Die gute Geschichte: Ein Krippenbauer und seine himmlische Welt

Wenn er seine Krippen baut, dann hat der Herrgott seine Finger mit im Spiel. Der 61-jährige Walter Wechselberger taucht das ganze Jahr über in seine ganz eigene Welt ein.

Walter Wechselberger hat sich eine kleine Werkstatt eingerichtet, in der er mit Leidenschaft unzählige Stunden dem Krippelebauen nachgeht.
© Schratzberger

Von Martina Schratzberger

Stams, Ötztal-Bahnhof, Inns­bruck –Magisch. Wenn er sie herzeigen und präsentieren kann, funkeln seine Augen. Reich an Facetten, wie in einem Wimmelbuch, gestaltet er eine Weihnachtskrippe nach der anderen. Walter Wechselberger lädt dazu ein, in seine Welt einzutauchen – und die ist himmlisch.

Der 61-Jährige ist taubstumm, auch kognitiv hat er Defizite. Als lediges Kind wuchs er bei seinen Onkeln und Tanten auf einem Bauernhof in Tux auf. Die lehrten ihn das Krippelebauen. Am Hof selbst wurde ein eher karges Leben geführt. Weder gab es eine Zentralheizung noch ein WC. Auf Maschinen wurde weitgehend verzichtet, Handarbeit großgeschrieben. Walter war jeden Sommer auf der Alm. Er war dabei, als Kälber geboren wurden. Er züchtete Hasen. Er lernte, Heukörbe zu flechten, Weidezäune aus Holz zu bauen. Alles Fertigkeiten, die er mit seinen großen Händen auch im Miniformat umsetzen kann.

Seit ein paar Jahren können sich die mittlerweile verstorbenen oder hochbetagten Verwandten nicht mehr um Walter kümmern. Deshalb arbeitet er bei der Lebenshilfe Ötztal-Bahnhof und wohnt wochentags in einer kleinen, betreuten Wohnung. Das Wohnheim war nichts für ihn. Auch deshalb, weil er sich bis auf seine Taubstummheit nicht behindert fühlt. An den Wochenenden besucht er seine 83-jährige Mutter und die Halbgeschwister in ihrem Mehrfamilienhaus in Stams.

Dort hat er auch die Kellerräume für sich in Beschlag genommen und eine kleine Werkstatt eingerichtet. „Wenn Walter in der Werkstatt ist, geht es ihm gut. Beim Krippenbauen kann er sich erden, entspannen und jeden Grant ablegen. Er ist freiheitsliebend und freut sich, wenn er die Regeln für sich selbst aufstellen kann“, sagt Schwester Gabi Schweigl.

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In der Werkstatt und auch davor türmen sich Leisten, Farben, Beizen, Heubüschel und bereits fertiggestelltes Zubehör wie etwa Futterkrippen. „Walter ist im Frühling, Sommer, Herbst und Winter fast jeden Tag in den Wäldern und sammelt für seine Werke. Er kann einfach alles brauchen, Stecken, Steine, Moos, Gras, Scherben …“ Ein Umstand, der innerhalb der Familie nicht immer auf Zuspruch stößt. Was dem Krippenbauer wiederum missfällt: „Die Sticks für die Heißklebepistole dürfen nicht ausgehen. Schon gar nicht an einem Sonntag. Wir kaufen sie kiloweise. Eines haben wir immer in Reserve.“

Weil Krippenbedarf nichts für kleine Geldtaschen ist, hat ihm ein Krippenbaumeister wertvolle Tipps gegeben: In mühevoller Kleinarbeit und Fuzlerei verarbeitet er das Aluminium von Coladosen. Daraus bastelt er Scharniere oder die Schneide von Sensen und Äxten. Walter setzt Glasscheiben in die kleinen Fensterstöcke. Er baut Vogelhäuser im Miniformat, richtet Holzlegen auf, bröselt getrocknetes Gras auf das Dach, um einen möglichst authentischen Effekt zu erwirken. Walter ist ein Perfektionist.

Geduldig fertigt er jedes noch so kleine Holznägelchen an. Für das gleichmäßige Zuschneiden der Schindeln hat er sich extra eine Vorrichtung gebaut. Schieferplatten meißelt er händisch zurecht, um sie dann zu mauern. Es ist regelrecht spürbar, wie sehr das Krippelebauen seine Passion, seine Leidenschaft ist. Jeder seiner Krippen wohnt ein märchenhafter Zauber inne, ganz als ob der Herrgott seine Finger mit im Spiel und vielleicht sogar Spaß dabei gehabt hätte.


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