„Spiele das Spiel. Sei nicht die Hauptperson“: Handke hält Nobelpreis-Vorlesung

In seiner Nobelpreis-Vorlesung beschwor Peter Handke das eigene Werden. Die Kontroverse um seine Auszeichnung erwähnte er nicht.

Peter Handke hielt am Sonntagabend seine Nobelpreis-Vorlesung.
© AFP/Ekstromer

Stockholm — Ereilte Peter Handke bei seinem ersten offiziellen Nobel-Auftritt am Freitag noch sein — mittlerweile sprichwörtlicher — jäher Zorn über die, nach Meinung des selbsterklärten Meinungslosen, „leeren und ignoranten Fragen" internationaler Berichterstatter, zeigte er sich gestern als Redner in eigener Sache von seiner nicht weniger fordernden, aber sanfteren Seite.

Dass Handke in seiner „Lecture" Bezug auf sein Anfang der 1980er-Jahre entstandenes dramatisches Gedicht „Über die Dörfer" nehmen würde, kündigte der Nobelpreisträger bereits vorab an. „Über die Dörfer" handelt von der friedlichen Lösung eines Geschwisterkonflikts. Während Olga Tokarczuk, die heuer nach dem Missbrauchsskandal in der Schwedischen Akademie rückwirkend für 2018 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, in ihrem Vortrag drängende Probleme der Gegenwart zum Thema machte (siehe Artikel rechts), umkreiste Handke also ein zentrales Werk seines eigenen Schaffens — und legte dadurch nicht zuletzt seine eigene Poetik frei: „Spiele das Spiel. Sei nicht die Hauptperson. Such die Gegenüberstellung. Aber sei absichtslos. Vermeide die Hintergedanken. Verschweige nichts", das fordert Nova in Handkes Stück — und Handke macht es ihr nun nach. Dann schaut er zurück, auf die Anfänge seines Schreibens zu den Erzählungen seiner Mutter, auf Worte und „unerhörte Begebenheiten", nur durch diese von slowenischen Begriffen und Wendungen durchzogenen Geschichten könne er reden, „wie ich reden werde".

Die Debatte um seine Position in den Jugoslawienkriegen, die Handkes Auszeichnung überschattet hat, erwähnte er nicht. Spielte allerdings — gewissermaßen zwischen den Zeilen — darauf an. „Der ewige Frieden ist möglich", zitiert er aus „Über die Dörfer" — und erwähnt einen dichtenden Leibwächter, der ihm 2014, als er in Oslo den Ibsen-Preis erhielt und die Proteste nicht ausblieben, zur Seite gestellt wurde. Nur in der Dichtung, jener poetischen Wahrheit, auf die sich Handke immer dann beruft, wenn es in der prosaischen Wirklichkeit eng wird, scheint Versöhnung möglich. Wer auf eine nicht verklausulierte Stellungnahme Handkes oder gar auf eine Entschuldigung wartete, wurde allerdings enttäuscht. Vielmehr beschwor der 77-Jährige seine Helden und „Soulguards": die Filmemacher John Ford und Yasujiro Ozu, Johnny Cash und den schwedischen Dichter Tomas Tranströmer, der 2011 mit dem Literaturnobelpreis bedacht wurde. Dessen Gedicht „Romanische Bögen" verlas Handke im Original — und verband es mit jenen „romanischen Bögen der Kirche nahe Stara Vas (dem Geburtsort seiner Mutter", unter denen er von „slowenisch-slawischen religiösen Litaneien" in Schwingungen versetzt wurde.

Am Dienstag werden Peter Handke und Olga Tokarczuk im Stockholmer Konzerthaus die Literaturnobelpreise für 2018 und 2019 entgegennehmen. ORF III überträgt ab 16.20 Uhr live. (jole)

„Die Welt droht verbraucht zu werden“

Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hat in ihrer Nobelvorlesung einen Fokus auf die Schnelllebigkeit der heutigen Welt und die damit verbundenen Probleme gelegt. Die Welt sei ein Stoff, den die Menschheit täglich auf den großen Webstühlen von Informationen, Diskussionen, Filmen, Büchern, Gerede und kleinen Anekdoten webe, sagte die polnische Schriftstellerin gestern in ihrer Vorlesung in der Schwedischen Akademie in Stockholm. „Dank des Internets kann fast jeder an diesem Prozess teilnehmen, mit Verantwortung oder ohne, mit Liebe oder hasserfüllt." In diesem Sinne werde die Welt aus Worten gemacht.

„Die Kategorie der Fake News wirft neue Fragen darüber auf, was Fiktion ist", sagte Tokarczuk. Fiktion habe das Vertrauen der Leser verloren, weil Lügen zu einer Massenvernichtungswaffe geworden seien. Zugleich halte sie es mit Aristoteles: Fiktion ist immer auch eine Art Wahrheit.

Die Welt müsse nun ihren Weg durch den Klimanotstand und die politische Krise finden, so Tokarczuk. Gier, fehlender Respekt vor der Natur, ein Mangel an Vorstellungskraft und Verantwortungsbewusstsein hätten aus der Welt ein Objekt gemacht, das verbraucht werden könne. „Das ist es, warum ich glaube, dass ich Geschichten erzählen muss, als wäre die Welt eine lebende, einzelne Einheit, die sich konstant vor unseren Augen formt, und als ob wir ein kleiner und zugleich mächtiger Teil davon wären." (TT)

© TT NEWS AGENCY

Kommentieren


Schlagworte