Diskriminierung am Arbeitsplatz: „Wir haben ein Rassismusproblem“

Immer wieder werden Menschen in der Arbeit aufgrund ihrer Hautfarbe, ethnischen Zugehörigkeit, Religion oder anderer Merkmale diskriminiert. Legal ist das nicht. Hinnehmen muss man es auch nicht.

Von Natascha Mair

Innsbruck – „Ich schmeiße dir das Rührei auf den Kopf, du hässlicher N.“, antwortete der Souschef einer Innsbrucker Hotelküche auf eine von Kellner Paulo Alberto Dos Santos weitergeleitete Bestellung, schildert dieser. „Ich war zutiefst verletzt, aber perplex, weshalb ich auch meinen Dienst ganz normal beendete. Erst zu Hause wurde mir klar, dass ich etwas unternehmen muss“, erzählt er.

Davor, dass Menschen aufgrund eines bestimmten Merkmals schlechter behandelt werden als andere, schützt in Österreich das Gleichbehandlungsgesetz. Darin ist geregelt, dass Diskriminierung aus den Gründen Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Religion, Weltanschauung, Alter und sexuelle Orientierung verboten ist, klärt Katharina Raffl von der Tiroler Gleichbehandlungsanwaltschaft auf. Bezogen auf die Arbeitswelt beinhaltet das Gesetz die Gleichstellung aller Menschen in Stelleninseraten, Bewerbungen oder bei Einstellung, Lohn und Gehalt, Beförderung, Arbeitsbedingungen, Beendigung eines Arbeitsverhältnisses und Berufsberatungen. Als Beispiele für Diskriminierung in der Arbeitswelt nennt Raffl: Wenn in Stelleninseraten „nur Inländer“ gesucht werden oder Frauen den Job verlieren, sobald die schwanger sind. Wenn Menschen am Arbeitsplatz wegen ihrer Hautfarbe beschimpft, sexuell belästigt oder wegen ihres Alters nicht beschäftigt werden.

„Man muss nicht direkt mit dem N-Wort beleidigt werden, damit es rassistisch ist“, gibt Ana E., die selbst schwarz ist, zu bedenken. Regelmäßig werde sie aufgrund ihrer Hautfarbe beleidigt oder nicht zu Bewerbungsgesprächen zugelassen, erzählt sie. „Mehrmals habe ich mich telefonisch für eine Stelle beworben und wurde freudig eingeladen. Vor Ort hieß es dann, noch bevor wir überhaupt geredet hatten, dass die Position gerade jetzt vergeben worden sei“, sagt sie. Auch wurde ihr schon direkt gesagt, dass sie für eine Stelle nicht geeignet sei, da man im Unternehmen regionale Produkte verkaufe und sie dafür zu exotisch sei. Oft könne sie sich auch schon gar nicht für bestimmte Stellen bewerben, weil es im Inserat heiße, dass man nur österreichische Staatsbürger suche, schildert Frau E. „Tirol hat definitiv ein Rassismusproblem“, ist sie überzeugt. Das spiegle sich natürlich in der Arbeitswelt wider, sagt sie. „In sichtbaren Positionen sind wir Schwarzen unterrepräsentiert. In einer Bank zum Beispiel sieht man so gut wie nie schwarze Angestellte“, berichtet die Betroffene weiter.

Theresa Hammer und Daniela Almer vom Klagsverband, einer Organisation zur Durchsetzung der Rechte von Diskriminierungsopfern, verweisen darauf, dass Diskriminierung ein gesamtgesellschaftliches Problem sei. „Strukturelle Faktoren des Arbeitsmarktes, wie die Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit, die gesellschaftliche Machtverteilung oder stereotype Vorstellungen über bestimmte Menschengruppen spielen eine entscheidende Rolle dabei, wer benachteiligt und wer bevorzugt behandelt wird“, erklären sie. Besondere Benachteiligungskonstellationen könnten entstehen, wenn Personen mehrere diskriminierungsanfällige Kriterien in sich vereinen, so etwa für Frauen mit Behinderungen oder Musliminnen, die Kopftuch tragen.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Katharina Raffl weist darauf hin, dass Diskriminierung nicht hingenommen werden muss. „Betroffene können sich jederzeit an die Gleichbehandlungsanwaltschaft wenden. Wir beraten und unterstützen auf dem Weg zum Recht“, betont sie. Man könne vermutlich diskriminierende Arbeitgeber auffordern, eine Stellungnahme abzugeben und versuchen, eine außergerichtliche Einigung zu erzielen. Gelinge keine Einigung, könne man gerichtlich Schadenersatz einklagen, erklärt sie. Raffl rät, sich Notizen zu machen sowie Beweise zu sammeln. Mitarbeitern von Diskriminierten empfiehlt sie: „Schauen Sie hin, nicht weg. Bieten Sie der betroffenen Person Ihre Unterstützung als Zeuge an.“

Den Weg der Klage ist auch Paulo Alberto Dos Santos gegangen. Nachdem er sich an seine Vorgesetzten gewandt hatte, dort aber auf Unverständnis stieß, meldete er den Vorfall der Tiroler Gesellschaft für rassismuskritische Arbeit (TIGRA). „Ich wollte eine außergerichtliche Lösung, eine Entschuldigung hätte mir schon gereicht“, betont der Brasilianer. Da sich Arbeitskollege sowie Dienstgeber uneinsichtig zeigten, vermittelte TIGRA Dos Santos an den die Klage einleitenden Klagsverband. Im März 2017 hat das OLG Innsbruck dem Kellner in zweiter Instanz 1500 Euro Schadenersatz zugesprochen. „Dem Urteil kommt besondere Bedeutung zu, weil zum ersten Mal schon eine einmalige Beleidigung als rassistische Diskriminierung am Arbeitsplatz anerkannt wurde. Bisher galt lediglich ein diskriminierendes Verhalten von gewisser Dauer als wesentlich für eine erfolgreiche Klage“, erzählt Dos Santos.

