Katzen an die Leine für den Artenschutz? In Tirol ,,undenkbar“

Niederländische Forscher fordern ein Freilaufverbot für Katzen, weil sie jährlich Millionen Vögel töten. Tiroler Experten sehen den Vorschlag aber kritisch.

Allein in den Niederlanden töten zweieinhalb Millionen Katzen jährlich rund 140 Millionen Tiere.
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Von Benedikt Mair

Innsbruck –Bei dieser Forderung bleibt Katzenfreunden wohl das Fellknäuel im Hals stecken: Im Sinne des Artenschutzes pochen Arie Trouwborst und Han Somsen von der niederländischen Universität Tilburg auf Leinenpflicht für Hauskatzen. Allein in den Niederlanden würden umherstreunende Tiere jährlich 140 Millionen Vögel töten – und die Population damit empfindlich gefährden. Rechtlich gründet ihr Vorstoß auf der EU-Vogelschutzrichtlinie.

In ihrer jüngst publizierten Studie argumentieren Trouwborst und Somsen, dass Katzen weltweit an der Ausrottung von mindestens zwei Reptilien-, 21 Säugetier- und 40 Vogelarten beteiligt gewesen sind und eine Gefahr für 367 bedrohte Arten darstellen.

Dass die beliebten Haustiere ihre Umwelt drastisch beeinflussen können, ist auch in Tirol bekannt. „Besonders stark ist die Auswirkung auf Vögel“, sagt Katharina Bergmüller, Landesleiterin des Tierschutzvereins BirdLife. „Im Siedlungsraum beeinflusst die Anwesenheit von Katzen durchaus die Population, besonders weil diese die Jungvögel jagen. Die großen Sorgenkinder in Tirol, also jene Vögel, die vom Aussterben bedroht sind, halten sich aber nicht dort auf“, beruhigt sie. „Eine Katze an die Leine zu nehmen, empfinde ich aber als Quälerei.“ Zielführender fände sie andere Maßnahmen, um den Bestand zu regulieren: „Vorstellbar wäre die Einschränkung, dass jeder Haushalt nur eine Katze besitzen darf.“

Martin Janovsky, Tierschutzbeauftragter des Landes Tirol, verstehe zwar die fachliche Argumentation hinter der geforderten Leinenpflicht, aber „so etwas ist bei uns undenkbar, auch wegen des Nutzens von Hauskatzen in der Landwirtschaft“. Dafür gebe es andere Bestimmungen, um einer „unkontrollierten Vermehrung entgegenzusteuern“. Janov­sky führt die Kastrationspflicht ins Feld, die in Österreich seit 2005 gilt und Mitte 2016 auch auf Katzen in bäuerlicher Haltung ausgedehnt wurde.

Vor allem die hohe Zahl streunender, verwilderter Katzen nennt Kristin Müller, Geschäftsführerin des Tierschutzvereins Tirol, als Problem für Vogelpopulationen. „Weil diese auch auf die Vögel als Nahrung angewiesen sind.“ Wie viele Streuner es in Tirol sind, sei nicht erfasst. „Aber jedes Jahr fangen wir bis zu 500 Streuner ein, um sie zu kastrieren.“ An sich sei es möglich, Katzen anzuleinen, ohne sie zu quälen, sagt Müller. „Es muss nur richtig antrainiert werden.“ Dennoch sehe sie eine Pflicht dazu kritisch. „Ja, Katzen töten viele Vögel. Aber für den Schwund der Populationen sind sie nicht alleine verantwortlich.“ Besitzern von Freigänger-Katzen rät sie, diese „wenigstens in der Brutzeit nur unter Beobachtung rauszulassen“.

Weit hergeholt findet Europarechtsexperte Walter Obwexer die Tatsache, „aus der EU-Vogelschutzrichtlinie eine Leinenpflicht für Katzen abzuleiten. Denn die zielt nicht auf Maßnahmen gegen natürliche Feinde der Vögel ab.“ Vielmehr gehe es um Schritte gegen die vom Menschen geschaffenen Gefahren für die Tiere, „etwa zu verhindern, dass Brutplätze zerstört werden“.


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