Rekord- und Vollbeschäftigung. Der Tiroler Tourismus habe laut Platter mit einem Rückgang der Bettenzahl und einer Steigerung der Wertschöpfung bereits den Weg in die richtige Richtung eingeschlagen.

Die Tourismusstrategie „Tiroler Weg“ bis 2025 und dann 2030 solle angepasst werden, kündigt Platter an. Darin solle es auch um attraktivere Berufe, bessere ökologische Mobilitätsangebote, leistbare Angebote für die Einheimischen und den verstärkten Kampf gegen unannehmbare illegale Natureingriffe im touristischen Bereich gehen.

Man baue das Angebot etwa der klimaschonenden Urlaubsanreise mit dem Zug („Tirol auf Schiene“) massiv aus, sagt Tirol-Werbung-Chef Florian Phleps. So seien allein die täglichen Halte von Fernverkehrszügen in Tirol von 70 auf mittlerweile 194 gewachsen. Zusammen mit den Tourismusverbänden habe man das Öffi-Angebot massiv erweitert. Gäste bräuchten in Tirol im Urlaub kein Auto mehr. Zudem werde die Tirol Werbung künftig verstärkt in Tirol informieren und werben, auch in Sachen Tourismusgesinnung. „Es ist für uns nämlich wesentlich, das Meinungsbild der Tiroler Bevölkerung in diesen Prozess einfließen zu lassen“, betont Phleps Die Übernachtungen von Tiroler Gästen seien in den vergangenen zehn Jahren um 45 Prozent auf 810.000 gewachsen.

Für den Fachgruppenobmann der Hotellerie, Mario Gerber, gilt es die Bemühungen um Mitarbeiter noch zu verstärken. Der Tourismus habe mit einer seit 2001 um 68 Prozent gestiegenen Mitarbeiter-Zahl viel stärker zugelegt als die Tiroler Wirtschaft insgesamt (plus 33 Prozent).

Die auch in der Umfrage zutage getretenen Image-Probleme seien auch Folge „von Versäumnissen aus der Vergangenheit“. Mittlerweile sei aber eine neue Unternehmer-Generation am Ruder. „Die meisten Unternehmen haben längst verstanden, wie wichtig ein wertschätzendes Umfeld für die Beschäftigten ist, und investieren in entsprechende Initiativen von modernen Mitarbeiterhäusern über Weiterbildungsmöglichkeiten bis zum Freizeitprogramm“, so Gerber.

369 Seilbahn-Millionen und kräftige Ansagen

Mit durch die frühen Schneefälle verstärktem Optimismus geht die Tiroler Seilbahnwirtschaft in die teilweise bereits angelaufene Wintersaison. In Summe ließen die Seilbahn-Betriebe heuer 369,3 Mio. Euro und damit um fast 107 Mio. Euro mehr als im Vorjahr rollen. Für neue Seilbahnen und Sessellifte wurde die Investitionssumme von 131,1 auf 191,8 Mio. Euro erhöht, für Beschneiungsanlagen von 49,2 auf 82,4 Mio. Euro. Für Pisten, Zutrittssysteme, Parkplätze, Gastronomie oder Pistengeräte wurde mit 95,1 (nach 81,9) Mio. Euro ebenfalls mehr ausgegeben. Die Seilbahnbranche investiert jährlich etwa die Hälfte oder noch mehr ihres Umsatzes. Laut einer Studie von Manova liegt die Wertschöpfung der Branche bei 493 Mio. Euro, in Summe werde aber für die Gesamtwirtschaft durch die Seilbahn-Nutzer ein fast neunfacher Effekt von 3,1 Mrd. Euro ausgelöst.

Beim gestrigen Seilbahn-Treff, dem traditionellen Saisonauftakt in der Wirtschaftskammer in Innsbruck, sparte Seilbahner-Obmann Franz Hörl nicht mit deftigen Ansagen in Richtung Projekt-Gegner und auch Politik. „Im Gegensatz zu manchen heimischen Politikern sind die Tiroler Seilbahnen nicht nur Spitzenklasse in Österreich, sondern in Zahlen und Fakten absolute Weltspitze.“ Während die Seilbahnen „zum Feindbild des sozialökologischen Milieus, also von etwa 7 Prozent der Bevölkerung“ geworden seien, hätten Seilbahnen und Wintersport international kein Imageproblem.

In verschiedenen Konzernen werde kurzfristig auf den Return of Investment geschaut – ein Denken, das es in den Tiroler Tälern nicht gebe, so Hörl. „Unser Return of Investment sind ­zufriedene Gäste und Einheimische, die stolz auf ihre Bergbahnen sind.“

Alpenvereins-Präsident Andreas Ermacora habe das Bergsteigerdorf Villgraten als Beispiel für funktionierenden sanften Tourismus dargestellt. Mit den „dort urlaubenden wenigen Gästen“ seien Tourismuszentren wie Ischgl, Mayr­hofen, Sölden oder St. Anton nicht zu befüllen. „Sanfter Tourismus bedeutet den sanften Tod für Tourismusregionen“, meint Hörl.

Bei allen Einreich-Projekten müssten sich Seilbahner penibel an Fakten und Regeln halten. „Aber jene, die sich uns als Lieblings-Feindbild ausgesucht haben, können zu jeder Zeit Fake News und jeden Schmarren in die Welt setzen und so Stimmung gegen uns machen.“ Bei der Diskussion um den Gletscher-Zusammenschluss von Pitztal und Ötztal werde „Meinungsterror“ gegen das Projekt betrieben. „Das ist ernüchternd.“

Der Klimawandel finde statt und der Mensch sei zu einem erklecklichen Teil dafür verantwortlich, sagt der Seilbahner-Chef. Das schon vor 20 Jahren prophezeite Ende sei nicht eingetreten, und das werde es auch in Zukunft nicht. Die Seilbahnen setzten massiv auf klimafreundlichen Urlaub. Wo es noch einiges zu verbessern gebe, seien Alternativen zur Anreise mit dem Pkw. Die mit den ÖBB heuer anlaufende Aktion „Mit dem Nightjet zum Schnee“ sei ein echter Fingerzeig, so Hörl. „Ich sage daher: Greta Thunberg würde wohl Skiurlaub in Tirol empfehlen. Denn bei uns kommt Öl nur noch in die Pfanne und nicht in den Heizungskeller.“ (va)


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