Interview: Aktiv gegen Ungleichheiten im Betrieb vorgehen

Wie kommt Diskriminierung in der Arbeitswelt zum Tragen?

Eva Fleischer: Diskriminierung ist zum einen eine bewusste abwertende Handlung, zum Beispiel wenn eine homosexuelle Person ständig „Schwuchtel" genannt wird. Zum anderen können das unbewusste Dinge sein, die aber trotzdem wirken, etwa wenn eine kopftuchtragende Frau gesagt bekommt, dass die Kundinnen das nicht mögen. Das ist meist nicht böse gemeint, verletzt aber dennoch und lässt die strukturellen Hintergründe, auf denen solche Annahmen beruhen, außer Acht. Schließlich kommt es auch auf die Wahrnehmung der Betroffenen an: Rassismus etwa wird bewusster wahrgenommen als Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Die Unterschiede in der Bezahlung von Mann und Frau etwa, oder fehlende Aufstiegschancen bei gleicher Qualifizierung für Frauen sind in unserer Gesellschaft schon dermaßen normalisiert, dass sie oft nicht als Diskriminierung wahrgenommen werden.

Warum ist es wichtig, dass Unternehmen sich gegen Diskriminierung positionieren und wenn nötig aktiv dagegen vorgehen?

Fleischer: Diskriminierung von Mitarbeitern wirkt sich negativ auf das Betriebsklima und somit auf die Produktivität des Betriebes aus. Anstatt das ganze Potenzial aller zu nutzen, wird Frustration erzeugt. Zudem gibt es auch noch die rechtliche Ebene. Unternehmen sind in vielen Bereichen gesetzlich dazu verpflichtet, nicht zu diskriminieren bzw. etwas dagegen zu unternehmen. Z. B. besteht eine gesetzlich vorgeschriebene Verpflichtung dazu, für gerechte Gehaltseinstufungen zu sorgen, anstatt unterschiedliche Löhne auf das schlechtere Verhandlungsgeschick von Frauen zu schieben.

Sie bieten so genannte Anti-Bias-Trainings für Unternehmen an. Was kann man sich darunter vorstellen?

Fleischer: Anti-Bias bedeutet, aktiv gegen Schieflagen vorzugehen. Zentraler Zugang des Ansatzes ist es, dass Vorurteile nicht verhinderbar sind. Wir alle haben welche, die Frage ist nur — wie gehen wir damit um? In den Seminaren soll zum vorurteilsbewussten Umgang angeregt werden und zur Reflektion darüber, warum wir denken und handeln, wie wir es eben tun. Zum Beispiel würden meine Kollegin und ich genauer nachfragen, wenn es heißt, dass für eine Führungsposition männliche Bewerber bevorzugt werden. Warum wird angenommen, dass ein Mann an dieser Stelle geeigneter ist? Wieso wird einem Mann eher Durchsetzungsvermögen und Konsequenz zugeschrieben, wo es doch auf die jeweilige Person ankommt, ob sie diese Eigenschaften mitbringt, und dies nichts mit dem Geschlecht zu tun hat. Außerdem schauen wir uns die Strukturen im Betrieb an. Wo geht es Richtung Wertschätzung und in welchen Bereichen hingegen wird wer benachteiligt?

Warum fühlen sich viele Menschen angegriffen, wenn es um ihre eigenen Vorurteile geht?

Fleischer: Weder ist es angenehm, selber benachteiligt zu werden, noch sich eingestehen zu müssen, dass man diskriminiert hat oder von struktureller Ungleichbehandlung profitiert. Dies kann zu Abwehrhaltungen führen bzw. dazu, dass man Ungleichheiten rechtfertigt.

Was würden Sie einem Arbeitgeber (AG) raten, in dessen Unternehmen es zu einer Art von Diskriminierung gekommen ist?

Fleischer: Hier muss auf mehreren Ebenen gehandelt werden. Zunächst sollte der AG die betroffene Person schützen und ihr vermitteln, dass diskriminierendes Verhalten nicht geduldet wird. Auf keinen Fall sollte man die Person als zu empfindlich abstempeln. Parallel dazu muss mit dem Verantwortlichen geredet werden, wobei auch hier klargestellt werden soll, dass solches Verhalten nicht akzeptiert wird. Außerdem müssen längerfristige Maßnahmen gesetzt werden, wie etwa ein Sensibilisierungstraining für alle Betriebsangehörigen. Dadurch soll ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass Diskriminierung keine Bagatelle ist und was man damit auslöst. Zudem sollte das Unternehmen strukturelle Maßnahmen setzen. Es braucht zukünftig eine Leitorientierung und einen Maßnahmenplan für solche Fälle. Führungskräfte müssen dahingehend geschult werden.

Das Gespräch führte Natascha Mair


Kommentieren


Schlagworte