Lesen als Achillesferse des österreichischen Schulsystems

Österreichs 15- bis 16-jährige Schüler plagen sich beim Lesen. Bei der jüngst veröffentlichten PISA-Studie hat jeder Siebente angegeben, dabei schon immer Schwierigkeiten gehabt zu haben. Tatsächlich hapert es laut Studien in Österreich in allen Altersklassen an der Lesefähigkeit. Man müsse bei den Jüngsten gegensteuern, fordert Michael Bruneforth vom Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie).

Die Volksschule sei zwar grundsätzlich eine der Stärken des österreichischen Bildungssystems, „aber beim Lesenlernen gibt es hier Nachholbedarf“, sagte der Bildungsforscher im APA-Gespräch. So schneiden Viertklässler bei der PIRLS-Studie („Progress in International Reading Literacy Study“) unter 50 Ländern im Vergleich zu den Nachbarländern unterdurchschnittlich ab. Bei den Bildungsstandarderhebungen zeigen sich bei einem Drittel der Zehnjährigen deutliche Lücken in der Erreichung der im Lehrplan vorgegebenen Lernziele im Lesen. Unter jenen, die danach an eine Neue Mittelschule (NMS) wechseln, sind es sogar 50 Prozent.

Probleme sieht Bruneforth an den Volksschulen vor allem im Bereich der Diagnostik: Lehrer müssten in der Lage sein, die Leseschwäche von Schülern überhaupt zu entdecken. Viele der aktuellen Lehrerinnen und Lehrer hätten allerdings nur eine dreijährige Ausbildung und dementsprechend wenig über das richtige Lesenlernen erfahren.

Dazu kommen laut Bruneforth im österreichischen Schulsystem Probleme an der Schnittstelle zur NMS und AHS-Unterstufe: Die Schüler würden in einer Phase, in der das Lesenlernen noch nicht abgeschlossen ist, an Schulformen wechseln, in denen die Lehrer sich für die weitere Förderung solcher Grundkompetenzen nicht mehr unbedingt verantwortlich fühlen.

Für jene 38 Prozent der Schüler, die das Deutsch-Curriculum der Volksschule nur in Teilen oder gar nicht beherrschen, sei das ein großes Problem. „Zumindest in der fünften und sechsten Schulstufe müssten die Lehrer sich mehr anschauen, ob die Schüler noch bei ‚learning to read‘ sind oder bei ‚reading to learn‘.“ Die Folge des holprigen Übergangs: In der Sekundarstufe wächst die Zahl der Schüler mit Leseproblemen noch weiter an. In der vierten Klasse NMS und AHS-Unterstufe scheitern bereits 45 Prozent an den Bildungsstandards für Lesen. Bei der PISA-Studie fällt dann ein Viertel 15- bis 16-Jährigen in jene Gruppe, die selbst einfachste Leseaufgaben nicht lösen können.

Ähnlich das Bild bei den Jugendlichen und Erwachsenen zwischen 16 und 65: Bei der OECD-Studie PIAAC („Programme for the International Assessment of Adult Competencies“) aus 2012 hat Österreich ebenfalls leicht unterdurchschnittlich abgeschnitten, 17 Prozent haben demnach Probleme beim Lesen selbst einfacher Texte. Für Bruneforth ist das ein Zeichen dafür, dass Österreich“ im Lesen immer schon schwächer war, als wir selber wahrgenommen haben“ und dass die Wahrnehmung, dass das Schulsystem immer schlechter werde, so nicht ganz stimmen dürfte.

Wie man bereits bei den Jüngsten gegensteuern kann? Mit Vermittlung einer guten Lesetechnik, betont Bruneforth. „Freude am Lesen allein ist zu wenig.“ Wer nicht flüssig lesen könne, habe nämlich auch nicht lange Freude am Lesen. Skeptisch sieht er deshalb den Nutzen von Programmen wie Lesenächten oder andere Aktionen, die vor allem den Wert von Lesen in der Gesellschaft hervorheben sollen. „Gerade die Risikogruppe ist damit nicht gut zu erreichen.“


Kommentieren