Viel Effekt, weniger Plot bei „Peer Gynt“ im Volkstheater

Lichttechnik mit Clubatmosphäre, fette Beats aus der Human Beatbox, ein in Zeitlupe fliegendes Wurfmesser und drei vielfach simultan auf der Bühne wirkende Hauptfiguren - es war viel los am Samstagabend bei der Premiere von „Peer Gynt“ im Wiener Volkstheater. Hatte man jedoch Ibsens Plot nicht parat, konnte es schwierig werden, denn allzu üppig bedient wurde man damit zwischen den Effekten nicht.

Gleichwohl, eine werktreue Annäherung an Henrik Ibsens Klassiker war von dem ungarischen Regisseur Viktor Bodo nicht zu erwarten und wurde auch nicht verlangt. Trotzdem schleicht sich der rund zweistündige Abend ohne Pause recht gemächlich an: Dazu trägt nicht nur die von Agnes Bobor in ihren Grundfesten schlichtest gehaltene Bühne bei, die sich später als quasi unendlicher, sich nach hinten verjüngender Raum mit allerlei Zwischenwänden und Auftritts- und Abgangsoptionen entpuppen wird. Im trostlosen Setting und im ebensolchen Zwiegespräch mit seiner Mutter Aase (Steffi Krautz) hebt der von Nils Hohenhövel verkörperte junge Peer Gynt rasch zum Monolog an, der ihn als jenen Träumer mit Weltherrschaftsambitionen outet als der er in die Weltliteratur eingegangen ist.

Schon bald geht er an sein vor allem für sein Umfeld vielfach verheerendes Werk. In Bodos Annäherung braucht es nicht viel Anlauf, und man findet sich mitten in einem komödiantischen bis klamaukigen Schauspiel. Auch das Ensemble - allen voran sind neben Hohenhövel auch noch Jan Thümer als Peer Gynt mittleren Alters sowie Günter Franzmeier als älterer Titelantiheld zu sehen - entwickelt rasch sichtbare Freude inmitten des Ideen- und Effektreichtums der Inszenierung, bei der Licht- (Paul Grilj), Videotechnik (Vince Varga) und die braven bis punkigen Kostüme (Andrea Kovacs) ein gewichtiges Wörtchen mitzureden haben.

So lockert Bodo einige eigentlich bedrückende Szenen auf, wenn etwa der junge Peer Gynt die einem anderen versprochene Braut Ingrid (Dorka Gryllus) kurzerhand ausspannt, um sie sogleich wieder links liegen zu lassen. Den nächsten Angebeteten - Evi Kehrstephan gibt Solvejg und Die Grüngekleidete - sollte es nicht viel anders ergehen. Für Betroffenheit und nachwirkendere Tragik lässt die Inszenierung aber wenig Platz, umso mehr Raum haben dagegen groteske Episoden.

Mit Fortdauer des unterhaltsamen Abends, dessen plakativer Tiefgang sich aber in Grenzen hält, nimmt auch die (Nicht-)Entwicklung der Hauptfigur, etwa als skrupelloser Sklavenhändler oder Guru in Afrika ihren Lauf. Das Peer Gynt-Triplett weiß sich in den Momenten, wo ihm die eigene Verkommenheit vorbewusst wird, jedenfalls immer einen Ausweg. So wirft man einander relativ leichtfüßig jene Ausreden, Neuinterpretationen und Lebenslügen zu, durch die das recht unbeschwerte Weitervagabundieren möglich wird. Auch als Rockband machen die drei Herren unterschiedlichen Alters keine schlechte Figur - allen voran Franzmeier, der wieder einmal sein Können als Gitarrist zeigen darf.

Bei all den Einfällen, Effekten und der üppigen Spielfreude tut man sich womöglich vor allem dann mit dem Stück schwer, wenn man das Wissen über die eigentliche Handlung und die darin verborgenen Verbindungen nicht von zuhause mitbringt. Einen deutlichen roten Faden gibt Bodo dem Besucher über weite Stecken nicht in die Hand. Auch spart die Inszenierung aktuell-gesellschaftspolitische Seitenhiebe eigentlich rundum aus. So bleibt ein ziemlich komödienhafter Abend übrig, der vor allem optisch viel zu bieten hat und das Premierenpublikum zu minutenlangem, freundlichen Applaus motivierte.


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